Gott schindet seine Leute nicht!

Liebe Gemeinde,

der leitende Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands, VELKD, Hans Christian Knuth, schrieb in der Oktoberausgabe der Zeitschrift „Zeitzeichen“:

„Ich gestehe, dass ich all die Strukturreformen und -reförmchen allmählich lästig finde. Landauf, landab wird verändert, umorganisiert, neu strukturiert und, wie man dann auch meint, „reformiert”. Dabei beruft man sich gerne auf Martin Luther, von dem angeblich der Ausspruch stammt: „Ecclesia semper reformanda est” – die Kirche muss ständig reformiert werden. Tatsächlich stammt das Wort aber aus der reformierten hugenottischen Tradition, ein Jahrhundert nach der Reformation: „Ecclesia reformata semper reformanda.” Luther war kein Bilderstürmer und kein Revolutionär. Und wenn er von Reformation sprach, dann nicht von Strukturveränderungen, sondern von entschiedener Kehrtwendung zu Jesus Christus, und zwar dem Gekreuzigten, also von innerer Erneuerung aus dem Glauben. So begann die Reformation mit der ersten der 95 Thesen, nach der das ganze Leben des Christen eine Buße sein sollte, eine entschlossene Kehre zum Herrn der Kirche, nicht aber zu den Idealen der Organisationsberater und Sparkommissare.“

Wo der Bischof recht hat, hat er recht, liebe Gemeinde. Wir müssen es mehr als lästig finden, dass auch in unserer Landeskirche inzwischen alle Macht vom Finanzreferent und der Personalreferentin ausgeht, die mit ihren Sparmaßnahmen und Stellenplänen nicht nur die Kirchenpresse fest im Griff haben. Theoretisch, so ihr Credo, gibt es genug finanzielle Mittel und genug Prediger. Praktisch erleben wir bei uns, wie um die Hälfte gekürzte und sogar ganze Pfarrstellen sich als nicht besetzbar erweisen. Die, die dableiben, müssen vertreten. Wirkt es da nicht wie Hohn, wenn Bischöfe dann mehr Mission von ihrer Kirche fordern und bei den Kirchenmitgliedern und den Nichtkirchenmitgliedern Erwartungen wecken, die immer weniger und immer mehr belastete Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen erfüllen sollen?

Gott schindet seine Leute nicht! Auch so könnte man die Entdeckung der Reformation formulieren. Der junge Luther war ein Mönch, der sich mit Leib und Seele geschunden hat, um dem großen Anspruch, den er von Gottes Seite auf sein Leben empfunden hat, gerecht zu werden. Wer den Himmel erlangen will, ist zum Erfolg eines gottgerechten Lebens verdammt. Aber auch hier gilt, was wir modern so formulieren können: Wer sich zum Erfolg verdammt, wird blind und taub für das Evangelium.

Ist das die neue babylonische Gefangenschaft der Kirche? Zum Erfolg verdammt? Geht die Kirche in die Knie vor dem globalisierten Gesetz der Menschenschinder, die ihr Geld dort ausgeben, wo Menschen für immer weniger Anteil am Leben für sie arbeiten? Wer dem großen Anspruch des Geldes auf sein Leben nicht gerecht wird, dem kann sein Teil an der Sonne, an der Luft und den Gütern dieser Erde nicht gewährt werden. Hier taucht quasi weltlich gewendet auf, was Luther in seinem Verhältnis zu Gott empfunden hat. Gleich gräulich und gleich finster: Wer sich und andere zum Erfolg verdammt, wird blind und taub für das Evangelium.

Auf allem ein Preisschild: Auf der Tür zum Himmelreich, wie auf der Tür des Kreissaales, durch die wir in diese Welt geschoben wurden, um zu lernen, was auf diesem Schild geschrieben steht. Keinem wird was geschenkt und von nichts kommt nichts. Umsonst ist der Tod. So einfach ist die ganze Wahrheit – die eine ganze Lüge ist.

Luther muss es wie Schuppen von den Augen gefallen sein, als er diese Verse aus dem Römerbrief wieder und wieder las. Sagen sie doch genau das genaue Gegenteil seiner bisherigen Wahrheit: Umsonst ist nicht der Tod, sondern das Leben. An der Tür in die Welt steht: Eintritt frei – und auf das Preisschild am Tor zum Himmelreich ist ein neues geschraubt. Darauf steht: Bezahlt! Das Mönchlein, das sich selbst gen Himmel geschunden hat – und wer sich selbst schindet, schindet auch andere – muss nun erleben, wie eine Tür nach der anderen aufgeht, noch bevor er die Hand nach ihr ausstrecken kann. Denn den Christus hat Gott für den Glauben hingestellt … um nun in dieser Zeit seine Gerechtigkeit zu erweisen, dass er selbst gerecht ist und gerecht macht den, der da ist aus dem Glauben an Jesus.

Der Tellerwäscher hat den ersten Teller gerade ins Wasser getaucht, da ist er auch schon Millionär geworden. Nein, Gott schindet seine Leute wirklich nicht. Paulus bringt es auf den Punkt: Alle haben gesündigt und die Herrlichkeit verloren, die Gott ihnen zugedacht hatte. Da kommt alle Schinderei zu spät. Und zweitens will Gott auf keinen Fall, dass wir uns selbst und andere zu irgendwas verdammen und schon gar nicht zum Erfolg. Denn dann werden wir vollständig blind für alles, was Gott uns schenken will.

