Gott wird zum du

Liebe Gemeinde!

Sie sollen ein Bild malen, ein Bild von Weihnachten! Jetzt nur vor dem inneren Auge. Was malen sie? welches Bild tritt Ihnen spontan vor Augen? Was gehört auf ein typisches Weihnachtsbild? Eine Winterlandschaft – der Weihnachtsmann – der Stall mit der Krippe – Maria mit dem Kind auf dem Arm – ein Engel – der Weihnachtsstern – der Weihnachtsbaum – oder ein abstraktes Bild? Eine dunkle Fläche, die durch einen hellen Punkt oder Streifen unterbrochen wird. Licht im Dunkeln, Stern in der Nacht? Es gäbe unzählige Motive – jede und jeder hat seins im Herzen.

In meinem Adventskalender fand ich einen Text, der uns ebenfalls in Gedanken ein Weihnachtsbild malen lässt. „Heilige Nacht“ heißt der Text:

Wenn ich malen könnte

Würde ich ein kleines, schäbiges Haus malen,

ganz klein

in ganz viel Weite

und mit ganz viel Verlorenheit

und mit ganz viel Dunkel drumherum

und der Sturm der dahinfegt

und die Kälte, die zittern lässt

und die Hoffnungslosigkeit

und die Angst

und die Sorge

und dann würde ich

mitten in dieses kleine schäbige Haus

mit dem gelbesten Gelb einen Punkt setzen

und diesem Bild würde ich dann den Titel

du

geben

Ein Haus auf weiter Fläche in dunkler Nacht; man sieht von ferne nur ein Fenster erleuchtet. Wer jetzt durch unsere Köge in der Dunkelheit fährt, kann dieses Bild oft sehen. Bei mir löst es immer ein Gefühl von Sehnsucht aus – da möchte ich hin, das sieht gemütlich und einladend aus; das strahlt Geborgenheit aus. Eine Liedzeile aus Reinhard Meys Lied „Gute Nacht, Freunde“ geht mir durch den Sinn: „Vielleicht liegt es daran, dass man von draußen meint, dass in euren Fenstern das Licht wärmer scheint.“ Sehnsucht nach Geborgenheit.

Ein schäbiges Haus inmitten der finsteren Nacht, ein Haus, das von Not umgeben ist; das weckt, sicherlich nicht nur bei mir, Gedanken an den Stall und die Krippe. Auf vielen Bildern sieht man den Stall einsam inmitten einer weiten, dunklen Landschaft; Heimat im Dunkeln.

Es weckt Gedanken daran, dass Gott sich von der Geburt seines Sohnes an in die Welt der Armut hinein begibt, dass es armselige Hirten sind, denen er als erstes das Wunder der Weihnacht offenbart. Gott nimmt Heimat im Dunkel unserer Welt und unseres Lebens.

Dieses windschiefe, schäbige haus erinnert mich an Hütten in Slumgebieten, an Bilder aus Erdebebengebieten; mir treten Bilder vor Augen aus den Weihnachtstagen des vergangenen Jahres und der schrecklichen Tsunamikatastrophe und ich habe Bilder von Sri Lanka gesehen, die mir gezeigt haben: da sieht es heute vielerorts immer noch so aus.

Die deutsche Bevölkerung hat im vergangenen Jahr in dieser wie auch in anderen Katastrophen durch enorm viele und hohe Spenden einen hellen Lichtpunkt der Hoffnung gesetzt. Es ist gut, dass wir helfen, dass wir selbst Licht für andere werden; denn ganz ehrlich: wir feiern den Geburtstag unseren Herrn Jesus Christus, und dann sollten wir das Fest auch in seinem Sinn gestalten – das macht man so für das Geburtstagskind, und ich glaube, er würde an manchen Auswüchsen unseres Weihnachtsfestes wahnsinnig werden. Er würde den Weihnachtsmann, der ja eine Erfindung der Geschäftswelt ist, zum Teufel jagen; der Engel verheißt den Hirten nicht: Nervigen Stress, viele Probleme und hektischen Geschenkekauf, sondern er verheißt. Frieden auf Erden!

