Gott aber sieht das Herz an … (1. Sam 16,7)

1. Sam 16,7
[7] Aber der HERR sprach zu Samuel: Sieh nicht an sein Aussehen und seinen hohen Wuchs; ich habe ihn verworfen. Denn nicht sieht der HERR auf das, worauf ein Mensch sieht. Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an.

[30jähriger „Penner“]

Wir sind hier zusammengekommen um von N.N. Abschied zu nehmen. In unsere Trauer hinein wollen Worte der Heiligen Schrift sprechen, wie sie aufgeschrieben sind im 1. Buch Samuel, im 16. Kapitel, im 7. Vers:

[TEXT]

Liebe Angehörige, liebe Trauergemeinde, was ist uns vor Augen, wenn wir uns an das kurze Leben von N.N. erinnern? Nein, es lässt sich nicht leugnen. Was wir gesehen und miterlebt haben, war eine Geschichte des Untergangs. Er hat es sicher immer wieder versucht. Er hat immer wieder versucht, Boden unter die Füße zu bekommen; in seinem Verhältnis zu Frauen, in seiner Beziehung zur Arbeit, in seiner Beziehung zum Alkohol. Er ist immer wieder untergegangen.

Ich lebe noch, hat er einer Bekannten einmal auf einen Zettel geschrieben und das „noch“ hat er dick unterstrichen. War das sein Lebensgefühl? Ich leben noch, aber wer weiß, schon bald …? Lebte er immer am Rand des Abgrunds und des Untergangs? Und ist sein Tod, als er am vergangenen Samstag im Lettenbachsee auf den letzten Metern vor dem Ufer unterging, nicht ein Sinnbild für sein Leben geworden?

Wir sind traurig darüber. Sicher, es mag Menschen, die ihn gekannt haben, geben, die nicht traurig darüber sind. Die das Leben von N.N. mit kalten Augen und kaltem Herzen anschauen. Von außen, nur von außen. Für die N.N. ein Fall war, aktenkundig im Arbeitsamt und im Sozialamt. Menschen, die sagen: Das musste ja so enden, früher oder später. Menschen, die auf ihn herabgeschaut haben, ihn wie den letzten Dreck behandelt haben. Menschen, die N.N. lange und gut gekannt haben und heute trotzdem nicht hier sind und ihm die letzte Solidarität verweigern, zu der jeder Mensch fähig sein sollte: Die letzte Solidarität im Angesicht des Todes.

Wir sind auch darüber traurig. Traurig über eine Gesellschaft, die kalt und grausam sein kann. Traurig darüber, dass auch wir vielleicht manchmal so gedacht und gehandelt haben. Heute können wir N.N. nicht mehr dafür um Verzeihung bitten.

Wir können nur Gott um Verzeihung bitten, für uns und stellvertretend für die, die nicht den Mut fanden, N.N. das letzte Geleit zu geben. Wir bitten den Gott der Bibel um Vergebung. Den Gott, der Geschichten des Untergangs nicht nur von außen, sonder auch von innen kennt, weil er ein Mensch wurde, der Jesus von Nazareth hieß. Seine Geschichte war auch eine Geschichte des Untergangs. Er kannte die Angst vor dem Abgrund und vor der letzten Verlassenheit. Er wurde ans Kreuz geschlagen und starb elend im Alter von 33 Jahren. In dieser Geschichte lässt sich Gott ins Herz schauen.

Hat sich dieser Jesus nicht vor allem um solche Menschen gekümmert? Um Menschen die eine Lebensgeschichte hatte, die der von N.N. vergleichbar war? Hat Jesus nicht gesagt, er sei auf die Welt gekommen, um das zu suchen, was verloren ist?

Und deshalb glaube ich ganz fest, dass dieser Gott N.N, trotz all dem Mist, den er in seinem Leben gebaut hat, die letzte Solidarität im Angesicht des Todes nicht verweigert hat. Deshalb glaube ich ganz fest, dass Gott noch einen ganz anderen Blick in das Innere der Lebensgeschichte von N.N. getan hat, als wir das konnten. Deshalb glaube ich fest, dass N.N. bei Gott noch einmal ein ganz anderes Verständnis und Frieden finden wird, als bei uns. In Gottes Hand kann auch eine solche Geschichte des Untergangs heil werden.

Denn Gott sieht nicht auf das, worauf ein Mensch sieht. Ein Mensch sieht, was vor Augen ist. Gott aber sieht das Herz an. In seinen Augen hat auch das Leben und der Tod von N.N. seine eigene Würde und sein eigenes Gewicht. Und wenn wir das Leben von N.N. noch einmal wie Gott, mit den Augen des Herzens sehen, dann werden uns Dinge einfallen, die wir an ihm gemocht haben und die uns nun fehlen werden.

Und dabei wird uns immer, wenn wir an ihn denken, auch belasten, dass wir seine Geschichte des Untergangs nicht aufhalten konnten. Vielleicht konnten wir es wirklich nicht. Nein, es bringt nichts, wenn wir uns dann mit Vorwürfen zerfleischen. N.N. ist tot! Wir können für ihn nichts mehr gut oder besser machen.

Aber es gibt noch genug andere in unserem Freundeskreis, in unserer Nachbarschaft, in unserer eigenen Verwandtschaft, die am Rand des Untergangs leben. Wir wollen im Gedenken an N.N. lernen, sie besser wahrzunehmen, so wie Gott das tut, mit den Augen des Herzens. Vielleicht können wir dann den ein oder anderen Untergang aufhalten.

Für N.N. können wir nichts mehr tun. Das kann allein Gott und der wird N.N. heil machen und für ihn sorgen. Wir bitten Gott für uns, dass er uns tröstet, weil der Abschied von N.N uns traurig macht, dass er uns Kraft schenkt zum Weiterleben und dass er uns unsere Schuld vergibt, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

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