Gewaltig im Kommen

Erst nach Weihnachten und dem Jahreswechsel war für uns Zeit, den bis zum Rand gefüllten Korb der Weihnachtspost in Ruhe zu sichten. Die kurzen Grußkarten wandern schnell zur Seite, aufmerksam verfolgt werden dagegen die Nachrichten von Freunden, Weggefährten früher Jahre, Kollegen, Ex-Bremer. Beim Durchgehen der Mitteilungen könnte man geradezu zwei Haufen machen: Hier das sich Wiederholende. Grüße und Formulierungen, die man kennt, nur mit anderen Motiven auf den Karten. Und dann aufregende Berichte von Menschen, die erkennbar mit Gott leben. Die dabei durch Gefahren und Pleiten gehen. Die aber auch Siege und unerwartete Hilfen erfahren.

Und diese Berichte sind nie langweilig oder in wiederkehrendem Schema, wo sich nur die Namen und Termine der Hochzeiten und runden Geburtstage unterscheiden. Und es lässt sich immer wieder beobachten: Menschen, die ihr Leben Jesus verschrieben haben, erleben jedes neue Jahr neue Abenteuer. Wie es die Jahreslosung sagt: "Siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf…" Und man fiebert mit und ist gespannt, wie es ausgeht. Da ist Elisabeth, die in China ein Jahr Sprachen studiert. Nie groß herausgekommen aus Franken und nun auf einmal in diesem fremden Land mit der ganz anderen Kultur und nicht eben christenfreundlichen staatlichen Ideologie. Da muss sie ihren Glauben bewähren. Das ist ergreifend.

Daneben Micha, der sein freiwilliges soziales Jahr im Nordosten Kenias begann. Neu war dort alles, geradezu ein Kulturschock für ihn. Eine islamischistisch beeinflusste Gegend, die Bewohner warfen Steine auf Michas Wagen.

Oder Dr. Eberhard Piegsa, seit kurzem Arzt in der Prof. Hess Kinderklinik. Lange Jahre war er in Ägypten tätig in einem Missionskrankenhaus. Nun hat er mit einem Dutzend Christen aus versch. Bremer Gemeinden einen monatlichen Kindergottesdienst gestartet, der im Advent begann. Vergangenen Mittwoch war das zweite Mal mit dem Thema "Jesus das Licht der Welt" Da wächst etwas, von dem man noch nicht weiß, wie es genau angenommen wird, welche Auswirkungen es haben wird.

Es ist aufregend und glaubensstärkend, wenn Christen im Vertrauen auf ihren Herrn Neues wagen und angehen. Aber es ist schwer. Denn wir fühlen uns sicherer im Gewohnten. Genau wie die Juden in Babylon, denen der Prophet Jesaja einst die Jahreslosung zurief. Der Spruch ist Teil einer Rede, wo er gerade vorher mahnt: "Gedenket nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige!"

Leicht gesagt! Wo wir doch so fixiert sind auf Vergangenes. Auf das, was in der Vergangenheit gut lief. Auch wenn Manches davon, ehrlich ausgewertet, gar nicht mehr so gut läuft. Weil die Zeiten sich geändert haben, oder weil die Schar derer, mit denen man zusammenarbeitet, kleiner geworden ist. Aber man wagt die Frage nicht zu stellen: Sollen wir aufhören damit? Sollen wir es einmal ganz anders angehen? Oft traut man sich bei der Kirche solche Überlegungen nicht auszusprechen. Denn da ist das Herkömmliche oft eine Heilige Kuh, mit dem Hang sich zu Verselbständigen. Auch wenn keiner mehr sagen kann: wann hat es genau begonnen, was waren die Ziele damals. Passen die Ziele von damalsnoch zu dem, was wir heute wollen? Passen die Methoden noch zu dem, was heute greift?

Und so schaut man nicht nach vorne mit der Frage, was könnten wir im Vertrauen auf Gott Neues beginnen. Sondern man schaut sehnsuchtsvoll zurück auf die verklärte Vergangenheit. Wo alles so schön war.

Genau wie die Juden in Babylon. Sie schauen zurück auf den herrlichen Tempel. Auf einen König, der einer der ihren war. Kein Fremdherrscher, kein Götzenanbeter, sondern einer aus der Dynastie Davids auf dem Thron in Jerusalem. Sie gedachten an ihre herrliche Heimat, die Zedern des Libanon, die Fluten des Jordan. Der Rückblick erfüllt sie mit Sehnsucht, der Ausblick mit Furcht.

