Gott wechselt die Seiten. (Gal.4,1-7 – Erprobung, neue Reihe V)

28,12.2014 in Berlin-Hellersdorf

Es gibt Zeiten im Leben, wo man manches noch nicht oder auch nicht mehr darf: Erst wer 17 oder 18 Jahre alt ist, darf Auto fahren, und das auch nicht ohne entsprechende Prüfung, denn durch Fehler beim Fahren kann er nicht nur sich, sondern auch andere in große Gefahr bringen. Und darum muss jemand, der schwache Augen hat, beim Autofahren auch unbedingt die Brille aufsetzen und das wird im Führerschein entsprechend eingetragen. Und wenn die Augen oder das Gehör ganz schlecht geworden sind, dann darf auch gar nicht mehr Auto gefahren werden.

Es ist oft schwer für Ältere zuzugeben, dass etwas nicht mehr geht. So wie es für junge Menschen oft kaum noch auszuhalten ist, bis sie etwas auch dürfen, eben Autofahren z.B.

Paulus knüpft bei seiner Ermahnung an die Christen in Galatien an einen solchen Zustand des Noch-nicht-dürfens an, um zu verdeutlichen, was es überhaupt mit dem Christsein auf sich hat und was konkret Weihnachten bedeutet. Dazu verweist er auf den Empfänger eines großen Erbes, für den dies überhaupt nichts bedeutet, solange er nicht berechtigt ist, darüber auch zu verfügen. Im Gegenteil, solange er unmündig ist, also zu jung, verfügen andere, denn sie sind der Vormund und haben das Sorgerecht.

Weihnachten nun bedeutet, und das ist eine Grundbotschaft des christlichen Glaubens: Gott macht uns zu seinen Erben. Und dabei ist wichtig: Das gilt nicht irgendwann einmal, sondern gleich und sofort.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht: Wenn ich „gleich und sofort“ höre, dann habe ich immer den Herrn Schabowski vor Augen, der die Reisefreiheit für DDR-Bürger verkündete und auf Nachfrage eben diese Worte stammelte, gleich und sofort. Das war ein Ausrutscher, ein guter Ausrutscher, wie sich herausstellte. Aber eigentlich war das mit der Reisefreiheit von den DDR-Organen so schnell und so radikal doch nicht gewollt.

Das ist bei Gott anders. Als die Zeit erfüllt war, als es dran war, da hat Gott uns zu seinen Erben gemacht, wahrhaftig gleich und sofort. Was ihm, Gott, gehört, das gehört hinfort auch uns.

Das ist eine ungeheuerliche Botschaft. Zur Zeit des Paulus war sie ungeheuerlich und heute ist sie das nicht minder.

Damals in der Spätantike zur Zeit des Paulus waren die Götter für die Menschen allgegenwärtig. Und ihre Allgegenwart bedeutete, dass sie permanent von den Menschen etwas forderten: Unterwerfung, Opfer, Gehorsam. Nie konnte man sicher sein, ob einem die Götter auch gewogen sind, denn zuweilen waren die vielen Göttinnen und Götter sich ja auch untereinander nicht einig. Und dann trugen sie ihren Streit sehr oft auf dem Rücken der Menschen aus. Nein, sagt Paulus, Schluss damit. Der Gott, den Jesus mir gezeigt hat, der Gott, der sich schon dem Volk Israel offenbarte, der will wohl, dass ihr seinem Willen folgt. Er will aber nicht eure Abhängigkeit, sondern er will in erster Linie, dass ihr seine Partner seid. Und deswegen tritt Gott ganz auf eure Seite. Er wird Mensch.

Für gewöhnlich trennen wir in unserem Denken und Handeln ja zwischen göttlich und menschlich, zwischen heilig und profan, und dabei ist das Göttliche für die Menschen immer unerreichbar.

Und es bleibt natürlich richtig, dass Gott und Mensch zweierlei sind. Deswegen klappt es ja auch nie, dass die Menschen sich zum Göttlichen hin entwickeln, dass wir das Paradies auf Erden schaffen oder den idealen, den vollkommenen Menschen erziehen, entwickeln oder gar züchten. Das hat es alles gegeben. Es ist günstigstenfalls schief gegangen, oft aber auch verbrecherisch geendet.

Genau deshalb geschieht zu Weihnachten das Umgekehrte: Gott wird Mensch, und zwar voll und ganz, nicht nur ein bisschen oder nur dem Anschein nach.

Ganz normal geboren wird Gott wie wir alle zu einer konkreten Zeit und an einem bestimmten Ort, als nämlich Augustus Kaiser in Rom war und Cyrenius römischer Prokurator in der Provinz Judäa, Landpfleger, wie Luther das so schön übersetzt hatte. Und dieses Kind Jesus wurde „unter das Gesetz getan“, also allen menschlichen Lebensbedingungen ausgeliefert, den wirtschaftlichen wie den kultischen. Jesus wurde beschnitten und im Tempel dargestellt, das heißt, es wurde ein Dankopfer für seine Geburt gebracht, was nach damaliger Vorstellung zugleich ein Reinigungsritual für die Mutter war. Und Jesus musste sicher seinem Vater Joseph bei der Arbeit als Zimmermann ordentlich helfen. Davon erzählen die Evangelien des Neuen Testaments nichts, nur die außerbiblischen Schriften, die Apokryphen. Aber in dem Punkt haben sie sicher grundsätzlich recht, anders kann es gar nicht gewesen sein.

