Gott tritt in unser Leben

Liebe Gemeinde,

wieder einmal sind wir innerlich miteinander den Weg durch den Weihnachtsabend gegangen, ein Weg der von den alten Verheißungen der Propheten, die einen von Gott gesandten Messias voraussagten, bis zur Erfüllung dieser Verheißung führt, in der Weihnachtsgeschichte aus dem Evangelium des Lukas. Und wir haben das Wunder der Weihnacht besungen.

Was ist das für ein Mensch, dessen Geburtstag seit fast 2000 Jahren die Menschen zusammenführt? Wir sehen in ihm einen Religionsstifter, den Begründer unserer eigenen, der christlichen Religion. — Wir sehen in ihm aber auch mehr als das. – Einen von Gott Gesandten. – Einer, der selbst zu Gott gehört, Gottes Sohn. — Ja, im Grunde ist es Gott selbst. — Kein Geringerer als Gott selbst ist Mensch geworden, einer von uns. Und diese Tatsache feiern wir heute Abend.

Moment!

Jetzt wollen wir doch mal sachlich bleiben!

Die Lichter und die Lieder heute Abend, die alten Geschichten und die Kindheitserinnerungen, das alles mag ja eine märchenhafte Stimmung erzeugen — aber darf man deswegen gleich sämtlichen gesunden Menschenverstand hinten anstellen und vollmundig davon reden, das alles sei mehr als ein schönes Symbol? — Gott sei wirklich Mensch geworden?

Das klingt doch reichlich märchenhaft und für diese Behauptung hat die Kirche im Lauf ihrer Geschichte auch nie einen wahrhaft stichhaltigen Beweis liefern können.

Was soll Gott – vorausgesetzt es gibt ihn tatsächlich – davon gehabt haben, Mensch zu werden?

Und was hat das Ganze dann eigentlich gebracht, wenn man sich den Lauf der Welt so ansieht, angefangen vom Kindermord in Bethlehem bis zum Amoklauf in einer amerikanischen Grundschule? Müsste die Welt nicht deutlich anders aussehen, wenn Gott vor 2000 Jahren wirklich Mensch geworden wäre?

Garstige Fragen zum Weihnachtsfest. Fragen, die einem die Festlaune verderben können. Gerade war es noch so schön! Warum ausgerechnet hier und jetzt solchen Stimmen Raum geben? — Weil Menschen, die so fragen, sich in bester Gesellschaft befinden mit den Menschen, die in dem Abschnitt aus dem Evangelium auftreten, den ich gleich vorlesen werde.

Da geht es nicht um das kleine Kind in der Krippe, sondern um den erwachsenen Jesus, der schon mitten in seinem öffentlichen Wirken steht. Die Menschen, die ihm damals begegneten, fragten sich: »Wer ist das eigentlich? Er wandert durchs Land wie viele andere Rabbiner und Schriftgelehrte auch, er hat eine Gruppe von Bibelschülern um sich versammelt, die er lehrt, er heilt und tut andere Wunder und er gibt Worte von sich, die es in sich haben. Er übt deutliche Kritik an den Lehrern und Lehren seiner Zeit. Und er tut darüber hinaus etwas, das wirklich unerhört ist: Er nimmt für sich selbst in Anspruch, Gott besser zu kennen, als alle Anderen, einschließlich der hohen Autoritäten unter den Priestern und Schriftgelehrten. Ja er geht sogar so weit, zu behaupten er stamme von Gott ab. Dabei stammt er doch aus Galiläa, aus der tiefsten Provinz also und er hat auch bei keiner berühmten Kapazität studiert. Von sich aus stellt er all diese Behauptungen auf. Dazu gehört entweder eine gehörige Portion Chuzpe, oder der Mann ist nicht ganz zurechnungsfähig — oder er ist tatsächlich der, für den er sich ausgibt. Was nur sollen wir von ihm halten?«

