Gott wirkt in jedem Leben

Liebe Gemeinde.

Sie sind heute am Heiligen Abend so zahlreich gekommen, damit diese Heilige Nacht mit einem Gottesdienst beginnt.

Das freut mit sehr. Denn ich erfahre es ebenso: zur schönen Stimmung an Weihnachten gehört ein Gottesdienst mit dazu. Ich selbst habe dies schon als Kind so erlebt. Die Kirche ist festlich geschmückt. Oft mit mehreren Christbäumen in der alten Erinnerung an den Baum des Lebens aus dem Paradies. Lichter, viele Kerzen, erhellen den Raum. Der immergleiche Weihnachtstext aus dem Lukasevangelium, den auch wir gerade gehört haben. Auch er ist mir zur Heimat meines persönlichen Glaubens geworden. Auch die Lieder gehören dazu. Mir selbst geht es so, dass ganz bestimmt Lieder ihren eigentlichen Glanz erst an den Weihnachtstagen voll entfalten.

An Heilig Abend hören wir noch andere Texte, die wir nicht ganz so gut kennen, wie die Weihnachtsgeschichte. Aber auch sie gehören dazu. Sie gehören aus der Sicht der Christenheit hinein in diese lange Geschichte, die auf Christi Geburt hinläuft. Wie alle Texte der Bibel, der Heiligen Schrift, so sind auch diese Aussagen des Glaubens. Weil Menschen Gott in ihrem Leben erfahren haben, geben Sie Auskunft über diese ihnen geschenkte Hoffnung. Oft genug wird es Ihnen so gehen, liebe Gemeinde, wenn Sie die Bibel lesen, dass sie spüren, wie die Sprache der Autoren alle Grenzen sprengt. Was dort berichtet wird, kann doch nicht sein, sagen dann die einen. Die Anderen aber wissen es besser. Denn es geht ja nicht um die wissenschaftliche Beschreibung eines bestimmten Vorgangs. Sondern es geht immer und immer wieder um dieses Glauben, um dieses Vertrauen zu Gott in meinem Leben. Deswegen lesen wir in der Schrift so viele Bilder – auch heute Abend. Sie reden von Christus und von Gott, wie ihnen das Herz übergeflossen ist. Er ist der Wunder-Rat, der Gott-Held, der Ewig-Vater, der Friede-Fürst. Zu erklären sind diese Namen kaum. Jeder Versuch, dies zu tun, wird nicht mehr als einen möglichen Ausschnitt begreifen können. Vielleicht so: der Ewig-Vater ist der Vater, der dich schon immer begleitet hat. Bevor es diese Welt gab. Und der auch noch für dich da sein wird, wenn es diese Welt nicht mehr gibt. Wenn Pfarrerinnen und Pfarrer über solche Texte predigen, dann sollen sie versuchen jene Bilder so auszulegen, dass der Predigthörer eine Ahnung davon bekommt, wie Gott den Menschen in ihrem eigenen Leben begegnen will. Manches aber können wir nur erahnen oder erspüren. Vielleicht so, wie man die Weihnachtsstimmung erspüren oder erleben kann.

Denn wahre Erkenntnis, liebe Gemeinde, bringt kein reines Wissen mit sich. Erkenntnis ist immer zugleich eine Haltung. Erkenne ich den Herrn, so spüre ich zugleich meine Beziehung zu diesem Gott. All das, was ich ihm verdanke, was ich ihm schulde. Aber auch, wie er mich – ganz persönlich, wie es Martin Luther immer wieder betont – gerettet hat aus aller Not. Und das, obwohl ich mich mein Leben lang immer wieder so verhalte, als gäbe es diesen Gott nicht. Wahre Erkenntnis lässt mich deswegen demütig werden. Ich darf erkennen, wie sehr ich ungeschuldet geliebt werde.

So verhält es sich mit vielem, was uns im Glauben begegnet. Ja, ich meine sogar, dass ein Großteil unseres Glaubens durch solch einen Zugang bestimmt ist. Denn auch wir werden angerührt von bestimmten Erlebnissen, aus denen mit der Zeit Erfahrungen reifen. Vielleicht sind wir angeleitet durch das Elternhaus: das Gebet am Tisch etwa. Möglicherweise durch den Freundeskreis ermuntert: die christliche Jugendarbeit fällt mir dazu ein. Manch einer ist auch durch ein Wort der Pfarrerin oder eine Begegnung im Konfirmandenunterricht geöffnet worden. Geöffnet hin zu Gott. Damit der Mensch sehen und erkennen kann, wie sehr Gott ihn liebt. Wir müssen jedoch damit leben, dass eine solche Öffnung nicht „machbar“ ist. Sie steht uns nicht zur Verfügung, wie ein Ding, welches man mit der Hand greifen kann. Ich könnte jeden Sonntag Gottesdienste halten und wüsste dennoch nicht mit Sicherheit, ob ich jemanden dadurch erreiche. Denn es steht eben nicht in meiner Macht.

