Glaubensgeheimnisse

Liebe Schwestern und Brüder in Christus,

wieder sind wir im Gottesdienst den altvertrauten Weg gegangen, der in der Sehnsucht der Menschen nach Gott seinen Ausgang nimmt. Auch wenn wir es im Alltag nicht merken – unser Herz wird unruhig bei dem Gedanken, es könne keinen Gott geben oder Gott könne sich um uns nicht kümmern. Unser Herz sehnt sich danach, irgendwo geborgen zu sein. Diese Sehnsucht verbindet uns mit allen Menschengeschlechtern vor uns und wird uns verbinden mit allen, die nach uns kommen.

Gott bemerkt die Sehnsucht seiner Geschöpfe. Er spürt sie. Und er will sie nicht unbeantwortet lassen. Es soll, es wird etwas geschehen.

Das lässt er den Menschen mitteilen in der Prophezeiung des Jesaja, die wir vorhin gehört haben: »Ein Spross wächst aus dem Baumstumpf Isai, ein neuer Trieb schießt hervor aus seinen Wurzeln. Ihn wird der HERR mit seinem Geist erfüllen, dem Geist, der Weisheit und Einsicht gibt.«

und in der Prophezeiung des Micha, die wir vorhin gehört haben: »Der HERR gibt sein Volk den Feinden preis, bis eine Frau den erwarteten Sohn zur Welt bringt. Im höchsten Auftrag des HERRN, seines Gottes, und mit der Kraft, die der HERR ihm gibt, wird er die Leute von Israel schützen und leiten.«

Es bleibt nicht bei diesen Ankündigungen – auch wenn es Jahrhunderte lang so aussah. Der Weg führt weiter zur Antwort Gottes, in die er seine ganze eigene Sehnsucht mit hineinlegt. Das ist sicher eine der wichtigsten Erkenntnisse, die das Weihnachtsfest mit sich bringt:

Gott hat Sehnsucht nach seinen Menschen. Er liebt uns so sehr, dass er von sich aus die Trennung überwindet, die zwischen ihm und uns besteht. Gott wird Mensch. Der Schöpfer aller Dinge, der, der das Weltall in Händen trägt, macht sich seinen Geschöpfen gleich, die auf einem winzigen blauen Punkt inmitten der Weite des Universums leben.

Der Apostel Paulus bringt dies in einem seiner Briefe mit einem Satz auf den Punkt wenn er im ersten Timotheusbrief im 3. Kapitel schreibt:

Ja, alle stimmen darin überein: erhaben ist die ehemals verborgene, jetzt offenbarte Wahrheit, der Grund unseres Gott ergebenen Lebens:

Christos ist erschienen als Mensch von Fleisch und Blut,

gerechtgesprochen in der Kraft des Geistes,

vorgestellt den Engeln,

verkündet unter den Nationen,

geglaubt in der Welt,

aufgenommen in den himmlischen Lichterglanz.

(Übersetzung: Bibel in gerechter Sprache)

Himmel und Erde berühren sich hier; sichtbare und unsichtbare Welt; die Welt der Natur und der Menschen und die Welt der Engel, Mächte und Gewalten, der Welt Gottes.

In vielen Religionen der Welt richtet sich die Sehnsucht der Menschen nach der Welt Gottes aus. Viele Wege werden da versucht, um aus der sichtbaren Welt in die unsichtbare Welt vorzustoßen. Viele Wege werden versucht, um Gott zu schauen, um ihm zu begegnen: Yoga, Zenmeditation, Schamanische Rituale, mystische Versenkung – und all diese Wege sind schwer zu gehen, das sagen diejenigen, die es versuchen, und man kann nie sicher sein, ob man wirklich Gott begegnet oder nicht doch nur irgendwelchen Trugbildern.

Schon im Alten Bund ist Gott den umgekehrten Weg gegangen. Er kam den Menschen aus der unsichtbaren Welt entgegen. Er hat sich bekannt gemacht und hat sich mitgeteilt. Er hat etwas von sich preisgegeben, er hat sich offenbart. Zuverlässiges über Gott können wir nur auf diesem Weg von ihm selber erfahren. Alles andere bleibt Spekulation. Indem Gott Mensch wurde, kommt diese Offenbarung zu ihrem Ziel.

In Jesus können wir Gott schauen.

