Gott sieht mich freundlich an

Liebe Gemeinde,
jemand hat mal zu mir gesagt. Das wichtigste am Gottesdienst ist der Segen. Und aus der Familie meines Mannes ist immer jemand in den Gottesdienst geschickt worden, um den Segen für alle mit nach Hause zu bringen. Der bekannteste Segen, er heißt auch aaronitischer Segen, ist der heutige Predigttext. Wir beschließen jeden Gottesdienst mit diesem Segen. Ich lese
4. Mose 6, 22-27:

22 Und Gott redete mit Mose und sprach: 23 Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: 24 Gott segne dich und behüte dich; 25 Gott lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; 26 Gott erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. 27 So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.

Die Priester sprechen diesen Segen. Und Gott verspricht, die Menschen, die diese Worte hören, zu segnen.

Mit dem Segen verspricht Gott die Israeliten zu beschützen. Aber der Segen ist mehr als nur Schutz. In dem Text ist zweimal von Gottes Angesicht die Rede. Segen heißt auch: Gott sieht mich an. Und zwar sieht Gott mich freundlich und liebevoll an. Sein Angesicht leuchtet über mir. Und es schenkt mir Frieden.

Angesehen werden von Gott. Ansehen haben bei Gott. Gott sieht auf mich und wacht über mich. Er lässt mich nicht aus den Augen, wie eine Mutter, die bei den ersten Gehversuchen ihres Kindes zusieht und aufpasst, dass es sich dabei nicht verletzt und ihm wieder aufhilft, wenn es hingefallen ist.

Das ist schon etwas Besonderes Ansehen bei der mächtigsten Person zu haben, die wir uns vorstellen können. Wir Menschen sind so gebaut, dass Ansehen uns wichtig ist. In erster Linie ist es das Ansehen, das wir bei anderen genießen, die für uns wichtig sind.

Wie entscheidend das ist, erleben wir im Alltag. Was tun Menschen nicht alles dafür, aufzufallen und gesehen zu werden. Wenn ein Promi irgendwo auftritt, richten sich alle Blicke auf ihn. Lady Gaga zieht sich auffällig an, um die Blicke ihrer Fans auf sich zu ziehen und überall sofort erkannt zu werden. Viele Jugendliche träumen davon eines Tages berühmt zu werden.

Wissenschaftler warten darauf, den Nobelpreis zu gewinnen. Wer unter den Kolleginnen und Kollegen hohes Ansehen genießt, dessen Forschungsergebnisse werden in den wichtigen Zeitschriften veröffentlicht.

Viele versuchen reich zu werden und viel Geld zu verdienen. Das Geld stecken sie dann in ein teures, schnelles Auto und ein großzügiges Anwesen. Natürlich ist es schön viel Platz zu haben – im Auto wie im Haus oder im Garten. Aber es ist auch lästig und viel Arbeit – selbst, wenn man Angestellte bezahlen kann, die sich um den Besitz kümmern. Wichtiger als das Geld an sich ist oft das Prestige, das damit verbunden ist und der Neid in den Gesichtern der anderen. Daran kann man erkennen, dass man es geschafft hat.

Natürlich ist es zwiespältig, beneidet zu werden. Und nicht jeder schätzt die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Man kann sich davon auch kontrolliert fühlen. Viele finden es besser, unauffällig zu bleiben und nicht gesehen zu werden. Mein Großvater ist auf diesem Weg einigermaßen durch den zweiten Weltkrieg gekommen. Er hat sich so unauffällig verhalten, dass kein Offizier auf die Idee kam, ihm eine gefährliche Aufgabe zuzuteilen. Dabei wurde er so weitgehend übersehen, dass er zwei Jahre keinen Heimaturlaub bekam. Aber er ist so körperlich gesund aus dem Krieg wieder nach Hause gekommen.

