Gott hält mich (Ps 31,2-6)

Ps 31,2-6
[2] HERR, auf dich traue ich, / lass mich nimmermehr zuschanden werden, errette mich durch deine Gerechtigkeit! [3] Neige deine Ohren zu mir, hilf mir eilends! Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest! [4] Denn du bist mein Fels und meine Burg, und um deines Namens willen wollest du mich leiten und führen. [5] Du wollest mich aus dem Netze ziehen, / das sie mir heimlich stellten; denn du bist meine Stärke. [6] In deine Hände befehle ich meinen Geist; du hast mich erlöst, HERR, du treuer Gott.

[Tod einer 39-jährigen Frau nach langer schwerer Krankheit]

Lieber N.N., liebe Angehörigen, werte Trauergemeinde.

Diesen Tag, den 23. Dezember werden Sie wahrscheinlich nie mehr vergessen, denn an diesem Tag ist Ihre Tochter gestorben. Was ich hier mit einem Satz gesagt habe, ist aber verbunden mit einer langen und schweren Krankheitsgeschichte. Sie haben diese Geschichte aus nächster Nähe miterlebt und haben sich bis zum vergangenen Sonntag so sehr gewünscht, dass es noch einmal gut gehen möge. Das ist auch nur zu verständlich, denn Sie beide hat sehr viel miteinander verbunden. Seit dem Tod Ihrer Frau im Jahre 1995 haben Sie zusammen mit Ihrer Tochter gewohnt, sie hatten zwar jeder seinen Bereich für sich, aber so wichtige Dinge wie Mahlzeiten und Gespräche hatten sie gemeinsam. Wie wichtig das ist und wie viel sie voneinander gehabt haben, mag Ihnen, lieber N.N. im Augenblick gar nicht bewusst sein, aber ich denke, nach und nach werden Sie schon noch merken, an welchen Stellen in Ihrem Leben, Ihnen Ihre Tochter fehlt.

Ich kann nur aus der Ferne erahnen, wie Ihnen zu Mute sein muss und ich weiß es wohl, wie schwer Ihnen der Weg hierher zur Friedhofskapelle gefallen ist. Denn Sie und auch die beiden Brüder von N.N. haben es heute mit Abschied zu tun und dieser Abschied wird Sie nicht unverändert lassen und Sie werden schmerzliche Spuren zu erfahren haben.

Mitunter denke ich, dass, wenn wir am Sarg eines Angehörigen stehen, wir sehr wohl spüren, wie uns jemand eine Wunde zufügt und solch eine Wunde muss erst mal verheilen, muss erst einmal diejenige Form annehmen, die uns dann nicht mehr diese Schmerzen spüren lässt.

N.N. befand sich in der Mitte ihres Lebens. Seit Ihrem 17. Lebensjahr war sie nierenkrank und von dem Zeitpunkt an bestand ihr Hauptanliegen darin, sich mit dieser Krankheit zu arrangieren. Das ist ihr auch ganz gut gelungen, denn obwohl sie selber in ihrem Leben in ihren Möglichkeiten sehr eingeschränkt war, hat sie sich im Laufe der Zeit nicht nur um die eigene Befindlichkeit gekümmert, sondern hat sich sechszehn Jahre lang in der Interessengemeinschaft der Nieren- und Dialysepatienten engagiert. Hier zeigt sich, so denke ich, dass sie von der eigenen Betroffenheit und vom eigenen Leid absehen konnte. Ihr wurde die Kraft geschenkt, sich auch noch um die Belange anderer Menschen zu kümmern. Und das ist schon bedeutsam, denn es ist zu erkennen, dass N.N. nicht auf das eigene Leid und auf die eigene Krankheit fixiert war, sondern sich auch um andere kümmern konnte.

Aber nicht nur in diesem Bereich war sie tüchtig und engagiert, sondern auch als Kassenführerin des Schulvereins in Eschede hat sie sich durch Zuverlässigkeit und Treue ausgezeichnet. Auch dort hat unsere Verstorbene Spuren hinterlassen und auch dort hinterlässt sie eine Lücke.

Es ist schwer, wenn man wie einen lieben Menschen loslassen muss, wenn mitangesehen werden muss, wie einem mehr und mehr der Mensch, den man geliebt hat, entgleitet. Sie haben das aus nächster Nähe miterleben müssen und was Sie da erlebt und erfahren haben, hat sich sicherlich in Ihre Seele eingebrannt. Sie waren dabei, als N.N. starb und Sie haben danach zwei Stunden ihre Hand gehalten. Was mag Ihnen da alles durch den Kopf gegangen sein? Sie hatten sich so sehr gewünscht, dass es noch einmal gut werden sollte, aber es kam so ganz anders.

Wie gut, dass wenigstens Sie in der Stunde des Sterbens bei ihr waren und ihr so ein Stück Geborgenheit geben konnten. Ich kann mir im Augenblick nichts Schlimmeres vorstellen, als dass jemand in der Stunde seines Sterbens allein gelassen wird und das einem Menschen so eine wichtige Hilfe in der Stunde seines Abschiedes versagt bleibt.

Der Sarg hier in unserer Friedhofskapelle gibt ein unmissverständliches Zeichen. Und dieses Zeichen lautet: Das Leben von N.N. ist in dieser Zeit und in dieser Welt zu Ende gegangen. Sicherlich kann man sagen: Viel zu früh, denn unsere Verstorbene hatte nicht einmal den 40. Geburtstag erreichen dürfen. Und dieser Sarg weist über sich hinaus und gibt uns zu bedenken: Merke wohl, dass auch Dein Leben begrenzt ist und dass auch Du eines Tages – Zeit noch Stunde weiß von uns keiner, sondern Gott alleine! – sterben wirst. Und ein weiteres gibt mir dieser Sarg zu verstehen: Öffne Dich den Fragen, die mit Deinem Sterben und Deinem Tod zu tun haben. Solche Fragen kommen früher oder später und solche Fragen lauten u.a.: Was wird aus Dir, wenn Du einmal für immer die Augen schließt? Wo wirst Du die Ewigkeit verbringen? Wie ist es bestellt mit Deinen Ansichten zum Glauben und Gott und zu den Fragen, die mit der künftigen Welt zu tun haben.

Liebe Trauergemeinde, ich weiß nicht, wie konkret sich unsere Verstorbene solche Fragen gestellt hat. Ich weiß auch nicht, ob sie für sich Antworten gefunden hat. Aber eines scheint mir so gut wie sicher: Wenn jemand wie N.N. so lange Jahre mit dieser Erkrankung leben musste, dann ist auch sie nicht an solchen Fragen vorbei gekommen.

Unsere Verstorbene – so haben Sie sie mir geschildert – hat eben vieles auch für sich behalten und vieles sicherlich auch mit sich selber abgemacht.

Liebe Trauergemeinde, unsere Wege sind vorgezeichnet. Gott, der alle Dinge geschaffen hat, dem auch wir unser Leben zu verdanken haben, der hält unser aller Leben in seinen Händen.

Diesem Gott wollen wir uns in dieser Stunde zuwenden. Denn er alleine kennt unsere Trauer und unsere Sorgen. Ihm bleiben keine noch so verquerten Gedanken verborgen. Auch die Fragen, die mit dem Abschied eines geliebten Menschen zusammen hängen, sind ihm bekannt. Und Gott wird der richtige Adressat sein in unserer Trauer.

Hören wir also Verse aus der Heiligen Schrift, aus dem Worte Gottes:

[TEXT]

Liebe Trauergemeinde, wir alle kennen Augenblicke und Situationen, in denen es uns schwer fällt, einen klaren Gedanken zu fassen, geschweige denn, etwas zu sagen. Das sind Augenblicke, in denen wir auf uns selbst zurückgeworfen sind und in solchen Augenblicken sind wir meistens sehr hilflos. In der Trauer, die Sie im Augenblick erleben, kann das so sein. Es ist gut, wenn man sich in solchen Situationen Worte ausleihen kann. Solche Worte wie die eben gehörten sind dann so etwas wie ein Geländer, an dem man sich festhalten und an dem man entlanggehen kann.

Was steckt nun drin in unserem Bibelwort?

Zunächst einmal ist hier die Erfahrung eines Einzelnen zu erkennen, dass Gott sich als jemand erwiesen hat, der zuhört. Und weil diese Erfahrung gemacht wurde, deswegen soll Gott nun auch seine Ohren zum Beter neigen, damit er auch die leisen Klagen, die vielen leisen Seufzer hören kann.

Das ist nun eine Erfahrung, die nicht jeder ohne weiteres in seinem Leben gemacht hat. Das liegt sicherlich zum einen daran, dass wir Gott nicht sehen können und deswegen nicht mit ihm rechnen. Und zum anderen liegt es auch daran, dass religiöse Gepflogenheiten nicht mehr so beachtet werden, wie dies zu früheren Zeiten getan wurde, denn es ist heutzutage nicht mehr modern, zu beten und es ist erst recht nicht mehr modern, einem anderen zu gestehen, dass man hilflos und traurig ist. Der Glaube an Gott, das Vertrauen in dem, den wir unseren Vater im Himmel nennen, kann nur wachsen, wenn ich mich persönlich auf solch eine Beziehung einlasse. Gott ist nicht auf mich angewiesen, er kann auch ohne mich sein und leben, aber ich kann nicht ohne Gott leben und sein. Eine Erfahrung, die immer wieder gemacht werden kann.

In Zeiten der Trauer kann es ganz wichtig sein, dass man sich angenommen weiß. Wer ist denn auch schon gerne alleine, wenn es ihm nicht gut geht? Wer von uns kennt es nicht dieses Gefühl, in sich selbst verkrümmt zu sein? Und wer möchte aus diesem Zustand nicht auch gerne heraus?

Der Beter des Psalms hat diese Erfahrung machen dürfen. Immer wieder hat er sich in seiner Not Gott zugewendet. Er ist nicht bei sich selbst geblieben, sondern hat erkannt, dass Gott ihm zuhört. Und das kann eine sehr gute Erfahrung sein, wenn ich etwas, was mir auf der Seele liegt, einfach sagen kann und loswerden darf.

Ein Gebet kann einem dann schon das Gefühl vermitteln: Gott hält mich. Ich werde nicht weiter versinken in der Trauer, sondern bin aufgehoben bei ihm.

Einer, der diese Erfahrung machen konnte, ist Jesus gewesen. In der schwärzesten Stunde seines Lebens, im tiefsten Abgrund seines Daseins hat er zu Gott gebetet: Vater, ich befehle meinen Geist in Deine Hände.

Das, liebe Trauergemeinde, ist Gottvertrauen. In dieser Hinsicht können wir bei Jesus eine ganze Menge lernen, denn dieser Jesus ist zwar gestorben, aber er hat fest darauf vertraut, dass Gott ihm auch im Tod beisteht.

Und Gott hat seine Macht an ihm erwiesen. Er hat ihn am dritten Tage auferweckt von den Toten. Und das kann für uns ein Zeichen sein, dass auch wir nicht im Tod bleiben, sondern auferweckt werden zum neuen Leben.

N.N. ist tot. Uns bleibt nichts anderes übrig, als sie loszulassen. Wir bitten Gott darum, dass er sich unserer Verstorbenen annimmt und ihr das neue Leben schenkt. Ein Leben, in dem es keine Angst, keine Krankheit und keine Tränen mehr geben wird.

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