Eine junge, schwangere Frau erlebt die Freuden und die Angst einer Geburt, und dann liegt es da, das Jesuskind. In einem armseligen Stall in einer Krippe.

Kaum ein anderes Bild rührt unsere Seele so stark an, wie das Bild eines neugeborenen Kindes.

Wir tragen das Bild des kleinen Kindes im Herzen. Bei den Frauen weckt dieses Bild die Bereitschaft zu ernähren und zu versorgen; bei den Männern den Wunsch, zu behüten und zu beschützen.

Ein kleines Kind macht uns keine Angst. In uns gibt es da höchstens die Sorge, dass es nicht zurechtkommt in dieser Welt, die nicht so ist, wie wir sie gerne hätten.

Das ist ein erstes Geheimnis unseres Glaubens:

Gott begibt sich in die Obhut der Menschen. Er, der Schöpfer des Kosmos, macht sich klein und verletzlich. Gott will uns keine Angst machen.

Und er hält diese Linie durch. Der erwachsene Jesus wird später die Kinder als Beispiel hinstellen und sagen: »Wer sich Gottes Herrschaft nicht anvertraut wie ein Kind, der wird ihre Segnungen nicht genießen.« So wie ein Kind mit Leib und Seele seinen Eltern vertraut, so dürfen wir Gott vertrauen. Unendliches Vertrauen ohne jedes Misstrauen – das war für uns alle in den ersten Monaten unseres Lebens überlebensnotwendig. Ohne dieses Urvertrauen wären wir nicht lebensfähig.

Wenn dieses Urvertrauen zwischen Säugling und Eltern gestört oder gar zerstört wird, wird das Leben unendlich schwierig. Leider ist dieses Urvertrauen in uns allen mehr oder weniger gestört worden. Deshalb bauen wir in unseren Beziehungen gerne auf eigene Stärke. Wir wappnen uns innerlich, wenn wir den Mitmenschen entgegentreten, weil wir ihnen misstrauen. Und wir misstrauen ihnen, weil wir als Kinder oft genug schlechte Erfahrungen gemacht haben. Unsere Welt ist nicht nur gut. Das erfahren wir immer wieder – als Kinder wie als Erwachsene.

Und das ist ein zweites Geheimnis unseres Glaubens:

Gott tut in Jesus Christus alles, damit wir das lebensnotwendige Urvertrauen zu ihm wieder fassen können. Er will, dass wir ihm so vertrauen können wie einem gütigen Vater und einer liebevollen Mutter. Er will, dass wir zu ihm kommen, auch wenn wir Sorgen haben oder schuldig geworden sind.

Nachts werde ich öfter unfreiwillig Zeuge menschlicher Not, wenn wieder einmal ein Betrunkener seinen ganzen Schmerz unter meinem Schlafzimmerfenster hinausschreit. Von aussichtslosen Schulden habe ich da gehört, von hakeligen Beziehungsproblemen, von Neid, von Ablehnung, von Mobbing, und immer wieder davon, dass die Schreier sich wegen ihrer Probleme abgrundtief selbst hassen.

Dabei ist Gott eigentlich direkt neben ihnen und möchte sie mit seiner Liebe erreichen. Er möchte ihnen sagen: Ich habe dein Leiden gesehen. Setze dein Vertrauen auf mich, dann kann ich dich daraus befreien. Gott hat sich der gesamten Bosheit ausgeliefert, die Menschen sich gegenseitig antun, um stark und unangreifbar zu werden.

»Seht her,« scheint er uns von der Krippe her zu sagen: »ich schlage nicht zurück. Ich ertrage eure Bosheit. Ich ertrage es, von euch getötet zu werden und den schändlichsten Tod, die schmachvollste Hinrichtungsart der damaligen römischen Welt, das Kreuz, auf mich zu nehmen. Er tat all das, damit wir Vertrauen fassen können.

Bis zu Jesus konnten Menschen beten: »Ach Gott, wenn du wüsstest, wie das Leben als Mensch ist…« Durch Jesus weiß er es. Er weiß, wie es sich anfühlt zu hungern. Er weiß, wie es sich anfühlt, ohnmächtig einer Situation oder einer Übermacht ausgesetzt zu sein. Er weiß, was Krankheit ist, er weiß, was Schmerzen sind, er weiß, wie sich der Tod anfühlt. Gott hat das alles selbst erlebt – so sehr liebt er uns. Er hat das alles selbst erlebt – ja er erlebt es noch – damit wir Vertrauen fassen können.