Und dann gibt es noch Menschen, die erfüllt auch der Rückblick mit Furcht. Weil sie Verletzungen erlebt haben in ihrer Vergangenheit, in der Jugend oft. Wo sie sich abgelehnt erlebten, wo sie versagt haben, wo Menschen ihnen schweres Unrecht zugefügt haben. Und davon kommen sie nicht los. Sie sind gefangen in ihrer Vergangenheit. Und deshalb können sie dem Aufruf der Jahreslosung, gedenkt nicht an das frühere, schaut nach vorn, schaut aus nach dem Neuen, das Gott schaffen will, da können sie nicht mitgehen. Das schaffen sie einfach nicht.

So ist also die Jahreslosung ein wunderschönes Versprechen. Aber es fällt vielen schwer, ihrer Blickrichtung zu folgen. Wir müssen also ausschauen nach Hilfen, wie das gelingen kann. Da müssen wir zum Glück nicht lange suchen. Die Hilfe wird uns in der Losung selbst gegeben. Im Subjekt des Verses: "Siehe, ich will ein Neues schaffen, verspricht Gott." Hier meldet sich der Schöpfer. Er hat von Anfang an bewiesen, was er schafft, hat Qualität.

Das ist bei dem Neuen, was Menschen schaffen, selten der Fall, und deshalb sind wir mit Recht skeptisch, wenn mit Neuerungen geworben wird. Da kündigt die Technik-Marke mit dem Apfel Logo ein neues Handy an ohne Tasten mit Superfunktionen, schon macht die Börse Luftsprünge. Man wundert sich über das Ausmaß an Begeisterung, wo doch schon so viel Versprechungen kamen, die nichts als heiße Luft waren. Und die Menge der Neuerungen macht die Menschen ja nicht glücklicher. Im Gegenteil, es ist anstrengend, sich einstellen zu müssen auf ständigen Wandel. Man weiß immer weniger, woran man sich noch halten kann. Das Neue ist anders, aber nicht unbedingt besser, es sei denn, man findet bunter, schneller, schriller toll. Wenn also ein Unternehmen sagt, siehe, wir wollen Neues schaffen, dann hören wir das mit berechtigter Skepsis. Wenn ein Politiker sagt, siehe ich will Neues schaffen, dann winken wir müde ab.

Aber wenn Gott sagt, Siehe ich will Neues schaffen, dann dürfen wir die Ohren spitzen. Dann dürfen wir die Augen zusammen kneifen und ausspähen: Wann kommt es? Wie wird es?

Denn was dieser Gott früher an Neuem uns geschenkt hat, das hat Spitzenqualität. Er hat die Welt aus dem Nichts geschaffen. Er hat die Natur so eingerichtet, dass sie in sehr komplizierten und faszinierendem Zusammenspiel verschiedenster Faktoren funktioniert, dem Leben Raum gibt trotz schwerwiegender Eingriffe des Menschen.

Am Geschick des Volkes Israel können wir sehen, wie sich das Neue, was Gott wirkt, verbindet mit seiner Treue. Wenn Menschen sich Neues ausdenken und es klappt nicht gleich, wie sie sich das gedacht haben, machen sie sich gern dünne und lassen die anderen, denen sie Hoffnung gemacht haben, enttäuscht zurück. Auch bei dem was Gott durch Mose vorhatte beim Auszug, hat nicht gleich alles geklappt. Pharao mauerte, dann standen sie vor dem Schilfmeer, dann litten sie in der Wüste Hunger und Durst. Was war nun mit den Hoffnungen und Erwartungen, die sich verbunden hatten mit dem Versprechen auf das gelobte Land, auf einen Ort der Freiheit und des Glücks. Es klappte nicht gleich. Das Volk war frustriert und sie meuterten. Aber Gott machte weiter mit ihnen. Er stellte sich zu seinem Volk trotz seiner Ungeduld. Und schließlich kamen sie ins Land. Es erfüllte sich das Versprechen an Abraham, dessen Nachkommen sich mehren sollten wie die Sterne am Himmel. Es erfüllte sich das Versprechen an Mose von dem Land, wo Milch und Honig fließt.

