Gott handelt

[TEXT: Joh 3,16]

Liebe Gemeinde,

ja, so geht der Lauf der Dinge: Fressen und Gefressen werden. Es gilt das Gesetz des Stärkeren. Es gilt das erbarmungslose Gesetz des Marktes. Überall und zu allen Zeiten. Das war schon immer so. Das ist auch heute so. Nur heute haben wir das Gesetz des Marktes zur offiziellen und anerkannten Ideologie erklärt – die noch nicht einmal ernsthaft hinterfragt werden darf. Man kann es auch noch zynischer ausdrücken. Eben so, wie der Liedermacher Konstantin Wecker singt: "Einen braucht der Mensch zum Treten und einen hat er der ihn ständig tritt". Und so geht es auch in der alten Geschichte, die wir Karfreitag immer hören. Mal trifft’s den. Mal trifft’s jenen. Jetzt trifft’s IHN. Den von dem wildfremde Menschen sagen: Fürwahr, dieser ist ein frommer Mensch gewesen! (Lukas 23,47). Oder stärker noch – dem Sinn nach das Gleiche: Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!(Matthäus 27,54) – Jesus von Nazareth. Im Glaubensbekenntnis heißt kurz und bündig: Gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben.

Unsere Vorfahren haben das Kreuz als Symbol für ihren Glauben gewählt. Es hängt in unseren Kirchen. Es schmückt unsere Gräber. Es ist bis heute das Sinnbild unseres christlichen Glaubens. Das Kreuz, an dem vor knapp 2000 Jahren ein gewisser Jesus von Nazareth vor den Toren Jerusalems elendig starb. Von seinen Freunden verraten. Von seinen Glaubensbrüdern fallen gelassen. Von der römischen Herrschaft und ihren Schergen ermordet. Hingerichtet. Beiseite geschafft. Das ist das Kreuz. Jenes Kreuz von Karfreitag. Das Kreuz muss sich viele Fragen gefallen lassen:

Warum ausgerechnet das Kreuz? Was ist mit den vielen anderen Kreuzen, mit den anderen Toten, mit den anderen Opfern? Hat das Kreuz denn auch etwas hoffnungsvolles? – Stärker noch: Wie kann den ein so grausames Folterinstrument zum Symbol der Hoffnung werden.

[Gitarre und Orgel]

Die Geschichte des Jesus von Nazareth versucht auf diese Fragen Antworten zu geben. Keine einfachen, keine leichten – und schon gar keine bequemen Antworten. Zum einen: Der, der hier leidet, der, der hier stirbt, stirbt einen unschuldigen Tod. Das Matthäusevangelium lässt selbst Pilatus sagen: Ich finde keine Schuld an ihm. Jesus ist unschuldig. Zum anderen: Der, der hier stirbt, hat einen göttlichen Auftrag, eine göttliche Mission: Jesu Leben ist Auftrag. Sein Auftrag ist den Menschen Gott nahe zu bringen. Sein Projekt ist Liebe. Und das dritte, das Erstaunliche: Jesus scheitert an seiner Mission. Sind es nun die Oberen Israels, die ihre Felle davon schwimmen sehen bei diesem sanftmütigen Rabbi von Nazareth – oder sind es die Römer, die die Ruhe im Staate gefährdet sehen bei diesem unbequemen Prediger. Jedenfalls gibt es starke Kräfte, die das nicht aushalten, was er, Jesus tut und sagt. Und das Ende ist bekannt: Von seinem Anhänger Judas verraten und verkauft, von seinem Freund Petrus verleumdet, am Marterpfahl der römischen Besatzungsmacht am Vorabend des Passafestes im Jahre 33 christlicher Zeitrechnung exekutiert.

Jesus wollte den Menschen Gott nahe bringen. Und Jesus hat den Menschen Gott so nahe gebracht, dass es allmählich schwer viel ihn von dem zu unterscheiden, den er verkündigt. Jesus und die Sache, die er verkündigt wachsen zusammen. Sein Tun und sein Reden werden identisch. Jesus spricht nicht nur von dem Gott, der immer noch eine zweite Chance gewährt, er lebt diese Botschaft auch. Jesus spricht nicht nur von Gottes Vergebung, er macht sie zu seinem Leben. Er lebt aus der Vergebung und kann so Vergebung leben. Jesus hält nicht nur fromme Sonntags- oder Sabbatreden über die Ausgestoßenen und die Zu-Kurz-Gekommenen, sondern er geht selber hin. ER übt Solidarität mit denen, die sonst draußen bleiben. Bleibt nur die Frage, warum musste er sterben? Warum haben die Menschen ihn nicht ertragen?