Was für ein Kontrast: hier der Stall in aller Armut und Stille und Demut und dort die glitzernde, hektische, laute Geschäftswelt, für die sich ein frohes Weihnachten nur daran bemisst, ob sie in diesem Jahr ein Plus gegenüber dem Vorjahr erzielen konnte. Was mich tröstet ist: Weihnachten hält viel aus, es hat in den vergangenen 2 Jahrtausenden viel überstanden. Das Geburtsfest unseres Herrn Jesus Christus und vor allem er selbst, wird den Weihnachtsmann bei weitem überleben.

Damit sind wir in unseren Gedanken aus der Ferne und der Armut, die in weiten Teilen der Welt herrscht, zu uns, in unsere Welt und in unsere Gemeinde zurückgekehrt. Ich muss gar nicht in die Ferne schweifen, um von Not und Trauer zu sprechen. Ich weiß, das für viele Menschen auch hier bei uns und unter uns dieses Bild des Hauses, das im Dunkeln steht, ein bild ihres Lebens ist. In dieses haus ist die Sorge um die Arbeit und die Zukunft eingezogen, um dieses Haus wehen kalte Winde, der Einsamkeit und der Trauer, des Streits und der Entzweiung, die gerade zu Weihnachten aufbricht.

Viele von uns sind auf der Suche nach einer inneren Heimat, tragen in ihrem herzen und in ihrer Seele eine Last, die sie ablegen wollen, suchen einen Ort, wo ihr herz Ruhe und Geborgenheit findet. Irgendwo: Dasein dürfen, angenommen sein, frei atmen können, zu tiefer innerer Ruhe kommen, Kraft schöpfen.

In diese Dunkelheit fällt ein Licht.

„und dann würde ich

mitten in dieses kleine schäbige Haus

mit dem gelbesten Gelb einen Punkt setzen

und diesem Bild würde ich dann den Titel

du

geben“

Gott, der sich in Jesus Christus offenbart, wird uns zum „Du“. Er ist nicht der hohe, fremde König, nicht der Herrscher fern über allen Menschen und Himmeln. Gott wird zum Du. Die Weihnachtsgeschichte schlägt einen gewaltigen Bogen, der einen gewaltigen Kontrast aufleuchten lässt. Da ist auf der einen Seite die Person, die als erstes in der Geschichte genannt wird, die die ganze Welt damals beherrscht und regiert, der Kaiser und Augustus in der Metropole Rom; und auf der anderen Seite das Kind im fernen Israel, im kleinen Bethlehem, das dort in Armut in einem Stall zur Welt kommt. Und doch wird es mehr und anhaltender die Welt verändern als der mächtigste Kaiser. Nicht mit dem Zepter der Macht und der Unterdrückung, sondern mit der Macht der Liebe kommt es, und nicht um zu herrschen, sondenr um zu dienen. Roms Weltmacht ist längst Vergangenheit, Jesu Liebe aber verbreitet sich an jedem Tag neu, und sie wird in alle Zukunft hinein bleiben, so wie er verheißt: Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.“

Hier der Kaiser, dort das Kind. Wer hat schon Zugang zum Kaiser in Rom, wer darf schon vor den treten und auf Gehör hoffen? Ein kleiner erlesener Kreis, nein, ein solcher Herrscher ist Gott nicht! Zu Gott, der sich im Kind und in der Liebe Jesu offenbart, können wir alle finden. Gott wird uns zum Du.

