Geschenkt

Liebe Gemeinde,

"Gott ist gerecht und straft den Sünder", so hat der junge Martin Luther als Mönch die Gerechtigkeit Gottes verstanden. In diesem Glauben wurde er erzogen. Und so haben es ihm ja auch seine Dotkoren beigebracht, die Gerechtigkeit Gottes zu verstehen. Und auch die Kunst hat Luther in seinem Glauben an den gerechten Gott, der die Sünder straft beeinflusst.

So habe ich ein Wandgemälde noch gut vor Augen, wie es in mittelalterlichen Kirchen üblich war: Die Seelenwaage. Ich erinnere mich, dass im untere Teil des Bildes Menschengruppen zu sehen waren, aus denen einzelne Persone heraustraten und sich vor die gewaltige Waage stellten. Zwei Engel legen Gewichte in die Waagschalen: In die rechte die Gewichte für die guten Taten, in die linke Gewichte für die schlechten Taten. Hinter der Waage war Christus zu sehen. Mit seinem ausgestrecken, strengen Zeigefinger schickt er alle in den Höllenrachen, deren Sündenschale zu schwer ist; mit seiner einladend geöffneten rechten Hand läd er die die andere zu sich, wo sie dann von Engeln in himmlische Sphäre getragen werden.

Solche Bilder faszinieren durch ihre Farbkraft. Und ich kann mir auch gut vorstellen, dass ein solches Bild Luther fasziniert haben wird, deshalb wird es sich auch tief in sein Gedächtnis eingegraben haben. Immer wenn er über Gottes Gerechtigkeit nachdachte, hatte er die gewaltige Waage vor Augen, aber auch den belohnenden und strafenden Christus.

Und wenn er auf sein Leben sah, machte ihm die Vorstellung, auf ewig im Höllenrachen zu verschwinden, angst. Diese Angst spiegelt sich auch in dem Lied wider, das wir eben gesungen haben:"Die Angst mich zu verzweifeln trieb, dass nichts denn Sterben bei mir blieb, zur Höllen musst ich sinken".

Luther steckte in einem Teufelskreis, aus dem er kein Herauskommen mehr sah.

So sehr er sich Mühe gab, ein guter Mensch zu sein, Gott und seinen Nächsten zu achten, so sehr merkte er, dass er Hochmütig und Ich-Süchtig wurde – und das war auch wieder eine Sünde. So sehr er auf der einen Seite Pluspunkte sammelte, heimste er sich auf der anderen Seite Gewichte für die Sündenschale ein.

Wie gesagt: Luther sah keinen Ausweg aus diesem Teufelskreis. Seine Angst vor dem Höllenrachen wurde immer größer und er find an, diesen gerechten Gott zu hassen. Ihn plagte die Frage:"Wie kriege ich bloss einen gnädigen Gott?!" Und wie das so ist, wenn man quälende Gedanken hat: Luther konnte nachts nicht schlafen. So etwas kennen wir ja auch von uns. So lag Luther nachts lange wach in seiner kleinen Zelle im Turm des Augustinerklosters. Auch diese Erinnerung an die schlaflosen Nächte hat sich in dem Lied niedergeschlagen:"Dem Teufel ich gefangen lag, im Tod war ich verloren, mein Sünd mich quälte Nacht und Tag, darin ich war geboren. Ich fiel auch immer tiefer drein, es war kein Guts am Leben mein, die Sünd hat mich besessen."

In einer dieser langen Nächte hat Luther dann zum Römerbrief gegriffen, wo er endlich eine Antwort auf die Frage nach einem gnädigen Gott bekam:"Geschenkt"! "Geschenkweise werden Sünder gerechtfertigtin Gottes Gnade durch die Erlösung in Jesus Christus, den Gott als Sühnemittel durch den Glauben aufgestellt hat." Als Luther diese Stelle immer und immer wieder gelesen hat, sah er Gottes Gerechtigkeit in einem ganz anderen Licht: Gott schenkt Gerechtigkeit. Und dies hat sich gerade immer wieder im Leben Jesu gezeigt: Jesus ist ja gerade auf die zugegangen, die als Sünder bekannt waren. Wir haben eben in der Schriftlesung gehört, dass er mit vielen Zöllnern an einem Tisch gesessen hat. Oder denken wir an die Geschichte von der Ehebrecherin, die gesteinigt werden sollte. Von allen verdammt, wurde sie von denen, die sich für gerecht hielten vor Jesus gezerrt. Auch ihnen hat Jesus das eigene Fehlverhalten vor Augen geführt: "Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein."