Manchmal öffnet Gott die Menschen zu sich hin, ganz unbemerkt, an Orten, wo wir nicht daran denken würden. Ein Freund von mir erzählt mir immer das Beispiel vom Busfahren. Auch dort kann Gott einem begegnen. Und wie in den alten Texten geht es den Menschen heute noch. Angesprochen auf diese Erlebnisse können sie sie kaum erklären. Sondern sie werden mit den Worten ringen. Sie werden von Gefühlen reden und uns Bilder vor Augen malen. Wie war das denn mit der Geburt von Jesus? Ich habe gehört, es soll eine Jungfrauengeburt gewesen sein und die Engel hätten gesungen? Nein, so geht es nicht. Darum geht es nicht.

Sondern es geht um die Beschreibung dieser Begegnung mit Gott im eigenen Leben. Es geht um den Versuch, den anderen, den Fragenden für einen Augenblick mit hinein zu nehmen in sein eigenes Leben. Ihm die Orte und die Geschichten zeigen, die dein eigenes Leben verändert haben. Die Augenblicke benennen, in denen Gott mir begegnet ist. Bewahrung in einer schweren Krankheit etwa: auf einmal war mir, als sähe ich ein großes Licht und hörte himmlischen Klang. Die Familie als Quelle täglicher Freude: Gott hat uns zusammengeführt. Musik, die etwas tief in mir so zum Klingen bringt, dass ich darin etwas von Gottes Wirken erahne. Literatur, die fähig ist, zu mir direkt zu sprechen.

Ja, vielleicht würde ja sogar der eine oder die andere in einen Weihnachtsgottesdienst führen und sagen: „Setz dich hin, sei still, betrachte den Christbaum, höre die alten Geschichten. Sing mit bei den Liedern, die unseren Glauben beschreiben!“

Hören wir mit diesen Ohren das Predigtwort für den heutigen Heiligen Abend. Er steht im ersten Brief des Timotheus im dritten Kapitel.

„Groß ist, wie jedermann bekennen muss, das Geheimnis des Glaubens: Er ist offenbart im Fleisch, gerechtfertigt im Geist, erschienen den Engeln, gepredigt den Heiden, geglaubt in der Welt, aufgenommen in die Herrlichkeit.“

Timotheus tut nichts anderes, liebe Gemeinde, als was ich eben zu beschreiben versuchte. Groß ist das Geheimnis des Glaubens. Er selbst benennt es nur in kurzen Worten. Wahrscheinlich sind dies sogar Worte, die er selbst bereits vorgefunden hat. Ein knapper Liedvers, der auch ihn einmal angerührt haben mochte. Weitere Erklärungen gibt er nicht. So lade ich Sie ein, in seinen Bildern Ihre Bilder an diesem Heiligen Abend zu entdecken.

