Gott in uns geboren

Liebe Gemeinde am Weihnachtsabend,

vielleicht sitzen auch Sie heute Abend noch beisammen, lassen Essen und Bescherung ausklingen und sinnen diesem Jahr nach, für sich allein oder im Gespräch. Ob das dann besinnlich wird, oder eher rührselig oder traurig, ob Sie dabei lachen oder weinen oder beides – das kann viele Gründe haben. Ihre persönliche Bilanz dieses Jahres – wenn Sie sie heute Abend bedenken – wie sieht sie aus?

Unsere Bilanz mag mit großen Themen zu tun haben, mit Gerechtigkeit und Frieden, mit Naturkatastrophen und Kriegsgeschehen. Oder vielleicht hat sie eher damit zu tun, wie wir uns selbst wahrgenommen haben mit Scheitern und Gelingen in diesem Jahr.

Die Bilanz, so scheint mir, hat etwas mit unserer Vorstellung zu tun, wie wir Scheitern und Gelingen bewerten und zusammen bekommen. Wie wir „Klein und Groß“, wie wir Schwäche und Verzweiflung, Stärke und Freude in unserem Leben verstehen, kurz wie wir mit den Widersprüchen in unserem Leben umgehen.

Wir präsentieren uns stark, es geht schon, wer hat schon Lust auf das Gejammer? Selbst in Freundschaften sollen wir ja nicht nur jammern, denn das zieht runter, verschlingt Energie und nimmt Freude weg. Wir präsentieren uns stark, im Berufsleben ebenso wie in der Familie, wir müssen durchkommen und dabei behindert uns das Eingeständnis von Schwäche, Lustlosigkeit, Müdigkeit. Das Haus muss gebaut und abbezahlt werden, das Leben allein muss bewältigt werden, die Kinder müssen lernen klarzukommen. Ja, und wem die Seele ausgeleiert ist, wer nicht mehr funktioniert, wer innerlich aufgibt – sitzt auf der anderen Seite, unten, im Finstern. Lebenserfahrung: Scheitern. Wir sind so auf das Entweder-Oder geeicht. Scheitern oder Erfolg. Trauer oder Freude. Licht oder Finsternis. Vorstellungen scheitern oder gelingen, unsere Sehnsucht – entweder setzen wir sie um oder sie bleibt unerfüllbar. Manchmal sehe ich meine Falten im Spiegel und bin entsetzt – von diesem unentrinnbaren Schicksal meiner Vergänglichkeit – nichts führt daran vorbei, dass wir alle hier der Vergänglichkeit unterworfen sind. Manchmal bin ich erfüllt vom Wissen geliebt zu sein und kann mich zufrieden geben mit der Begrenztheit meiner Möglichkeiten. Manchmal hadere ich, dass ich nicht mehr aus mir heraushole für gerechtere Lebensverhältnisse, für meine politische Verantwortung, für die Pflege meiner Nächsten. Und selten, so scheint mir, passen diese unterschiedlichen Erfahrungen zusammen.

Es gibt viele religiöse und weltliche Angebote mit diesen auseinander strebenden Erfahrungen umzugehen. Die Geschichten um das Weihnachtsgeschehen sind eine Weise, unser Leben zu deuten. „Gott wird Mensch, dir Mensch zu Gute. Gottes Kind, das verbindet sich mit unserm Blute.“

Es ist nicht entscheidend, was da nun historisch nachweisbar ist, da haben schon die vier Evangelisten die unterschiedlichsten Vorstellungen. Entscheidend ist, dass dieses Geburtsgeschehen verstanden wird als Gottes Bereitschaft unser Leben zu teilen, einzutreten in den Raum unserer menschlichen Existenz. Es bleibt nicht dabei, dass Gott in den Himmeln wohnt und der Mensch auf der anderen Seite, im alltäglichen Erdendasein. Wir sollen erfahren, dass Gott unsere Freuden und Mühen teilt. „Steht auch dir zur Seite, still und unerkannt, dass es treu dich leite, an der lieben Hand“ Ob verpönt oder anerkannt, die Weihnachtslieder dichten diese neue, unerhörte Theologie:

Wo die Vorstellung herrscht, Menschen müssten sich strecken nach Gott so wie wir uns für Erfolg anstrengen müssen, sagt die Weihnachtstheologie „Nein“ und behauptet das Gegenteil. Gott kommt dahin, wo Du gebückt bist, wo Du stehst und gehst, wo Du unter Wehen Neues zur Welt bringst, wo Du im Stallmief hockst, ganz allein, Gott kommt nach unten. Gott überwindet die Trennung von oben und unten, von Schatten und Licht, von klein und groß. Nicht im Abstand, im sorgfältig zu trennenden Bereich des Heiligen begegnen wir Gott, nicht indem wir uns ausstrecken nach oben, sondern indem Gott nach unten kommt und im neugeborenen Kind sichtbar wird. Die Welt gibt klare Anweisungen: Erfolg, Leistung, Macht, Stärke, Größe, möglichst weit weg von Sterblichkeit und Scheitern. Das Weihnachtsgeschehen widerspricht dem entschieden. Unsere mittelmäßige, von Selbstmitleid oder Selbstüberschätzung gezeichnete Existenz, unser Gejammer und unsere Ignoranz, unsere Trägheit und unser Versagen… – gehört alles dazu. Es gibt kein Versprechen, dass unsere Einsamkeit beendet wird, dass unsere Enttäuschung aufhört, dass unser Versagen verwandelt wird – nur eins: Gott ist dabei. Weihnachten ist das Angebot: Gott nicht in der Natur zu suchen, nicht in schönen Kirchen oder Meditationen, nicht in geschichtlichen Ereignissen finden zu wollen.

Gott ist im menschlichen Antlitz zu finden, in jedem menschlichen Antlitz, in der brutalen Diesseitigkeit des Lebens. Gott wird so klein wie ein Mensch. Gott wird Mensch. Dadurch können wir wachsen. Manchmal sogar über uns hinaus. Dann werden wir aber nicht übermenschlich, sondern werden gerade erst zu Menschen. Wenn wir aufhören können, das weghaben zu wollen, was sich unangenehm anfühlt, kann neue Größe in uns wachsen: die Größe der Menschlichkeit. Machs wie Gott – werde Mensch! Gottes schrumpft seine Größe auf unsere Niedrigkeit, ein unerhörter Vorgang, egal in welchen Bildern wir von Gott reden. Ob wir uns eingestehen können, wie begrenzt wir mit unserem Handeln und Fühlen sind? Uns eingestehen, wie vielfältig, zwiespältig, die Gefühle den alten Eltern gegenüber sind, das Ausgeliefertsein an das eigene Älterwerden, der Druck von Kraft und Jugend? Alles, was zu uns gehört, auch als zugehörig zu uns zu nehmen – das ist der Schlüssel zu unserem Menschsein. Wenn Stärke und Schwäche in uns Platz haben dürfen, dann werden wir menschlicher, dann bereitet das den Frieden vor.

Wenn Gott in uns lebendig wird, dann hören die Widersprüche nicht auf. Aber vielleicht erleben wird sie anders. Vielleicht wird aus dieser unerfüllbaren Sehnsucht nach Vollkommenheit manchmal die Erfahrung, dass alle Seiten zu uns gehören und wir vollständig sind. Nicht weil wir schon vollkommen sind, sondern weil das Kleine und das Grosse, Licht und Finsternis, Scheitern und Gelingen, Einsamkeit und Geborgenheit in uns zusammen gehören. Dann – würde ich sagen – wird Gott in uns geboren.

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