Geistliches Leben (Jahreslosung 2015)

Predigt Römer 15,7 (Jahreslosung 2015) von Pfarrer Johannes Taig

Paulus schreibt:
7 Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.


Liebe Gemeinde,

zum Ende eines Jahres und zum Beginn eines neuen liegen gute Vorsätze in der Luft. Die Jahreslosung für das Jahr 2015 scheint auf den ersten Blick einen solchen guten Vorsatz zumindest anzubieten. Denn wer will das nicht, andere annehmen? Und wer will sich nicht selbst angenommen fühlen? Jeder kann sich vorstellen, dass diese Welt viel besser wäre, wenn wir das schaffen könnten.

Aber ach, wir wissen alle, wie das mit guten Vorsätzen ist. Ihr Scheitern bereitet uns die erste Niederlage im neuen Jahr. Und da ist eigentlich der schlauer, der beim Fassen eines guten Vorsatzes erst einmal die eigene Erfahrung zu Rate zieht und sich vorher durch die eigenen Niederlagen beraten lässt. Was dann herauskommt, kann man sich ohne viel Phantasie auch für die Jahreslosung vorstellen. Der gute Vorsatz wird ermäßigt: Seid halt wenigstens ein bisschen netter zueinander. Zählt im Fall des Konflikts erst mal bis 20 und denkt: Einen solchen Menschen, wie den, muss es auch geben auf Gottes weiter Welt. Gotteslob sieht freilich anders aus.

Einander annehmen auch. Entsprechend vernichtend fällt dieser Tage die Kirchenkritik von Markus Günther in der FAZ aus der schreibt: Der kleinste gemeinsame Nenner kirchlicher Verkündigung besteht oft nur noch aus einer Wohlfühlprosa, die ein möglichst breites Publikum ansprechen soll und gerade dadurch beliebig wirkt. Frieden in der Welt, mehr Gerechtigkeit für alle, auch selbst nicht immer so egoistisch sein – darauf kann sich jede Versammlung halbwegs anständiger Menschen einigen. Ein Appell der UNESCO oder von Greenpeace klingt auch nicht viel anders. Gott braucht’s dafür nicht.“ (Kirche in der Krise, FAZ vom 29.12.2014)

Alles, wofür es Gott nicht braucht, sollte in der Kirche zumindest kein Hauptthema sein, weil die Kirche im andern Fall auf dem Weg ist, sich selbst überflüssig zu machen. Und sollte sie gar noch dem Hochmut verfallen, der Welt beweisen zu wollen, dass es in ihr mehr Frieden, mehr Gerechtigkeit und weniger Egoismus gibt, bezeugt sie der Welt nicht mehr als ihre eigene Scheinheiligkeit und Verlogenheit. Das soll es ja auch in der Kirche geben, dass statt an den Glaubensgrundlagen an der eigenen Fassade gearbeitet wird, Kritiker mundtot gemacht werden und das eigene Versagen unter den Teppich gekehrt wird.

Papst Franziskus hat deshalb am Tag vor dem Heiligen Abend seiner Kurie eine Gardinenpredigt gehalten, die mit Wohlfühlprosa nicht das Geringste zu tun hat und hat ausdrücklich betont, dass die bedenklichen Diagnosen, die er zu stellen hat, nicht nur dem Spitzenpersonal der Kirche gelten, sondern jedermann.

Er nennt „die Krankheit der geistigen und geistlichen „Versteinerung“: die Krankheit derer, die ein Herz aus Stein haben, die sich hinter Papier verstecken und „Verwaltungsmaschinen“ werden statt „Gottesmänner“. Es ist gefährlich, das nötige menschliche Mitgefühl zu verlieren, um mit den Weinenden zu weinen und sich mit denen Fröhlichen zu freuen!

Die Krankheit der Planungswut und des Funktionalismus. Wenn der Apostel alles haarklein plant und glaubt, dass mit einer perfekten Planung die Dinge effektiv vorangehen, wird er ein Buchhalter und Betriebswirt. Gute Vorbereitung ist notwendig, aber ohne der Versuchung zu erliegen, die Freiheit des Heiligen Geistes einschränken und steuern zu wollen. Die Krankheit der Rivalität und der Ruhmsucht – wenn das Erscheinungsbild, Kleiderfarben und Ehrenzeichen vorrangiges Lebensziel werden.