„Offenbart im Fleisch“. Christus wurde Mensch, wahrer Mensch. Geboren in einem ärmlichen Stall. Die Eltern auf Reisen. Ein erster Hinweis, wie ich meine, zu wem Christus gesandt ist. Nicht die Macht und Herrlichkeit dieser Welt zu bestätigen, sondern hinzuweisen auf das, wo es im Argen liegt. Gott kommt zu den Sündern, zu den Armen und Kranken. Gott will, dass diese Welt heil wird. „Gerechtfertigt im Geist“. Mit welchem Geist tun wir etwas? Sind wir froh oder drückt uns der Geist der Traurigkeit? Geben wir gerne oder kontrolliert uns der Geist des Geizes? An Christi Handeln in der Welt wurde offenbar, mit welchem Geist er auf die Menschen zugegangen ist. Die kurze Zeit seines öffentlichen Handelns ist bestimmt von Güte und Freundlichkeit, von Hingabe und Aufopferung. Auch das bleibt Botschaft des Heiligen Abends. Das Gefühl der Krippe trägt in die Welt hinaus einen neuen Geist der Liebe. Gottes eigenen Geist, der uns einlädt sich im anzuschließen. Besser noch: sich von ihm ergreifen zu lassen, damit wir selbst Handelnde werden können. „Erschienen den Engeln“. Weiter als nur diese Welt reicht die Macht Gottes. In unserem Glaubensbekenntnis sprechen wir vom Abstieg Christi hinab zu den Toten. Auch sie sind seinem Machtbereich nicht entzogen. Heute an Weihnachten hören wir es gewissermaßen in die andere Richtung. Auch den Engeln wird er als Gottes Sohn offenbar. Es gibt keinen Bereich, liebe Gemeinde, in Gefüge dieser Welt, in der er uns nicht erreichen könnte. Weihnachten: die Welt sieht ein großes Licht. „Gepredigt den Heiden“. Mehr können wir nicht, aber weniger sollten wir nicht tun. Reden von diesem Gott. Erzählen von der Hoffnung, die in uns wohnt. Dass Christus denen Licht werden will, die ihn noch nicht kennen. „Geglaubt in der Welt“. Gott-sei-Dank muss mein eigener, einzelner und viel zu oft zu kleiner Glaube diese Welt nicht allein erfüllen. Geglaubt in der Welt über alle Zeiten hinweg nimmt mich hinein in die große Gemeinschaft deren, die Gottes Handeln an sich erfahren haben. Mir ist das Trost und Hilfe, gerade dann, wenn ich alleine zu schwach werde. Es gab Christen vor mir: ihre Lieder darf ich singen und mit ihren Worten darf ich beten. Es wird Christen geben nach mir: Gottes Wille wird diese Kirche erhalten. „Aufgenommen in die Herrlichkeit“. Mit Weihnachten beginnt etwas Neues. Aber es bleibt nicht dabei stehen. Der Weg von der Krippe zum Kreuz hat eine Bedeutung, die über unser Leben hinaus reicht. Am Kreuz wurde der Tod besiegt und Christus auferstand zum neuen Leben. Als Erstling einer neuen Schöpfung. Wir, die wir seinen Namen tragen, werden ihm nachfolgen dürfen. Durch unseren Tod hindurch in ein neues Leben an seiner Seite. Gottes Kraft beginnt schon hier und fängt an, zu verwandeln. Aber der Weg geht über uns und diese Welt hinaus. Auch an Weihnachten machen wir uns diese Hoffnung wieder bewusst. Und in wem diese Hoffnung wohnen darf, der wird wiederum erzählen können, wo sie ihm Halt und Anker gewesen ist.

Und so will ich Sie gerade heute Abend ermutigen. Spüren Sie Gottes Wirken in ihrem eigenen Leben nach. Bleiben sie nicht nur bei der Stimmung und beim Erlebnis. Geben Sie diesen Erlebnissen den richtigen Namen und sprechen Sie von Ihren Erfahrungen mit diesem Gott, der uns heute erscheint. Lassen Sie sich treiben von seinem Heiligen Geist, der Ihnen immer wieder die Augen öffnen wird. Sehen Sie in diesem Geist die Dinge, die sonst noch kein Mensch gesehen hat. Erfahren Sie, wie Gott diese Welt regiert. Hüten Sie dies Geheimnis des Glaubens und bewahren Sie es, wie Maria ihr neugeborenes Kind in jener Nacht hegt und vor der Kälte schützte. Und wenn dann mal einer kommen sollte, der Sie fragt: „Sag mal, wie war das denn bei dir?“ Dann nehmen Sie ihn bei der Hand und führen ihn zu Ihren Orten des Glaubens, so wie die Hirten zum Stall geführt wurden. Auf dass dieser Mensch etwas sehe und spüre von der Kraft und der Herrlichkeit, die Gottes Kindern gegeben wurde. Und dann wird dieser Mensch vielleicht ebenfalls von Gott geöffnet werden und wiederum einem anderen Menschen davon berichten können, so wie uns heute Timotheus berichtet hat. Dass Gott zu den Armen und Kranken kommt, um heil zu machen, was zerschlagen war. Dass Gottes Geist die Liebe heißt, die die einzige Kraft zur Veränderung in sich trägt. Dass es keine Macht gibt, die diesem Gott ebenbürtig wäre. Sondern, dass wir immer und überall von seiner Hand getragen werden. Dass es unsere Aufgabe bleibt von seinen Taten zu berichten. Dass wir dies aber tun dürfen, getragen von einer Gemeinschaft, die größer ist als das Hier und Jetzt. Und, dass all dies in eine Hoffnung mündet, die dem Christen Gewissheit geworden ist. Nämlich, dass Tod und Leid, Sterben und Krankheit, Unvollkommenheit und Sünde nicht das letzte Wort behalten werden.

Groß ist das Geheimnis des Glaubens. Ich wünsche Ihnen frohe Weihnachten!

Und der Friede Gottes, der weiter reicht, als wir es mit Worten beschreiben können, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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