Es erfüllte sich, aber nicht gleich. Die Umsetzung, die Verwirklichung, des Neuen, das Gott verspricht braucht Zeit. Deshalb heißt es in der Jahreslosung: Es wächst auf. Es muss wachsen. Das bedeutet aber nicht, jetzt bist du erst mal auf dich gestellt und allein gelassen und hast nur dies Wort. Nein, es heißt: Jetzt wächst es auf. Gott ist jetzt bei uns. Es geht jetzt schon los, aber die Fülle dessen was Gott an Neuem schenkt, werden wir erst in der Ewigkeit sehen und genießen.

Und diese Merkmale des Neuen, was Gott bringt, was wachstümlich uns geschenkt wird, sehen wir allenthalben. Am deutlichsten an Jesus. In ihm kommt Gott als Mensch zu uns. Zunächst unscheinbar. Er war gleich da in Bethlehem, in ihm war Gott gleich da. Aber unscheinbar. Erkannt nur von ein paar Hirten. Und dann wächst er auf. Es braucht fast drei Jahrzehnte, bis er an die Öffentlichkeit tritt. Und dann wird machtvoll sichtbar, was Gott durch Jesus schenkt: Die wirksame Vergebung von allem, was uns belastet und krank macht. Sieg über alle Mächte des Bösen. Noch viel gewaltiger und neuer aber ist, wie Jesus ins Leiden geht. Wie in ihm Gott sich schlagen lässt, alle Not und Gemeinheit der Welt sich auflädt, unverdient. Das ist neu, das gab es in keiner Religion und so ist es bis heute geblieben. Das Kreuz ist einzigartig. Und dann der Ostermorgen. Christus wird aus dem Grabe auferweckt. Er kehrt heim zum Vater in Herrlichkeit. Der Tod ist besiegt. Der Weg Jesu ist beglaubigt und vollendet. Und dann geht die gute Nachricht darüber um die Welt. Herrliche Neuigkeiten!

Das Neue, was Jesus gibt, das ewige Leben, liegt einerseits in der Zukunft. Anderseits hat es jeder, der ihm vertraut, jetzt schon. Darum kann es in der Offenbarung heißen: "Siehe, ich mache alles neu" und gleichzeitig im Brief des Paulus an die Korinther über das Leben der Christen: "Darum ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur. Siehe, es ist alles neu geworden". Hier verbinden sich also Zukunft und Gegenwart. Genauso wie in der Jahreslosung. Einerseits weist sie in die Zukunft: Siehe, ich will ein Neues schaffen. Es geht aber jetzt schon los, denn es heißt: Schon wächst es auf.

Solche unvergleichliche Qualität hat alles Neue, was von Gott kommt. Wenn er also Neues für unsere Zukunft ankündigt, dürfen wir aufhorchen und Hoffnung schöpfen. Und dürfen gespannt in dieses angefangene Jahr eintreten. Mit der Frage: Herr, was hast du aufregende Neues für mich bereit? Mit der Bitte: Herr hilf mir, dass ich das Neue und Gute recht empfange, was du mir zugedacht hast. Es nicht blockiere durch Erwartungslosigkeit oder Ungeduld.

So verbindet sich ein altes Versprechen mit neuen und aufregenden Erfahrungen, die dir bevorstehen. Dieses alte, bewährte, durch Erfarhrungen vieler Gläubiger bekräftigte Wort will dich durch das Jahr geleiten.

Und wir tun gut daran, immer wieder innezuhalten und Kraft zu tanken aus weiteren Worten der Kraft. Zuerst aus der Heiligen Schrift. Des weiteren aus dem Erfahrungsschatz unserer Vorfahren, die aus der Kraft Jesu ihr Leben gemeistert haben. Aus ihnen ragt 2007 Paul Gerhardt hervor, der wichtigste Liederdichter der ev. Kirche. Er wurde vor 400 Jahren geboren, durchlitt den 30jährigen Krieg, verlor früh die Frau und vier Kinder. Seine Liedverse sind durchlebt. Wir werden sicher auch hier in Alt-Hastedt in entsprechendem Rahmen an ihn erinnern und hoffentlich manche fast vergessenen Schätze ausgraben aus seinem Werk. 1653 hat er das Lied: "Befiehl du deine Wege" gedichtet (EG 361).

Eine Strophe daraus hilft, im Geist der Jahreslosung das neue Jahr anzugehen: "Ihn, ihn laß tun und walten! Er ist ein weiser Fürst und wird sich so verhalten, dass du dich wundern wirst, wenn er, wie ihm gebühret, mit wunderbarem Rat das Werk hinaus geführet, das dich bekümmert hat."

Ja, lassen wir ihn walten und entdecken wir das Neue, das Gott uns verheißen hat.

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