Zum Laubhüttenfest kam Jesus nach Jerusalem. Das Laubhüttenfest war damals in Judäa so populär wie für uns heute unser Weihnachten. Es war das Fest. Man feierte, dass Gott das Volk mit allem Notwendigen versorgt hatte, als es vierzig Jahre lang durch die Wüste ins gelobte Land wanderte und dabei in Zelten gewohnt hatte. Mitten im Festtrubel tauchte Jesus auf und gab öffentlich an jedermann seine Lehren weiter. Damit löste er heftige Diskussionen aus: »Ist er also doch der Messias und die obersten Priester haben das jetzt endlich anerkannt?« — »Aber nein! Vom Messias weiß man doch, dass er unerkannt kommen wird. Von Jesus aber wissen wir, woher er kommt. Er kommt aus Nazareth. Also kann er nicht der Messias sein.« — »Wieso tut er dann aber Wunder und lehrt öffentlich?« — »Aber er hat doch Geschwister und eine Mutter. Er ist kein außerirdisches Wesen. Er ist ein Mensch.« In diese Debatten schaltete sich Jesus ein. Ich lese aus dem Evangelium des Johannes:

Da rief Jesus, der im Tempel lehrte:

[TEXT]

So weit die Worte Jesu im Johannesevangelium. Sie lassen sich folgendermaßen zusammenfassen: Jesus sagt den Wissenden am Tempel, den Priestern und Schriftgelehrten und dem ganzen jüdischen Volk: » Ihr glaubt, mich zu kennen. Ihr glaubt, ganz genau zu wissen, wer Gott ist und was er tut. Aber Freunde, ihr habt keine Ahnung, wer Gott eigentlich wirklich ist! ICH dagegen kenne ihn, denn ich komme von ihm, ja ich stamme von ihm ab.« Und genau das sagt er – über Raum und Zeit hinweg – auch uns hier und heute: »Freunde, ihr habt keine Ahnung! Ihr kennt Gott nicht!«

Moment!

Manch einer mag dem ja innerlich zustimmen und sagen: »Na ja, ich bin innerlich sowieso auf Distanz zu all dem, zum Glauben und zur Kirche — da ist es wohl auch so, dass ich von Gott wenig Ahnung habe. Da wird Jesus schon recht haben.«

Aber manche hier, die heute im Gottesdienst sitzen, leben ein intensives Leben mit Gott. Sie lesen die Bibel. Sie beten. Sie engagieren sich für Andere. Und dann heißt es: »Ihr kennt Gott nicht!«

Bei jedem normalen Menschen, der so etwas behaupten würde, würden wir sofort – und mit Recht – sagen: »Was bildet der sich eigentlich ein?« — Und so überrascht es nicht, dass auch die Menschen damals ähnlich reagiert haben: »Was bildet der sich eigentlich ein? Hat sich Gott uns nicht in der Bibel offenbart? Hat er uns nicht Vorschriften gegeben und gesagt, was er von uns erwartet und was er uns verbietet? Wie kann der da sagen: ›Ihr kennt Gott nicht‹?«

Es geht so schnell, beleidigt zu sein. Dabei ließe sich ganz einfach nachprüfen, ob diese Behauptung stimmt oder nicht. Wir brauchen uns nur selbst als Beispiel zu nehmen. Überlegen Sie mal einen Moment:
– Gibt es einen oder mehrere Menschen, die Sie als Person wirklich kennen, das heißt: Die wissen, wer oder wie Sie wirklich sind?
– Sind das viele Menschen?
– Gibt es Menschen, die behaupten, Sie als Person gut zu kennen, von denen Sie aber wissen, dass das nicht stimmt?
– Sind das mehr Menschen als die Anderen?

Den meisten Menschen geht es bei diesen Fragen wohl so, dass sie sagen müssen: »Es gibt wesentlich mehr Menschen, die behaupten, mich zu kennen, als es Menschen gibt, die mich wirklich kennen. Die meisten machen sich halt irgendein Bild von mir, das zu ihren Vorstellungen passt. — Und wenn ich ganz ehrlich bin: So ganz wirklich kenne noch nicht mal ich mich. Ich berge Geheimnisse, die ahne ich eher, als dass ich darüber Bescheid weiß.«

Wenn aber wir Menschen schon so geheimnisvoll sind, wie viel geheimnisvoller muss dann Gott sein, der ja unendlich viel größer und weiter ist als unser begrenzter Verstand und unsere begrenzte Seele.