Und das ist das dritte Geheimnis unseres Glaubens:

In der Welt Gottes ist schon alles klar. Die Engel wissen es längst, das Jesus Christus auf seine Weise diese unsere Welt regiert. Die Engel singen es hinaus in alle Welt: »Ehre sei in den Höhen bei Gott! Und Frieden auf der Erde bei den Menschen, die Gott wohlgefallen.« Sie wissen, dass Gott allen Menschen den Weg zum Himmel geöffnet hat, weil Jesus geboren ist. Sein Geist wird Frieden stiften in all den Menschen, die Vertrauen fassen in Gott und seinen Weg. Auf der ganzen Erde hört man heute, was die Engel singen, weil die Predigt von Jesus fast alle Völker erreicht hat.

In jedem Land gibt es aber auch Menschen, die von Gott und von Jesus nichts wissen. In jedem Land gibt es auch Menschen, die nichts mit Gott und Jesus zu tun haben wollen.

Sie haben dabei ehrenwerte Motive:

Sie begreifen nicht, wie Gott Menschen krank werden und sterben lassen kann.

Sie begreifen nicht, wie Naturkatastrophen, Erdbeben, Kriege und Unfälle immer wieder Menschen dahinraffen.

Sie begreifen nicht, wie Menschen im Namen Gottes über andere Menschen Tod und Verderben bringen können.

Sie begreifen nicht, wie menschenverachtende Herrscher ihre Völker jahrzehntelang ungestraft unterdrücken und peinigen dürfen.

Sie begreifen auch nicht wie Gott sich selbst den römischen Soldaten in die Hände gibt und nichts unversucht lässt, um gerade diese bösen Menschen auf seine Seite zu bekommen.

Sie begreifen nicht, dass sie bei all ihrem Nichtbegreifen auf die Stimme ihres tiefen inneren Misstrauens hören, an die sie so gewöhnt sind. Denn sie wollen nur dann an Gott glauben, wenn er genau so handelt, wie sie sich das vorstellen. Sie schwingen sich zum Richter über Gott auf und verurteilen aus einer vermeintlichen Position der moralischen Stärke heraus, was sie an Gott sehen.

Dass Gott viel weiter denkt als wir Menschen,

dass Gott einen ganz anderen Überblick hat, weil er buchstäblich für alle da ist, auch für die ganz Anderen, die mir persönlich nie in den Sinn kommen würden,

dass Gott ganz andere Gedanken haben kann über die Welt und über uns als wir selbst, das begreifen sie nicht. Und deshalb lehnen sie Gott ab.

Sie sind gar keine bösen Menschen, im Gegenteil. Sie sind Menschen mit ehrenhaften Motiven. Aber sie machen sich ihren Gott selbst zurecht oder meinen, dass wir alle eben ohne Gott leben lernen müssen, weil der christliche Gott so offensichtlich versagt hat.

Auch sie will Gott erreichen mit seiner Liebe. Auch ihnen allen ist Jesus Christus geboren. Die Freude ist auch für sie schon angebrochen – in der Welt Gottes so, dass es alle wissen – auf Erden so, dass es alle hören können.

Und die es hören sind aufgerufen, Vertrauen zu fassen darin, dass Gott es gut meint und gut macht mit uns und der Welt. In diesem einen Fall ist begreifen gut, vertrauen aber besser. Fasst Vertrauen in Gott! Sprecht in euren Herzen: »Gott, ich vertraue dir, dass du die Welt liebst, ich vertraue dir, dass du mich liebst – auch dann, wenn ich es jetzt nicht merke.«

Dem Glaubenden, dem, der Vertrauen gefasst hat ist klar: Jesus Christus regiert bereits. Seine Herrschaft ist überall auf der Welt bereits spürbar, wenn auch nicht immer offensichtlich. Am Ende aber wird er seine milde Herrschaft der Liebe über alle Menschen aufgerichtet haben, die diese Herrschaft der Liebe aus ganzem Herzen unterstützen und mittragen. Wer liebt und auf Gott vertraut, ist am Ende nicht der Dumme, sondern trägt den Sieg davon.

Freuen wir uns also über die Geburt Jesu und lassen wir es alle Welt merken: Durch Jesus kam Gott in all seiner Liebe zu uns.

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