„Gell, Sophie, Jesus!“ (zu Apostelgeschichte 17, 22-34)

Alle „religiöse(n) und spirituell orientierte(n) Menschen, die ihr Leben auf eine Letzte Wirklichkeit gründen und aus ihr in Vertrauen, in Gebet oder Meditation, in Wort oder Schweigen spirituelle Kraft und Hoffnung schöp­fen, haben eine ganz besondere Verpflichtung für das Wohl der gesamten Menschheit und die Sorge um den Planeten Erde. Wir halten uns nicht für besser als andere Menschen, aber wir vertrauen darauf, dass uns die uralte Weisheit unserer Religionen Wege auch für die Zukunft zu weisen vermag.“

Das Parlament der Weltreligionen, von der Stiftung Weltehos des verstorbenen katholischen Theologen Hans Küng einberufen, hat sich 1993 bereits zur besonderen Friedensverantwortung aller religiösen Menschen bekannt: ein unglaublich mutiges Vertrauen in die Kraft der Religionen, zu verbinden und zu versöhnen, statt in neue Konflikte zu stürzen. Wir reden ja sonst eher von Religionskriegen als vom Religionsfrieden. Allerdings geht es in den Auseinandersetzungen der Neuzeit – behaupte ich zumindest – nicht um Glaube und Religion, sondern um Politik und Macht im Gewand der Religion.

Für offene und neugierige Menschen haben Glaubensdinge und religiöse Kultur eher etwas einladendes und ausstrahlendes, machen neugierig. Heilige Schriften sind ein Schatz und wertvolles Kulturerbe, ihre Gesänge und Gebete, aber ebenso die archtitektonischen Bauwerke der Gottesverehrung berühren die Seele und versetzen in Staunen. Wer kann sich denn dem Reiz und der Anziehungskraft der Tempel, Moscheen und Kirchen, der Gesänge und religiösen Dichtungen entziehen?

Wieviel Schönheit leuchtet dem auf, der sich darauf einlässt: „ungläubiges Staunen“ hat der Navid Kermani seine Betrachtungen christlicher Kunst genannt. Ungläubig – bewusst doppeldeutig dieser Titel, weil er nicht als Christ, sondern als Muslim glaubt,  und dennoch bewundert, wozu der christliche Glaube stilbildend fähig war und ist. Es ist und bleibt es eine herausragende Frage, ob uns Glaubende nicht mehr verbindet als dass uns trennt, ob der eine Gott sich nicht in verschiedenen Weisen und Religionen, dem Menschen zeigen kann, ob es nicht an der Zeit sei, dass verbindende  in den Mittelpunkt zu stellen und mit einer Stimme in den Konflikten der Welt und angesichts der ökologischen Krise zu reden. Nur so kann wohl auch das Misstrauen abgebaut werden, dass Religion eher die Wurzeln allen Übels als die Lösung der gegenwärtigen Herausforderungen darstellt.

Denn natürlich gibt es auch eine Geschichte religiöser Gewalt und Intoleranz, religiös motivierter Widerstand gegen gesellschaftliche Verantwortung und eine Weltverweigerung und Ablehnung von Zeitgenossenschaft, als lebten wir immer noch in den moralischen Kategorien unserer Vorfahren. Aber Zeiten und Weltsichten, damit auch Einsichten und Einstellungen ändern sich, damit auch Fragen und Antworten, die von religiösen Menschen erwartet werden. Die Rolle der Frauen in der Gesellschaft, Rechte der Generationen, Menschenrechte ohne Ansehen der Personen, Toleranz verschiedenen Lebensentwürfen gegenüber, die sich Liebe und Verantwortung verpflichtet fühlen, das Friedenszeugnis und die Schöpfungsverantwortung sind nur einige Stichpunkte.

Die Themen des konziliaren Prozessen, manche erinnern sich noch (!), sind interreligiöse Themen: Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.

Beim Gedenken für die Opfer der Coaronapandemie standen in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche Vertreter verschiedener Konfessionen und Religionen einträchtig beieinander, weil das Virus und die Trauer um die Opfer keine Unterschiede macht. Selbst wenn bei interreligiösen Gebeten nicht miteinander, sondern nebeneinander zur gleichen Zeit gebetet wird, ist dies doch ein Zeichen der Verbundenheit.

Das verschleiert nicht Unterschiede, die eigenen Prägungen, die Antworten auf Lebensfragen. Der Dialog hat ja seine Wurzeln im Umgang mit den Verschiedenheiten. Er setzt geradezu die Selbstvergewisserung, das Wissen um den eigenen Glauben und die Aussagefähigkeit voraus.

Hier liegt womöglich für uns Christen die größte Herausförderung: können wir mit einfachen Worten, aber nicht einfachen Antworten sagen, was wir glauben und was uns trägt, was uns Hoffnungen und Kraft schenkt. Ein sprachloses Christentum ist auch ein schwaches, der sprachlose Glaube kann nicht mehr weitergegeben werden. Ich meine damit nicht einen schweigenden Glauben. Manchmal ist Schweigen angesichts von Leid und Schmerz die angemessene Antwort auf alle Fragen nach dem Sinn und nach Gott. Und dahingesagte, schnelle Antworten sind eher eine Verspottung des Leids und der Leidenden im Namen Gottes, von dem wir eben nicht wissen, ob und was ihm außer dem Leben und der Liebe wirklich gefällt. Ich misstraue allen schnellen und einfachen religiösen Antworten und fühle mich eher in einfühlsamer Stille aufgehoben.