Das ist ja wahrscheinlich der Hauptgrund dafür, dass wir uns entweder irgendein Bild von Gott machen, das im Großen und Ganzen unseren eigenen Vorstellungen entspricht, — oder glauben, in unserem Leben weitgehend ohne Gott auskommen zu müssen.

Doch dabei muss es nicht bleiben. Beim Alphakurs, einem Glaubenskurs, der auch bei uns in der Gemeinde regelmäßig durchgeführt wird, wird ab und zu gefragt, was sich im Lauf der Zeit bei den Teilnehmern getan hat. Bei solchen Umfragen wird in schöner Regelmäßigkeit deutlich, dass diese Menschen von drei sehr unterschiedlichen Ausgangspunkten aus ihren Weg in den Glauben antraten.

Die erste Gruppe wusste Vieles über den christlichen Glauben. Die Befragten konnten sagen: »Wir wissen von ihm.« Aber es war ein Wissen, das ihnen eher eine Last war denn eine Lust. Gott schien so viel von ihnen zu fordern. Es gab so viel zu beachten und man konnte so viel falsch machen.

Die zweite Gruppe konnte auch sagen: »Wir wissen vom christlichen Glauben.« Aber es war ein Wissen, das sie nur im Kopf hatten, nicht im Herzen. Es war ein Wissen, das ihnen für ihr Leben nichts bedeutete. Und damit war das Kapitel »Glauben« dann schon häufig abgeschlossen.

Die dritte Gruppe umfasste Menschen, die mit dem christlichen Glauben so gut wie gar nicht in Berührung gekommen waren oder so gut wie alles wieder vergessen hatten, was sie über diesen Glauben mal gewusst hatten.

Für alle drei Gruppen war aber der Anfang auf dem Weg in den Glauben gleich. Irgendwann wurde ihnen allen klar: Gott interessiert sich ganz persönlich für mich und mein Leben. Gott will mir ganz persönlich in meinem Leben nahe sein. Und Gott kommt nicht als der, der mich belehren und korrigieren will, der mich zurechtweisen oder gar zurechtstutzen will, sondern als der, der mich zu allererst einmal unendlich liebt. Noch bevor diese Menschen einen entscheidenden Schritt auf Gott zu gemacht hatten, erlebten sie, wie sie angenommen waren. Diese Erlebnisse waren ganz unterschiedlich, wie auch die Menschen unterschiedlich waren, aber es war ihnen allen Eines hinterher klar: »Mein Leben wird sich durch diese Erfahrung ändern.« Jemand hat das so ausgedrückt: »Ich weiß jetzt, dass Gott nicht nur irgendwann einmal war, wie man es in der Bibel nachlesen kann, sondern dass er heute ist. Ich weiß, dass Jesus nicht nur der Gottessohn vor 2000 Jahren war, sondern dass er heute ist. Und ich weiß, dass er mich heute unendlich liebt. Und ich weiß auch, dass das eigentlich schon immer so war. Nur ich war zu blind und zu taub, um es zu merken.«

Darum sind die Worte aus dem Weihnachtsevangelium auch heute Seine direkte Anrede an uns. Uns allen ruft heute Abend der Engel zu: Heute ist euch der Retter geboren worden.

Ganz gleich, wie es um unser Leben jetzt gerade steht. Ganz gleich, wie unser persönlicher Werdegang im Glauben gerade aussieht. Heute tritt Gott in Jesus Christus an unsere Seite, um sich mit uns zu verbinden, wie er sich damals mit den Hirten verbunden hat.

Und das unabhängig davon, ob wir es persönlich spüren oder nicht. Gott wurde Mensch, damit jeder Mensch durch Ihn sein Lebensheil findet.

Ja mehr noch: Gott wurde Mensch, damit jeder Mensch durch Ihn seine Würde als Mensch findet. Wir brauchen Gott, um wahrhaft Mensch sein zu können.

Wir sind dazu geschaffen worden, dass wir in einer liebevollen Beziehung zu Gott unserem Schöpfer leben. Drunter will Er es nicht mit uns machen. Das ist die Aussage unserer Religion und unseres Glaubens. Wenn Sie sich das vor Augen führen wollen, schauen Sie sich das Jesuskind in der Krippe an. Gott tritt in unser Leben. Der Ewige hat für uns Zeit!

Amen.

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