Wir ahnen ja mittlerweile, dass die Weihnachtsgeschichte keine Tatsachendokumentation darstellt, nein, sie ist wie die ganze Bibel ein Glaubenszeugnis: und das sagt an dieser Stelle: Das, was Gott ist, was wir Gott nennen, diese Macht der Liebe, sie wendet sich allen Menschen zu, und sie übergeht gerade die nicht, die sich einsam und verlassen fühlen, die das Gefühl nicht loswerden im dunkeln zu stehen, die auf der Schattenseite des Lebens sind und sich von Gott verlassen fühlen.

Gott wird uns zu Weihnachten zum Du, er kommt uns nah, will sich von uns finden lassen. „Euch ist heute der Heiland geboren“. Gott kommt zu uns, und hofft bei uns Einlass zu finden, er will das Licht im Haus unseres Lebens und in unserem Herzen sein. Denn dort ist Gott zuhause, dort öffnet er seinen Raum.

Doch wie kann mir das gelingen, wie kann ich ihn einlassen? Wie wird er mir zum Du? Indem ich ihm ebenfalls das „Du“ anbiete, indem ich wage „du“ zu ihm zu sagen, indem ich ihn anspreche.

Sag „du“ zu ihm.

Wer heute von euch, liebe Schwestern und Brüder Menschen zur Seite hat, die mit ihm feiern, wer eine warme Stube hat und ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen, wer heute schenken darf und beschenkt wird, der hat Grund dankbar zu sein. Sprecht am Abend, wenn dann Ruhe in die Weihnachtszimmer einkehrt, oder der Baum noch einmal leuchtet, oder wenn ihr euch zu bett legt ein Dankgebet; und wer unter euch heute einsam und allein ist, wer Sorgen hat, der sage sie Gott im Gebet. Die lösen sich dadurch nicht auf, aber sie beginnen an Macht zu verlieren, sie gären nicht mehr nur in meinem Herzen, wo sie unausgesprochen zu faulen begännen. Sage sie Gott und er wird beginnen, sie mit zu tragen. Bringe sie in der Stille vor ihn, und vielleicht hast du plötzlich einen Gedanken, der tröstet, eine Idee für einen Weg, der vorher nicht zu sehen war. Und wem die Worte schwer fallen, der spreche ein Vater unser, oder bleibe einfach still mit einem Gedanken an den Stall und vertraue darauf, was Paulus uns sagt, nämlich, dass der heilige Geist auch unser Seufzen als Gebet aufnimmt und versteht und vor Gott bringt.

Wo uns Gott zum Du wird, da zieht er in die Hütte unseres Lebens, in die Kammer unseres Herzens ein und macht Licht und verbreitet Helligkeit und Klarheit.

Und wenn er dann in unseren Herzen ist, beginnt er sich in uns auszubreiten, nimmt Raum in unserem Denken, öffnet Türen zu neuer Hoffnung, schafft Fenster mit Blick in einen offenen Himmel, zieht ein in unser Handeln. Und wer so gesegnet von Gott zu handeln beginnt, dem werden auch andere Menschen zum Du, der wird schnell spüren, dass sich auch im Miteinander etwas verändert, dass Gott gerade in der Nächstenliebe, die man sich schenkt, gegenwärtig ist. Da ist er fühlbar, denn jeder und jede von uns kennt, das gute Gefühl, etwas Gutes getan zu haben. Das gibt es doch, dass man jemandem geholfen hat, und dann in sich eine tiefe, ehrliche Zufriedenheit spürt, dass man weiß: das war richtig und das hat dem anderen gut getan. In diesem Moment spricht Gottes Stimme deutlich zu euch, und ihr könnt euch in diesem Gefühl zurücklegen wie in Gottes Arm.

Weihnachten wird Gott zum Du, da geht ein Licht im Haus an, das in aller Dunkelheit steht, da sind wir geborgen. Die letzte Tür am Kalender ist eine, die man nicht wieder zumacht, die nicht nur zum Anschauen einlädt, sondern dazu, einzutreten in die Gemeinschaft mit Gott. Gott sagt heute du zu uns und er wartet auf Antwort.

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