Also wenn das Ansehen bei den Menschen durchaus zwiespältig ist und man ja auch seine Privatsphäre braucht, wo niemand hinsieht und einen beurteilt – oder einen mit unerwünschter Werbung überschwemmt – so könnte das mit dem Ansehen bei Gott ja so ähnlich sein.

Früher haben die Eltern den Kindern damit gedroht: Der liebe Gott sieht alles. Also klaue keine Süßigkeiten aus dem Schrank. Und die Kinder mussten damit klar kommen, dass sie sich immer beobachtet gefühlt haben. Sie mussten gehorchen und hatten Angst bestraft zu werden, wenn sie ein Gebot übertreten haben.

Der kontrollierende Blick Gottes auf ihr Leben war für sie ungesund und sie fühlten sich davon eingeschränkt.

Vielleicht möchte ich ja, dass Gott auch mal wegsieht und sein Angesicht nicht die ganze Zeit über mir leuchtet. Ich bin ja kein kleines Kind mehr, auf das die Mama rund um die Uhr aufpassen muss. Habe ich nicht auch das Recht auf etwas Privatleben, bei dem Gott nicht alles sieht? Kann ich mich nicht mal entspannt zurücklehnen und mir keine Gedanken darüber machen, ob ich jetzt nicht schon wieder etwas falsch gemacht habe?

Doch das kann ich. Und Gott beurteilt nicht die ganze Zeit, was wir tun. Der Blick Gottes auf mich ist Segen und nicht Fluch. Gott sieht in mir Gutes und blickt auf das, was ich Gutes tue. Seine Aufmerksamkeit für mich ist freundlich und verständnisvoll und nicht verurteilend. Sein Angesicht leuchtet und ist nicht düster und verärgert.

In meinem Alltag brauche ich eine Privatsphäre und ich muss mich von anderen abschirmen, weil die Gefahr besteht, dass sie schlecht über mich schwätzen oder mich verurteilen, dass sie mich mit Werbung überschwemmen, weil sie mein Geld wollen, oder dass sie sich selbst aufwerten wollen, indem sie mich abwerten. Ich muss mich also vor meinen Mitmenschen schützen, weil sie mich verletzen können. Wenn ich in der Öffentlichkeit etwas sage oder tue, muss ich vorsichtig sein.

Aber bei Gott ist das anders. Vor Gott muss ich mich nicht schützen. Denn Gott wertet mich nicht ab. Gott sieht in mir keine Konkurrenz. Gott unterstellt mir keine böswilligen Motive. Und Gott will mir auch nichts verkaufen. Und er hat nicht die Absicht mich für irgendetwas zu bestrafen.

Gottes Aufmerksamkeit ist einfach nur Segen. In seinem Blick genieße ich Ansehen. Ich werde verstanden. Und deshalb kann ich zu Gott gerade auch mit dem kommen, was ich an mir nicht so gerne mag und auch mit dem was ich falsch gemacht habe. Denn auch wenn ich gegen Gebote verstoße und Fehler mache, auch dann wird Gott mich nicht verurteilen sondern mir helfen. Und ich brauche seine Hilfe und sein leuchtendes Angesicht, damit ich nicht immer wieder die gleichen Fehler mache, sondern es auch mal mit anderen Fehlern probiere. Denn nur so wird mein Leben besser. Und ich lerne dazu. Gottes leuchtendes Angesicht zeigt mir, ich brauche nicht aufzugeben. Und ich muss mich nicht ständig über meine eigene Dummheit aufregen. Ich kann das hinter mir lassen, was ich falsch gemacht habe und es anders noch mal probieren. Unter dem freundlichen Blick Gottes kann ich Frieden finden.

Und das wünsche ich Ihnen heute, dass Gott sein Angesicht über ihnen leuchten lässt und dass Sie was immer in Ihrem Leben an Schwierigem hinter ihnen liegt, dass Sie das in Frieden loslassen können und in freudiger Erwartung in die Zukunft gehen und annehmen können, was Gott Ihnen Gutes schenken wird. Gott segne sie!

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