Alle, ausnahmslos alle sind Sünder und doch gilt allen Gottes Liebe. Als Luther das glauben konnte, fühlte er sich wie neugeboren. Er erkannte, dass seine Doktoren irren; und dass die Kirchenbilder, so schön und künstlerisch wertvoll sie auch sind, lügen. Gottes Liebe muss nicht durch möglichst viele Pluspunkte erkauft werden. Die Sünde kann uns nicht von der Liebe Gottes trennen. Gott kennt unsere Ecken und Kanten, aber er kennt auch unser Herz. Unsere Fehler sprechen vor Gott nicht gegen uns.

Liebe Gemeinde, für uns ist diese Angst vor Gott oftmals nur noch schwer nachzuvollziehen. Das habe ich auch in dem Gemeindeseminar zu Kirchengeschichte so herausgehört. Und doch erlebe ich immer wiede in der Seelsorge mit, dass Ängst unser Leben quälen.

In unserer von Leistung gepräten Gesellschaft hat sich eine quälende Frage breit gemacht:"Wie stehe ich vor den anderen da? Wie stehe ich da vor anderen Leuten? Finde ich genug Anerkennung? So wie Luther von den Wandgemälden mit beeinflusst wurde, werden unsere Gedanken von den Bildern der Werbung und der Presse bestimmt. Sie malen uns Bilder von Supermenschen vor Augen. Sie haben eine Traumfigur, sind gestylt bis in die Haarspitzen, haben schnelle Autos und große Häuser. Als Menschen wie Du und Ich kann man da entweder nur schwer mithalten, oder man bleibt ganz auf der Strecke. Wie stehe ich da vor den Leuten?

Diese Frage führt ja auch ganz schnell dazu, sich mit anderen zu vergleichen. Man fängt an die Pluspunkte der anderen zu zählen und die eigenen dagegenzuhalten. Immer wieder stellt man dann fest, dass das ständige Vergleichen hinten und vorne nicht reicht. Ich kann so viel bieten, so viel leisten wie ich will, es gibt immer noch welche, die noch mehr zu bieten haben, die noch besser sind, die noch mehr können. So sehr wir uns anstrengen, wir schaffen es nicht, es allen Recht zu machen.

Was uns helfen könnte, diesen Teufelskreis der elenden Vergleicherei zu unterbrechen ist dies: Es müsste jemand kommen, der uns sagt:Für mich bist du rundherum gut. Nicht nur im Vergleich, sondern ganz und gar.

Paulus sagt: "Vor Gott gibt es keinen Unterschied, denn alle haben gesündigt." Vor Gott sind alle Sünder, da hilft kein Rühmen und kein Stylen.

Das heißt aber auch: Gott fällt aus dem Rahmen. Er will die Lebensgemeinschaft mit jedem Menschen halten. Auch mit denen, die schwach sind, die oft genug auf der Strecke bleiben. Für ihn sprechen die Makel, die Ecken und Kanten eben nicht gegen uns.

Uns so kommen wir auch zusammen an einem Tisch. Als Menschen mit Stärken und Schwächen, oftmals mit dem, was besser unausgesprochen bleibt, auch wenn es zu uns gehört. Alles das soll in der Gemeinschaft mit Gott und in der Gemeinschaft, die wir untereinander haben sollen, keine Rolle spielen. Beim Abendmahl sind wir alle Gäste Gottes und auf gleicher Augenhöhe. Gott baut an uns, er baut uns auf. Möge diese Aufbauen eine ständige Erneuerung unserer festgefahrenen Gedanken sein.

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