Gott wird Mensch. Das heißt, er tritt ganz und gar auf unsere Seite. Und indem er das tut, zieht er uns auf die göttliche Seite. Das, was uns immer misslingt, nämlich das Göttliche zu erreichen, das macht Gott mit uns. Gott macht den Menschen göttlich, indem er, Gott, Mensch wird.

Oder, um wieder in den Bildern des Paulus zu bleiben: Gott macht uns zu Erben und setzt uns in unsere Rechte ein, sofort.

Das war eine ungeheuerliche Botschaft in der Zeit der Antike, denn damit wurde das ganze Religionsverständnis jener Zeit umgedreht. Aber nicht minder ungeheuerlich ist diese Botschaft heute.

Es sind heutzutage im Allgemeinen ja nicht mehr die Götter, die den Menschen Furcht einjagen, weil sich die Menschen ihnen gegenüber ausgeliefert fühlen. Es sind solche anonymen Größen wie der Ölpreis oder die Aktienindices wie DAX oder Dow Jones, die offenbar bestimmen, ob es uns finanziell gut geht oder nicht. Nicht die Götter, sondern Leitzins und Umlaufrendite bestimmen das Leben vieler Menschen und vermitteln ihnen ein Gefühl von Abhängigkeit und Unfreiheit. Ich habe den Eindruck, dass viele von denen, die da seit Wochen auf die Straßen gehen, gerade auch von solchen Ängsten umgetrieben sind. Das Tragische ist nur, dass jene, die sich da zu Rednern aufschwingen und pauschal auf die Medien, Politiker und den sogenannten Mainstream schimpfen, erst recht keine Lösungen zu bieten haben, ganz abgesehen von denen, die ganz offen rassistische Thesen und braunes Gedankengut aus früheren Zeiten verbreiten. Unsere Berufspolitiker wirken in dieser Situation allerdings etwas hilflos, wir einfachen Leute sind es natürlich auch. Manchmal will sich sogar Angst einschleichen. Angst aber ist gar kein guter Ratgeber. Da ist es schon besser, sich an Paulus und seine klaren Worte an die Galater, zu erinnern: Gott wird Mensch. Punktum!

Und indem Gott das tut, relativierte er den Anspruch aller Götter und aller Mächte, die sich dafür ausgegeben oder als Götter angesehen werden. Er beseitigte ihren Anspruch auf die Menschen und machte so die Menschen frei. Das gilt für die alten Götter der Antike genauso wie für die neuen Götter des Kapitals oder der Machtpolitik. Und weil das so ist, lässt es uns gelassen in die Zukunft blicken. Ja, Gott schenkt Gelassenheit. Damit das gelingt und wir Gelassenheit lernen, gibt er uns zweierlei, den Geist seines Sohnes und ein Zuhause bei ihm, dem Vater.

Der Geist seines Sohnes, das ist der Geist oder die Geisteshaltung, wie sie uns etwa in der Bergpredigt begegnet: Selig sind die Friedfertigen, selig sind, die reines Herzens sind, selig sind, die da dürstet nach Gerechtigkeit und so weiter. Das ist Geist Jesu. Der Geist seines Sohnes, das ist aber natürlich auch der Heilige Geist, der von ihm und dem Vater ausgeht und der uns in der Taufe verliehen wird. Damit verbunden ist die Verheißung, dass da tief und unausrottbar in jedem Getauften etwas angelegt ist, das ihn auf den Weg Gottes treiben will.

Und hier kommt die andere Gabe Gottes ins Spiel, die Beheimatung, dass Gott nämlich unser Vater sein will, meinetwegen auch Mutter. Für manche ist das heute ja irgendwie wichtig. Dabei geht es gar nicht um den Vater als Mann oder die Mutter als Frau, sondern vielmehr darum, jedem zu signalisieren: Du bist nicht allein. Denn der Weg mit Gott, der ja auch immer zugleich unser Weg durchs wirkliche Leben ist, ist doch, je länger wir unterwegs sind und je bewusster wir ihn erleben, um so weniger ein Zuckerschlecken. Probleme im Beruf, Krankheiten, Menschen, die der Tod von unserer Seite reißt: Es gibt da so vieles, das uns zuweilen sehr umtreibt. Sie kennen das alle zur Genüge und ich muss es hier nicht weiter ausbreiten. Aber genau für solche Situationen sagt Gott: Zu mir kannst du kommen. Wirklich. Du kannst dich anlehnen, sogar ankuscheln, du kannst mich aber auch anschreien, du darfst auch unverschämt betteln. Du darfst sogar wegrennen, wenn du es unbedingt willst. Ich jedenfalls bin für dich da, so wie du das von deinem Vater oder deiner Mutter hoffentlich erlebt und hoffentlich auch selber praktiziert hast. Aber ich weiß ja: Oft geht das unter euch Menschen schief, dass es eben nicht klappt zwischen Eltern und Kindern, zwischen Eheleuten, zwischen Verwandten und so weiter. Und eben darum, weil es unter euch Menschen mit den Beziehungen vielfach nicht so richtig funktioniert, bin ich verlässlich für euch da. Das sagt Gott, das ist seine Verheißung. Um diese zu bekräftigen, ist er Mensch geworden, ein kleiner hilfloser Mensch in der Krippe, der auf die Zuwendung anderer angewiesen ist. Dabei geht von Gottes Gottheit, also davon, dass Gott etwas ganz Besonderes ist, nichts verloren. Gott ist so groß, so unfassbar und so heilig, dass er es sich leisten kann, so klein zu werden. Nichts von seiner Herrlichkeit geht verloren. Es ist einfach schön, sich ihm anzuvertrauen und ganz schlicht und mit zärtlichem Blick zu sagen: Abba, lieber Vater. Amen.

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