Gelobet seist du, Jesu Christ

(nach einer Anregung aus dem Gottesdienstinstitut der ev.-luth Kirche in Bayern)

23,1 Gelobet seist du, Jesu Christ, dass du Mensch geboren

Eben hat die Orgel eine Leise gespielt, nicht leise, aber eine Leise. So hat man im Mittelalter Loblieder genannt, die in jeder Strophe mit dem Kyrieleis (Herr, erbarme dich) endeten. Die Gemeinde durfte nicht immer mitsingen und wenn dann nur auf Latein, was die meisten nicht so gut beherrschten.

Der Lobpreis der Strophe endete mit dem Kyrieleis – das war ein Wechsel, den wir aus unserer normalen Liturgie auch kennen, obwohl dort der Lobpreis nach dem Schuldbekenntnis folgt. Wichtiger war aber immer schon der Gedanke, dass Beides zusammengehört eine Einheit bildet.

In der Adventszeit 1523 sind Martin Luther und Philipp Melanchthon in Wittenberg bemüht, die Reformation voranzubringen. Der Gottesdienst und seine Inhalte wurden überprüft und reformiert. Die Deutsche Messe und deutsches Liedgut entstanden. Besonders Weihnachten rückte im Advent 1523 in den Mittelpunkt. Das Wesentliche: Die Leute sollten mitsingen. Sie konnten aber damals nicht viel singen, höchsten ein Halleluja oder diese Leisen. Und mal eben ein Lied abziehen, das war damals noch nicht möglich, hätte auch nicht so sehr viel gebracht, da die meisten nicht lesen konnten.

Die Weise 23,1 Gelobet seist du, Jesu Christ, dass du Mensch geboren gab es immerhin. Sie wurde gern gesungen als Lobpreis der Hirten. Das war ein Anfang.

Die Menschen stimmen ein in das Lob der Engel und antworten mit den Hirten in dieser ersten Strophe, die wir vorhin gesungen haben.

Und mal setzt sich hin und dichtet zwei weitere Strophen, die wir nun singen

23,2+3 Gelobet seist du, Jesu Christ, dass du Mensch geboren

Luther rührt hier an das Geheimnis des Glaubens. Es gibt keinen vernünftigen Grund, dass dieses Kind jetzt und unter diesen Umständen geboren wird. Der einzige Grund ist außerhalb aller Vernunft in der Liebe Gottes zu finden. Gott begibt sich freiwillig in den Unfrieden dieser Welt um Zeichen des Friedens zu bringen. Und Luther sah den Weltkreis mit den Weisen seiner Welt in Politik, Kirche und Wissenschaft und stellt fest. Da kommt niemand drauf und da hat keiner die Macht, so etwas zu beschließen, dass Gott Mensch wird in diesem Stall und in dieser Krippe. Er liegt im Schoß dieser jungen Frau aus dem Volke, das würde keinem Politiker einfallen, das war ein Skandal, ein wunderbarer Skandal. Was für eine Geschichte erzählt uns unsere Weihnachtsgeschichte.

Für uns Menschen des 21. Jahrhunderts ist der Weltkreis größer und bekannter als für Martin Luther und seine Zeitgenossen, von denen die meisten (im Gegensatz zu Luther) ihren Wohnort und sein Umfeld nie verlassen haben. Wir fliegen hin und her, wissen von Planeten und Milchstraßen, haben von einem Urknall gehört, den wir wahrscheinlich nie so genau verstanden haben. Und doch bekennen wir noch heute mit den Horten auf den Feldern und mit Martin Luther: Uns ist heute der Heiland geboren.

Aber Martin Luther bleibt in seinem Lied nicht dabei stehen, in die Sterne zu schauen. Ihm geht es ganz konkret um dieses Licht, das den Menschen erschienen ist. Er versucht sich vorzustellen, wie dieses Licht zu ihnen kommt, in die Häuser von Wittenberg. Für seine Zeit war das Licht, das scheint schon etwas Wertvolles. Keine Straßenbeleuchtung, keine hell erleuchteten Straße und Schaufenster. Da war schon der Nachtwächter mit seiner Laterne ein Segen.

Aber auch heute wissen wir, was Finsternis bedeutet. Menschen, die voll Trauer sind, Menschen, die Weihnachten allein sind, weil jemand gestorben ist, weil Beziehungen zerbrochen sind, weil Kinder und Angehörige weit weg sind, und keiner so richtig Zeit hat.

Unsere Weihnachtsbeleuchtung am Tannenbaum und in den Fenstern soll das symbolisieren. Ich habe allerdings auch den Eindruck, je dunkler unsere Welt, um so heller strahlt der Schein der Lampen.

Aber sie machen unseren Alltag nicht wirklich heller.

Dafür scheint das Licht Gottes und macht den Alltag für Menschen heller, weil wir zu Kindern des Lichtes werden. Von uns kann dann das Licht der Welt weiter scheinen, wenn wir es zulassen, wenn wir bereit sind zu TrägerInnen dieses Lichtes zu werden, das in die Welt gekommen ist. Die Strophe 4 singt davon und darum wollen wir jetzt singen:

23,4-6 Gelobet seist du, Jesu Christ, dass du Mensch geboren

Das Licht es zeigt Wirkung in der Welt. Gottes Besuch bei den Menschen bleibt nicht ohne Spuren, das betont Martin Luther in seinen Strophen. Und er betont noch einmal das, was der Reformation so wichtig war: Gott kommt nicht als harter Richter, sondern als der Erbarmer der Welt. Er ist derjenige, der sich den Menschen in Liebe zuwendet, der sie gerade dort besucht, wo sie nicht weiter wissen, im Tal des Jammers sind. ‚Er ist auf Erden kommen arm‘ – das ist mehr als nur ein Gast auf Durchreise, ein eiliger Vater, der einschwebt und wieder fortfliegt.

Das ist Gott, der die Menschen besucht in ihrem Elend, in ihrer Not und ihrem Leid. Indem er so kommt lädt er uns ein, seine Erben zu werden, als seine Nachfolger auf Erden u leben, es hell zu machen bei den Menschen in der Finsternis, Trauernde zu trösten, Einsame zu begleiten. Weil wir Besuchte sind an seiner Weihnacht, können wir Mitmenschen besuchen, ihr Leid teilen.
Und jetzt singen wir diese großartige Schlussstrophe, die Johann Sebastian Bach in seinem Weihnachtsoratorium zitiert:

23,7 Gelobet seist du, Jesu Christ, dass du Mensch geboren

Da können wir uns nur freuen und danken, dass wir diesem Gott so viel wert sind. Er wartet nicht, dass wir zu ihm kommen, sondern seine Liebe ist so groß wie die Liebe des Vaters, der seinem ‚verlorenen‘ Sohn entgegenläuft, um ihn in die Arme zu schließen – trotz allem, was passiert ist. So kommt auch Gott uns entgegen in der Krippe im Stall an seiner Weihnacht.

Seine Liebe ist so groß, dass er uns immer wieder an seinen Tisch lädt. Sein Mahl dürfen wir mit ihm feiern und dazu singen

36,1+7+9 Fröhlich soll mein Herze springen dieser Zeit, da vor

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