Es ist mit dieser Gerechtigkeit Gottes, wie Paulus sie uns schildert, eine durchaus gewöhnungsbedürftige Sache. Nicht nur, weil wir uns nicht gerne was schenken lassen und lieber auf Sachen stolz sind, die wir selbst gemacht oder zumindest selbst gekauft haben. Gemeinhin verstehen wir Gottes Gerechtigkeit, als die Gerechtigkeit, mit der Gott gerecht ist, und den Ungerechten, den die Bibel Sünder nennt, für seine Untaten bestraft. Gott könnte also höchstens einmal eine Ausnahme machen und Gnade vor Recht ergehen lassen.

Die Gerechtigkeit Gottes, von der Paulus spricht, ist aber die Gerechtigkeit, mit der Gott gerecht ist und den Ungerechten, den die Bibel Sünder nennt, gerecht macht. Der allmächtige Gott will mit seiner Gnade im Recht sein. Gnade ist nicht Ausnahme, sondern Funktion seiner Gerechtigkeit. Das ist nicht billig. Es kommt Gott teuer zu stehen. Im bleibt das schmutzige Geschirr all der Tellerwäscher, die auf so wundersame Weise ohne des Gesetzes Werke zum Millionär wurden. Luther hat das einen fröhlichen Wechsel genannt. Mir darf all das Gute, der ganze Reichtum, die ganze Gerechtigkeit, die ganze Herrlichkeit Gottes nachgesagt werden und Gott all das Schlechte, der ganze Mangel, die ganze Ungerechtigkeit, die ganze Armseligkeit meiner Menschlichkeit. Schaut euch den Christus am Kreuz an. Aber so will es seine Liebe. Das Himmelreich gibt es ganz geschenkt – oder gar nicht. Wo bleibt nun das Rühmen? Es ist ausgeschlossen. Durch welches Gesetz? Durch das Gesetz der Werke? Nein, sondern durch das Gesetz des Glaubens. Gott sei Dank!

Merken wir uns: Hier wird nicht nur vom persönlichen Verhältnis zu Gott gesprochen. Hier wird ein „Naturgesetz“ durch ein anderes abgelöst. Evangelium heißt: Gott hat seine Welt erlöst, indem er durch Christus seine Gnade ins Recht gesetzt hat und von diesem Recht muss unsere alte Welt schon heute singen und sagen, weil es im Himmelreich kein anderes Recht mehr geben wird.

Die Reformation hat die Christenheit zur Buße gerufen, zur Kehre zum Herrn der Kirche und seinem Evangelium. Diese Kehre kann – wie zu Luthers Zeiten – nicht geschehen ohne Konflikt mit alten weltlichen und religiösen Vorstellungen von Gerechtigkeit.

Nicht ohne Konflikt mit der „Reichsreligion des totalen Marktes“, die die Welt mit ihren Preisschildern beklebt und der Mehrheit der Menschheit einen gerechten Anteil an den Gütern des Lebens vorenthält. Dass Gott mit seiner Gnade im Recht ist und jedem zuteilt, was er zum Leben braucht, stellt die Frage nach der Gerechtigkeit im Zeitalter der Globalisierung um so dringlicher. Diese Gerechtigkeit wird nicht zu verwirklichen sein, wenn die überlegenen Mächte dieser Welt ihre Interessen und ihre Sicherheit im Alleingang schützen und durchsetzen, sondern nur durch eine globale Werte-Partnerschaft der Völker: Freiheit und Gerechtigkeit gehören zusammen.

Evangelischer Glaube wird in Konflikt geraten mit einem christlichen Fundamentalismus, der die Hoffnung für die Welt fahren lässt und sich in private Heils- und Endzeitwelten zurückzieht. „Der Theologe Geiko Müller-Fahrenholz lebte viele Jahre in den USA, er hält solche Haltungen für bedrohlich: In einer Welt mit Kernwaffen sei das von den Fundamentalisten vorgestellte Armageddon eine reale Möglichkeit. Mich als Christen, sagt Müller-Fahrenholz, beunruhigt zutiefst, mit welchem Zynismus der Tod der Schöpfung akzeptiert wird, als wäre alles Leben vom Bösen vergiftet und müsste im weltvernichtenden Feuer gereinigt werden. Das ist in frommen Triumphalismus gekleideter Nihilimus!“ (Susanne Neiman,„Rechts und fromm“, Die Zeit Nr. 42, 2004)

Gott ist kein Nihilist. Er schindet seine Leute nicht. Er hat nicht Lust am Tod des Sünders, sondern dass er sich bekehre und lebe. Was will man machen gegen all die hirnverbrannten und verbohrten? Was will man machen gegen Präsidenten, die nach Rücksprache mit einem „höheren Vater“ in den Krieg ziehen? Was will man machen gegen die selbstgerechten Verdammer, die Welt- und Menschenhasser im Namen des Glaubens? Wir können ihnen nur den Christus und sein Evangelium hinhalten und sie mit Tränen in den Augen fragen: Was habt ihr aus ihm gemacht

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