Gott kommt zur Welt – Gott kommt zu Wort

Liebe Gemeinde am Weihnachtsabend,

Gott kommt zur Welt – im Kind in der Krippe. Gott kommt zu Wort – in der Musik, in der alten Geschichte, den überlieferten Worten und unserm Gesang. Und vor allem durch uns Menschen hier. Durch uns kommt Gott zu Wort. Durch uns wird weitergetragen und weitererzählt und weitergegeben, dass Gott seine Liebe spüren, sehen, erleben lassen will. Bei uns kommt Gott zu Wort. Bei uns Hunderten hier in der Stadtkirche, bei den Tausenden und Hunderttausenden in all den Gottesdiensten am Heiligen Abend. Wir lassen Gott zu Wort kommen, an diesem Abend heute kommt Gott bei uns zu Wort.

Und wie kommt Gott bei uns an? Ja, vielleicht so wie wir uns selbst fragen, wie komme ich an? Stimmt das outfit, stimmt die Botschaft, wie werde ich gesehen, wie verkaufe ich mich so, dass ich Erfolg habe? Fragen und Zweifel, vor dem Spiegel, beim Gang aus dem Haus, im Freundeskreis, bei den Kolleginnen und Kollegen, beruflich, in der Familie? Wie setze ich mich durch, wie wirke ich, wie trainiere ich mein Auftreten? Wie kommen wir an und wieviel Energie verwenden wir darauf, gut angesehen zu sein, dass die Fassade stimmt, dass wir gut ankommen? Wie anstrengend ist das, ständig gut ankommen zu müssen.
Und wo kommen wir dann an? Wo sind denn die Ziele, die uns zufrieden machen, die die Sehnsucht erfüllen. Bis wohin sind wir gekommen in unserem Leben. Wie komme ich bei dir an? Und das heißt: kann ich bei dir ankommen? Ist bei dir Platz für mich? Habe ich Platz in deinem Herzen? Komme ich bei dir zum Ziel, finde ich bei dir Wohnung, Geborgenheit, oder muss ich auf dem Sprung bleiben, ständig unterwegs, ständig in Bewegung. Ja, die Frage nach dem wie ich ankomme ist schnell bei der Frage, wo ich denn eigentlich in meinem Leben ankommen kann. Ist mein Vertrauen gewachsen in diesem Jahr oder habe ich mich von Verunsicherungen und Versprechungen verwirren lassen? Habe ich zum Frieden beigetragen oder habe ich mit gelästert und Feindbilder verstärkt? Bin ich stärker geworden, zuversichtlicher, mutiger oder glaube ich immer noch an die tausend Gründe, warum ich im Recht bin mit Zweifel, Sorge, Vorsicht? Ja, bin ich in der Liebe gewachsen, habe ich mich entwickelt, mehr und rückhaltlos zu lieben? Habe ich Hingabe erlaubt in diesem Jahr oder bin ich bei der Kontrolle geblieben? Habe ich losgelassen oder festgehalten an dem, was mir so unendlich wichtig erscheint? Und wo ich gezwungen bin loszulassen, habe ich mich gewehrt oder habe ich es angenommen? Bin ich barmherziger geworden in diesem Jahr, mit mir selbst, mit den Menschen um mich herum? Und mein Glaube, ein Pflänzchen, das ich pflege oder den ich als Kinderkram abtue?

Wir haben guten Grund, an Weihnachten sehr ernsthaft über uns selbst nachzudenken. Unsere Sehnsucht anzukommen, zum Ziel zu kommen, Platz zu finden, die Sehnsucht, die wir an Weihnachten so deutlich spüren, wo wir hingehören, kann unser Wegweiser sein. Die Sehnsucht nach dem Sinn unseres Lebens. Die Spur an Weihnachten führt nach Bethlehem, zur Krippe, ein Weg, den die Hirten gehen, die sich gegenseitig ermutigen: Lasset uns nun gehen und die Geschichte sehen. Die Geschichte scheint banal, ein Kind in einfachen Verhältnissen geboren, aber verstanden wird sie als Ziel und Sinn unseres Lebens: an der Krippe erfahren wir, dass wir in Liebe angenommen sind, dass Gott uns gewogen ist, dass wir unsere Angst ablegen dürfen, dass Erbarmen und Mitleid unser Leben tragen.

Wir können auch die Geschichte Gottes mit den Menschen so verstehen, dass Gott sich bemüht, gut bei uns anzukommen. Immer wieder. Ein Gott, der die Menschen als freie Partner will und liebt. Der Regenbogen, immer wieder neu als Zeichen für den Erhalt der Schöpfung. Zuwendung und Gespräch mit dem geschundenen Hiob, der keinen Sinn mehr in seinem Leben sieht. Ermahnung und Forderung zur Umkehr und zum Neuanfang, immer wieder, in jedem Prophetenwort durch die Jahrhunderte. Ja, Gott wirbt um die Menschen, will bei uns ankommen. Und wie kommt das bei uns an? Die Bibel ist voll von Geschichten von ständigem Versuch, Scheitern, gutem Willen, doch wieder Scheitern, neuem Versuch, Desinteresse, neuem Scheitern. Weihnachten – das ist nun ein neuer Weg, ein neuer Versuch: Gott verzichtet auf alles Heilige und Abgesonderte und tritt ein in die Welt, mitten ins Erdendasein. Gott will ankommen mitten in der Welt, als Mensch. Eine werbende Frage, das muss doch möglich sein, Gottes Ankunft bei den Menschen. Mein eigenes Kind werdet ihr doch annehmen, fast ängstlich ist die Frage gestellt. Ich gebe euch alles, mein Eigenes, mich selbst. Ich sende euch alles, was ich habe und bin, wollt ihr’s denn nicht nehmen? Ja, und wir wissen’s von uns selbst, das Kind in der Krippe, das rührt uns und öffnet uns, an Heilig Abend können wir Gott zu Wort kommen lassen. Da sind wir leichter bereit, das Wunder von Gottes Ankunft zu glauben, da findet Gott Zugang zu unseren Herzen. Aber was ist morgen früh, wie kommt Gott nächste Woche bei uns an? Bleibt da etwas von der Gewissheit, von Gott geliebt zu sein? Können wir diesen Ton der Weihnacht bewahren in unserem Herzen? Hören wir da Jauchzen und Jubel oder stimmen gar mit ein, wie befestiget unsere Wohlfahrt ist, wie sicher unser Heil? Ja, das ist das Wunder der Weihnacht, wenn unsere Herzen offen bleiben das ganze Jahr, wenn wir die Herberge sind, in der Platz ist, ja, wenn es uns gelingt, diesen Abstieg Gottes in unser Leben zu bewahren. Gott kommt an, wenn wir ihn als Mensch sehen.

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