Nehmen wir also unseren Glauben ernst und den der anderen ebenso, ohne alles gleichzumachen.

 

ZWISCHENSPIEL

 

Paulus beginnt mit einer Art interreligiösem Dialog. Er wird in Athen gelebt, Tag für Tag mit den Menschen verschiedenster Herkunft, die sich dort versammeln und voller Sorge sind, eine Gottheit zu vergessen, die zürnen könnte, wenn sie nicht verehrt wird. Dafür gibt es den Altar für den unbekannten Gott.

Paulus rechnet mit religiösen und philosophisch interessierten Menschen. Darauf spricht er seine Zuhörer direkt an. Und ich weiß, wie oft ich allein schon wegen meines Berufes  frei heraus auf Glaubensfragen angesprochen werde, weil es letztlich Lebensfragen sind. Ich glaube auch, dass uns die Gottessuche und Gottessehnsucht von Geburt an ins Herz gelegt ist, selbst wenn wir sie im Leben verdrängen, verleugnen, vergessen….

Gott mag manchmal verschwiegen, verborgen und missverständlich sein, aber frei nach dem Apostel: keinem von uns ist Gott fern…, er ist nicht gesichtslos. Es lässt sich anknüpfen an bekannte und unbekannte Geschichten. Sie wollen erzählt und gedeutet werden.

Wir Christen könnten nicht von Gott reden ohne von Jesus zu reden. Ich muss mich nicht in Spekulationen von Sein und Werden verlieren, sondern kann mich an Christus fest machen:

„Gell, Sophie, Jesu..“ sagte am 22.Februar 1934 Sophie Scholls Mutter zu ihre Tochter beim letzten Zusammentreffen kurz vor der Hinrichtung der jungen Widerstandskämpferin. „Du aber auch“ antwortete Sophie.

Da scheint eine ungeheure Kraft und Glaubensquelle auf: Gell, Sophie, Jesus.

Man muss gar nicht so große Worte machen, wie es der Apostel in Jerusalem tut, der ja beinahe eine ganze Dogmatik, die Essentials biblischen Glaubens, zusammenfasst.

Himmel und Erde erzählen von einem Schöpfer, der mehr ist, als wir Menschen fassen können, den kein Haus einfangen, aber zu dem viele Häuser einladen können.

Himmel und Erde erzählen, dass es viele selbsternannte Herren gibt, die aber am Ende entlarvt werden als Blender und Täuscher. Herr über Leben und Tod ist Gott allein. Und jeder Machtmissbrauch, jede Machtanmaßung wird spätestens vom Tod in die Grenzen gewiesen. Dann bleibt irdische und himmlische Gerechtigkeit um der Schwachen und Abhängigen willen, das Lachen der Sklaven, der Gefolterten und Gemordeten. Auch das ist Osterjubel und Osterlachen!

Denn Menschen sind alle nach Gottes Bild geschaffen, da ist kein Unterschied, kein oben und kein unten,  keine göttlichen Privilegien außer denen der Verantwortung für alles was lebt, für die ganze Schöpfung, die von Gottes Lebensliebe erzählt. Alles atmet Gottes lebensspendende Kraft, alles was lebt, und alles, was blüht.

Wer es nicht glauben mag und nicht glauben kann, kann aber dem Leben Jesu trauen, seiner Zuwendung, seiner Fürsorge, seiner Klarheit, seinem Gottvertrauen, seiner Vergebung, seiner Botschaft, die Dinge und Verhältnisse ändern kann. Sie hätten ihn gern mundtot gemacht und ihn ausgelöscht. Tot, begraben und vergessen. Aber stattdessen erzählen Jünger, Anhänger, Glaubende seit Ostern: er lebt, er spricht, er wirkt, er ist in aller Munde und in vieler Menschen Herzen:

„Gell, Sophie, Jesus“

Mehr brauche ich nicht. In der Mitte eines jeden christlichen Bekenntnisses steht nach der Erschaffung der Welt und vor der Hoffnung auf Vollendung der Glaube an Jesus, als menschgewordener Antwort Gottes auf alle Fragen: geboren, gestorben, begraben, auferweckt. Deswegen ist er unser einziger Trost im Leben und Sterben wie es im Heidelberger Katechismus heißt.

Oder interreligiös beim ungläubig staunenden deutschen Schriftsteller Navid Kermani: „Ich jedoch, wenn ich in der Kirche bete, was ich tue, gebe acht, niemals zum Kreuz zu beten. Und nun sass ich vor dem Altarbild Guido Renis in der Kirche San Lorenzo in Lucina und fand den Anblick so berückend, so voller Segen, dass ich am liebsten nicht mehr aufgestanden wäre. Erstmals dachte ich: Ich – nicht nur: man -, ich könnte an ein Kreuz glauben.“

Mehr muss ich nicht wissen, weniger, aber auch nicht.

„Gell, Sophie, Jesus!“ Und davon darf ich ruhig erzählen. Das ist mein Glaube, meine Hoffnung, meine Zuversicht.            Amen

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