(1) Auch heute haben Menschen es schwer, die gegen den Strom schwimmen. Wenn sich einer für Menschenrechte einsetzt, wird er schnell verächtlich als "Gutmensch" betitelt. Das ist dann einer, der nicht mit beiden Beinen auf der Erde steht, das ist dann einer, der sich eben dem Gesetz des Stärkeren nicht unterwirft, einer, der es wagt das Gesetz des Marktes zu kritisieren. Einer, der zwar nicht gefährlich ist, aber der belächelt wird, den man nicht ganz ernst nehmen kann. Einer, der nicht verstanden hat, wo es langgeht. Ein Träumer.
(2) Auch heute ist es nicht leicht, von Gott zu reden, sich als religiösen Menschen, gar als "gläubigen" Menschen zu outen. Das sind Dimensionen, die in einer Welt, in der das zählt, mit dem man Geld machen kann, in der nur das zählt, nicht ernst genommen werden.
(3) Viel schwerer ist es aber – wie Jesus es tat – mit seiner ganzen Existenz das Projekt Nächstenliebe zu leben, ohne Rücksicht auf Verluste. Da wird das mitleidige Lächeln der Umwelt schnell zu Misstrauen und zu Missgunst.

[Gitarre und Orgel]

Jesus ist der Mensch, wie Gott ihn gemeint hat. Jesus ist der Mensch, der weiß wo er her kommt. Von Gott. Weil Jesus weiß wo er herkommt, kann er Gott als Vater ansprechen. So betet er. So denkt er. So lebt er. Heute sind wir wieder auf der Suche nach gelebter Spiritualität -auf der Suche nach unserem "Woher". Jesus ist der Mensch, der weiß, was Menschen brauchen. Heil-Sein, Frieden, Shalom. Jesus weiß, dass es nicht reicht ein reich gefülltes Portemonnaie oder Bankkonto zu haben. Er geht zu den Armen. Heilt Wunden, wo er kann und gibt ihnen das Gefühl, dass sie wertvoll sind; anders gesagt: Dass Gott sie so annimmt wie sie sind. Ich möchte gar nicht wissen, welch ein Elend sich häufig hinter der Fassade der Reichen und der Schönen verbirgt, die heute den Ton angeben. Jesus ist der Mensch, der von Gott so erzählt, dass er DA ist. Jesus hat den Menschen nicht nur von Gott erzählt, er hat ihnen den lebendigen Gott in ihre Welt hinein-erzählt, hinein-geschenkt. Ich glaube ganz fest, dass auch der heutige, der sogenannte und vielzitierte moderne Mensch in seinem Herzen eine ganz tiefe Sehnsucht nach Gott spürt. Aber wer bringt ihm den nahe?

So einen Menschen, wie diesen Jesus aber kann unsere Welt nicht ertragen. Seine Zeitgenossen konnten ihn nicht ertragen. Die herrschenden Römer konnten es nicht. Und wahrscheinlich könnten wir es auch nicht. Wahrscheinlich ist es der Umstand, dass Jesus uns Menschen mit seinem Leben einen Spiegel vor die Nase hält: So und nicht anders hat Gott den Menschen gemeint. So und nicht anders sollten wir sein. Das schmerzt zunächst. Denn wir müssen einsehen: So sind wir nicht. Und was ist nun das Hoffnungsvolle an diesem Tod, an diesem Kreuz? Was hat Menschen seit 2000 Jahren immer wieder dazu bewogen, diesem Jesus von Nazareth nachzufolgen und buchstäblich all‘ ihre Hoffnung auf den Gekreuzigten zu setzen? Neben vielem, was an Jesus einfach beeindruckend ist, und auch durch die Zeiten hindurch Nicht-Christen immer wieder beeindruckt hat, ist es sicher das Ende der Geschichte. Das Ende dieser Geschichte heißt nicht Karfreitag, das Ende heißt Ostern. Es ist die Geschichte, die erzählt: Gott selbst findet sich mit dem ganzen Geschehen nicht ab. Die Menschen haben den guten Menschen Jesus aus ihrer Welt herausgedrängt, weil sie diese Liebe, diese Nähe als beschämend empfanden. Sie haben ihn getötet. Aber Gott hat ihn wieder auferweckt. Gott hat in den Lauf der Welt eingegriffen. Er hat das Ruder umgerissen. Das heißt nichts anderes, als dass sich niemand geringeres als Gott selber nicht mehr abgefunden hat mit dem ewigen Kreislauf, den das Gesetz des Stärkeren und das Gesetz des Marktes der Welt diktiert. Gott hat gehandelt. Das ist Ostern. Unbegreiflich, wunderbar, und zutiefst hoffnungsvoll.

Und deshalb heißt es bei Johannes: Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. (Johannes 3,16) Ich wünsche Ihnen und mir einen besinnlichen Karfreitag und dann ein frohes Osterfest.

print

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen