Gott, ein Schwächling?

Liebe Gemeinde!

Wenn Sie gefragt werden, wie das funktionieren soll, dass da einer am Kreuz für unsere Schuld gestorben ist – was antworten Sie? — Gar nicht so einfach, da eine Antwort zu finden! Ist Gott etwa ein Schwächling? Lässt er es zu, dass sein eigener Sohn hingerichtet wird? Hätte er nicht irgendwie einschreiten können? Hätte er das nicht irgendwie verhindern können? Hätte er bestimmt, liebe Gemeinde, aber er tat es nicht. Jetzt stellt sich für uns die Frage: warum hat er die Verurteilung Jesu nicht vereitelt? Wir könnten uns eine bequeme Antwort zusammenbasteln: Wir könnten sagen, Gott weiß alles. Gott ist der Große und Mächtige, der Erhabene und Allumfassende. Dann wusste ja Gott auch ganz genau, wo das mit uns Menschen hinführt. Schon zu Noahs Zeiten stellte er doch lapidar fest: Die Menschheit hat ein böses Herz von Jugend an. Dann schickte er die Sintflut. Gott wusste also genau, wie der Hase läuft. Er wusste, dass sich die Menschheit selber zugrunde richten würde. Er wusste doch von Anfang an, dass Eltern ihre Kinder prügeln; dass Männer ihre Frauen betrügen und umgekehrt; dass Soldaten ihre vermeintlichen Feinde abschlachten (obwohl sie doch keinen davon persönlich kannten), nur weil es ein Befehlshaber befiehlt; dass verbissener, blödsinniger Nationalstolz die Jagd auf Ausländer und Menschen mit einer anderen Hautfarbe eröffnet; dass sich die verschiedenen Religionen und Konfessionen fanatisch gegenseitig die Köpfe einschlagen. Aber Gott scheint wohl etwas an uns Menschen zu liegen. Und sein Rettungsplan für die Menschheit wäre dann also das Opfern seines Sohnes. Überweltlich und ein für alle mal festgelegt hätte Gott sich also von vornherein dafür entschieden, dass es so kommt wie es gekommen ist. Das grausame Geschehen der Kreuzigung wäre also Gottes eigener Plan. Also Gott wäre selbst schuld an seiner Kreuzigung. – Na also, ist das ist nicht eine gute Antwort? Da hätten wir doch unseren Sündenbock. Da hätten wir doch wieder einmal ein Objekt, auf das wir unsere Verantwortung abschieben können: auf Gott selbst. Wenn es denn so einfach wäre! Das hätten wir vielleicht gerne so, weil wir uns auf Gottes Plan herausreden könnten.

Aber wir sollten die Bibel lesen und dabei die Brille der eigenen Wunschvorstellungen abnehmen. Dann nämlich erkennen wir den Grund der Kreuzigung. Jesus wurde verurteilt, weil seine Zeitgenossen neidisch waren. Und sie hatten Angst vor ihm. Jesus predigte das Reich Gottes. Er heilte Kranke. Er speiste Hungrige. Er weckte sogar Tote. Er besiegte vermeintliche Dämonen. Er trat für die Schwachen ein. Er lebte ganz so, wie Gott sich das Leben vorstellt. Er lebte Gott selbst auf Erden. Das war seinen Gegnern unheimlich. Sie klagten ihn an. Sie beschimpften und bespuckten ihn. Sie schlugen und sie peitschten ihn. Und sie nagelten ihn ans Kreuz. Sie konnten dieses neue, dieses andere Leben nicht aushalten. Unvorstellbar für eine von Neid und Gier, Gewinnsucht und Selbstdarstellung geprägte Menschheit. Wenn Jesus heute käme, und genauso leben würde wie damals – er käme wieder unter die Räder. Er ist der Durchbrecher des Echo-Gesetzes: „wie du mir, so ich dir“. Aber unser Leben ist davon geprägt. Und wir kommen mit anderem Leben nicht zurecht. Stellen Sie sich nur mal einen Menschen vor, der sich nie wehrt: im Kindergarten getreten, in der Schule als Schwächling verachtet, von der Familie verlacht, in der Lehre verheizt, von Kollegen ausgenutzt, im Laden über den Tisch gezogen – eine erbärmliche Gestalt, würden wir sagen. Solche Menschen schieben wir an den Rand. Die haben bei uns nichts verloren, in einer Welt, in der nur Stärke, Kraft, Macht und Schönheit zählen. Wir würden gar nicht erst fragen, warum er sich nicht wehrt. Warum er niemanden mit kleinen, harmlosen Tricks aus Eigennutz hinters Licht führt – so wie es doch fast jeder macht. Würde Jesus heute hier leben, er würde an den Rand gedrängt werden. Er würde die Gotteskraft der Liebe, der Vergebung und der Barmherzigkeit leben. Das könnten wir nicht ertragen. Wir würden ihn wieder kreuzigen.

Und damit bleibt es uns ein großes Rätsel, warum Gott es zuließ, dass man seinen Sohn kreuzigt. Das Kreuz ist doch in erster Linie ein Scheitern. Ende – aus – tot. Wir können Christi Tod am Kreuz deuten, auf vielerlei Weise. Zum Beispiel auch mit Hilfe des Alten Testaments: der leidende Gottesknecht, wie ihn der heutige Predigttext aus dem Jesajabuch beschreibt. „Führwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der Herr warf unser aller Sünde auf ihn.“ Deutung ist wichtig. Sie ist wichtig, dass wir verstehen, warum Christus hat sterben müssen. Wenn wir dieses Geschehen – unter verschiedenen Blickpunkten – deuten, dann tun wir es, um alle Aspekte zu erfassen. Schon die Jünger haben damals solche Texte aus dem Alten Testament hergenommen, damit sie verstehen können, was da eigentlich passiert ist. Aber wir dürfen die Deutung nicht auf sich selber reduzieren – wenn wir die Deutung quasi vor das eigentliche Ereignis stellen. Denn dann könnten wir ja sagen: Gut, wenn Christus für unsere Sünde ans Kreuz gegangen ist, dann haben wir ja kein Problem mehr. Dann können wir fleißig weiter „Missetaten“ – wie es der Jesajatext nennt – anstellen, also immerzu so weiter leben wie bisher. Nach dem Wie-du-mir-so-ich-dir-Prinzip. Denn all unsere Sünde ist doch mit Christus ans Kreuz genagelt, und wir sind bei Gott freigesprochen von unserer Schuld. Das ist nicht der Sinn der Sache. Deshalb müssen wir uns bei aller Deutung immer das wahre Ereignis vor Augen halten: Menschen haben Jesus hingerichtet, weil sie Gottes Liebe nicht ertragen konnten.

Und warum hat Gott nicht eingegriffen und es verhindert? Weil Gott auf der Seite der Entrechteten steht. Gott herrscht nicht mit Macht und Gewalt – zu unserem Glück! Gott steht nicht nur auf der Sonnenseite des Lebens. Gott tritt ein für die Schwachen und Leidenden. Gott wendet sich dem Menschen zu, der in Not ist. Genau das war es ja, was Christus uns vorgelebt hat, und was die Menschheit nicht ertragen konnte. „Aber wer glaubt dem, was uns verkündigt wurde?“, fragt der Prophet im Predigttext. Gott ist nicht ein Machtgott oder das oberste moralische Prinzip. Gott ist nicht der drohend erhobene Zeigefinger. Gott wirkt durch die Liebe. Er wirkt im Stillen. Er zeigt uns Wege auf dieser Welt, die uns die Nähe seines Reiches spüren lassen. Denn Liebe herrscht nicht über andere. Liebe unterdrückt die anderen nicht und sie quält andere nicht. Also doch ein Schwächling, dieser Gott? Paulus gibt auf diese Frage Antwort: Manchen ist Gott eine Torheit. Aber uns ist er eine Kraft, die seine Nähe aufzeigt zu allen Schwachen, und die Hoffnung macht, dass Gott eines Tages alle Tränen von unseren Augen abwischen wird.

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