Gott ist mehr

Gnade sei mit euch und Friede von Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist. Amen.
Liebe Gemeinde, Trinitatis ist das Fest der Heiligen Drei-Faltigkeit. Gott ist einer in drei Gestalten, meint das. Und weil das ein bisschen kompliziert ist, will ich Ihnen das näherbringen, indem ich Ihnen von drei Menschen erzähle.

1. Hedda ist Lehrerin und sie liebt ihren Garten. Sie kann gar nicht genug davon kriegen. Sobald sie Zeit hat, ist sie draußen und rupft und zupft, mäht und pflanzt, sät und erntet. Die schönste Zeit ist jetzt schon fast vorbei: Die Fliederblüte liegt in den letzten Zügen, dem Mohn werden wahrscheinlich Wind und Regen nun den Garaus machen. Tulpen, Krokusse und Narzissen, das ist alles längst vorbei. Aber jetzt, wo es draußen wärmer wird und länger hell ist, sitzt sie zu gerne abends mit einem Glas Rose auf ihrer Terrasse und freut sich still über das Wunder, das sie schafft.

2. Stefan ist ein Aktivist, aber ganz anders als Hedda. Der Maschinenbau-Ingenieur beobachtet wachsam, was in der Welt geschieht: Die Zustände in den Flüchtlingslagern, die Unruhen in Amerika nach dem Mord an George Floyd, das Konjunkturpaket der Bundesregierung zur Bewältigung der Corona-Krise. Stefan ist sehr klug und sehr umsichtig, aber er will nicht stillhalten, wenn irgendwo Unrecht geschieht. Er unterschreibt Petitionen, hält Vorträge, unterstützt finanziell Ärzte ohne Grenzen und gibt Sprachkurse für Migranten in seiner Kirchengemeinde.

3. Jana ist bei den Pfadfindern engagiert. Das ist schon seit so vielen Jahren so, dass sie es sich gar nicht anders vorstellen. Tagsüber macht die 23-Jährige ihren Job als Bauzeichnerin – von irgendetwas muss man ja leben – aber in ihrer Freizeit gehört sie ganz den jungen Leuten: Dienstags hat sie die Wölflinge, das sind die Sechs- bis Neunjährigen, mittwochs sind die Jungpfadfinder ab neun Jahren dran, donnerstags die Pfadfinder ab zwölf und freitags begleitet sie die Rover, die sind 16 und älter. Am Wochenende finden oft überregionale Treffen statt, so oft es geht organisiert sie Pfadfinderlager.

Befragt nach ihrem Glauben, antworten Hedda, Stefan und Jana verschieden. „Gott ist der Schöpfer aller Dinge“, sagt Hedda. „Wenn ich durch meinen Garten streife, den Lauf der Jahreszeiten erlebe, Insekten beobachte oder die Vögel singen höre, denke ich: Niemals kann etwas so Perfektes aus dem Nichts, aus dem Chaos entstehen. Dahinter muss ein ordnender Wille, eine Schöpfungskraft stehen, das glaube ich gewiss. Mich durchströmt Glück und Zufriedenheit, wenn ich durch die Pflanzen streife, ich fühle mich eins mit Gott. Und nie vergesse ich, ihm für diese schöne Welt zu danken!“

Bei Stefan klingt das ein wenig anders. „Jesus ist mein Vorbild und Leitlinie meines Handelns“, sagt er. „Niemals hätte Jesus tatenlos zugesehen, wenn Menschen im Mittelmeer ertrinken. Rassismus und Fremdenfeindlichkeit würde er nicht dulden. Er hat sich für seinen Nächsten hingegeben, und in seiner Nachfolge tue ich, was ich tue.“ Manchmal sei er wütend auf die Politik, gibt er zu, und das Wiederaufleben rechter Gesinnungen mache ihn manchmal zornig und verzweifelt. Vor der Verbitterung schützt ihn sein Glaube. „Jesus hat auch nicht aufgegeben“, sagt er, „und doch hat er nie Gewalt ausgeübt und hätte sie niemals akzeptiert. Mein Glaube an Jesus Christus hilft mir dabei, Ruhe zu bewahren und die Hoffnung nicht zu verlieren.“

Und Jana? Warum tut sie das alles? „Ich glaube, dass Gemeinschaft für Kinder und Jugendliche wichtig ist. Bei den Pfadfindern lernen sie, mit der Natur zu leben und Verantwortung zu übernehmen. Schritt für Schritt begleiten wir sie auf dem Weg ins Erwachsenenleben und bringen ihnen den Glauben näher.“ Und bei den Pfadfindern sieht das ein bisschen anders aus als bei unseren Gottesdiensten: Sie treffen sich abends in der Gemeinschaftsjurte zum Abendsegen um das Feuer in der Mitte. Es gibt eine kleine Andacht und viel Musik, irgendwer hat immer eine Gitarre dabei. Und nach dem Vater-Unser halten sich alle zum Segen an den Händen. „Ich weiß nicht“, sagt Jana, „da ist fast jedes Mal ein Kribbeln in mir, das ist immer wieder so besonders und so tief….. das ist der Heilige Geist, Gottes Gegenwart unter den Menschen.“

Sie merken, liebe Gemeinde: Drei Menschen, drei Arten zu glauben. Und diese drei Arten sind nicht unbedingt kompatibel. Ich kann mir Hedda nur schlecht bei den Pfadfindern vorstellen, Jana hat gar keine Zeit für Petitionen und Debatten über die Menschenrechte und Stefan hat – bei allem Respekt – einfach kein Gefühl fürs Grüne, der ist ein Grobmotoriker, was Pflanzen betrifft, ein absoluter Kopf-Mensch. Drei Christen, die verschiedener nicht sein können und doch an den einen Gott, den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist glauben.

Trinitatis heißt dieser Sonntag, er gehört zu den wichtigsten des Kirchenjahres, leider auch zu den Unverstandensten und den am wenigsten Beachteten. An diesem Sonntag feiern wir, dass Gott immer ein bisschen mehr ist als wir uns vorstellen können, dass er erhaben, mitfühlend und lebendig zugleich ist. Trinitatis ist ein schönes Fest. Die Paramente sind weiß, das sind sie sonst nur zu Ostern und zu Weihnachten.
Das Blöde ist: Menschen wie Hedda, Stefan und Jana gibt es viele in der Kirche. Aber sie begegnen einander nur selten. Und eigentlich ist Kirche gar nicht komplett, wenn nicht alle drei darin vorkommen, so wie Gott nicht komplett wäre, wenn Vater, Sohn oder Heiliger Geist fehlen würden. Trinitatis wäre ein toller Tag für ein Gemeindefest: Hedda schmückt die Tische mit Blumen aus ihrem Garten, Stefan informiert an einem Info-Stand über die Situation im Flüchtlingslager Moria und sammelt Geld für die Unterstützung von Frauen und Kindern. Jana und ihre Pfadfinder sorgen für die Logistik und bieten Spiele an. Und zum Abschluss gibt es einen großen Kreis, und alle fassen sich an den Händen, beten das Vater-Unser und empfangen den Segen.

Gott ist viel. Gott ist mehr. Gott ist Vater, Sohn und Heiliger Geist. Gott ist in mir und in dir. Er ist aber auch in jedem Menschen, der in Not ist. Gott ist unter uns, jetzt und hier. Gott ist drei in einem, er ist alles in allem, Gott ist groß, größer als alle Vernunft. Er bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

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