Die Krankheit des Klatsches, des Geraunes und des Tratsches. Über diese Krankheit habe ich schon oft gesprochen und doch nie genug. Es ist eine schwere Krankheit, die leicht beginnt; sie ergreift den Menschen und macht ihn zu einem „Säer von Unkraut“ (wie Satan) und vielfach zu einem „kaltblütigen Mörder“ des Rufs der eigenen Kollegen und Mitbrüder. Es ist die Krankheit von Feiglingen, die, weil sie nicht den Mut haben, direkt zu sprechen, hinter dem Rücken reden. Brüder, hüten wir uns vor dem Terrorismus des Geschwätzes!

Die Krankheit, Vorgesetzte zu vergöttern: Es ist die Krankheit derer, die Obere umschmeicheln, weil sie hoffen, ihr Wohlwollen zu erhalten. Sie sind Opfer von Karrieredenken und Opportunismus. Es sind Menschen, die in ihrem Dienst einzig daran denken, was sie bekommen können, nicht, was sie geben müssen. Kleinliche Personen, unglücklich und nur von ihrem eigenen fatalen Egoismus beseelt. Diese Krankheit kann auch die Oberen treffen, wenn sie manche Mitarbeiter umschmeicheln, um ihre Untergebenheit, Loyalität und psychische Abhängigkeit zu erhalten; aber das Endergebnis ist echte Komplizenschaft.“

Alle diese Krankheiten, so Papst Franziskus, sind Folgekrankheiten einer „geistlichen Demenz“, der Krankheit von Menschen, die aufhören, „eine lebendige, persönliche, aufrichtige und stabile Beziehung zu Christus“ zu haben, die also aufhören, zu glauben. Sie gleichen einer „Rebe, die austrocknet und allmählich abstirbt und fortgeworfen wird.“ (Weihnachtsansprache von Papst Franziskus an die Kurie, 23.12.2014, Katholische Nachrichten-Agentur)

Diese Rede hätte der Apostel Paulus sofort unterschrieben. Denn auch er kritisiert die Streitereien, die es offensichtlich schon in den ersten Gemeinden gab nicht allgemein, sondern mit dem Hinweis auf unsere Glaubensgrundlagen: Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat. Paulus geht es nicht ums Herumdoktern an den Symptomen. Er führt uns ins Herz unseres Glaubens und unserer christlichen Existenz. Dass es dieses Evangelium von Jesus Christus gibt und dass es zuerst uns und dann aller Welt verkündigt werden soll, ist die einzige Existenzberechtigung der Kirche.

„Es geht um das Evangelium“, schreibt auch der Theologe Karl Barth. Was heißt Evangelium? Evangelium ist eine Botschaft, die an uns ergangen ist und ergeht und wieder ergehen will. Sie lautet: Wir Menschen sind nicht allein. Wir sind nicht unserem Schicksal überlassen. Wir sind nicht unseren guten und bösen Mitmenschen überlassen. Wir sind auch nicht dem Tod überlassen, der auf uns alle wartet. Und wir sind vor allem nicht uns selbst überlassen, weder unseren guten noch unseren schlechten Eigenschaften, weder unseren Tugenden noch unseren Fehlern, weder unserer eigenen Klugheit noch unserer eigenen Dummheit. Sondern wir haben einen Herrn und dieser Herr steht für uns gut, weil wir zu ihm gehören. Da ist keine Last, die er nicht längst getragen und hinweggetragen hätte. Das ist unser Trost, dass wir diesen Herrn haben: unser Trost, unsere Freude, unsere Hilfe, unsere Leitung für unser Leben in guten und bösen Tagen.“ (zitiert nach Matthias Freudenberg, GPM 4/2014, Heft 1, S.74)

Christliches Leben und christlicher Umgang miteinander kann eingeübt aber nicht verordnet und hergestellt werden. Es folgt aus dem Glauben. Unsere Taten folgen dem Christus, der uns als Person ohne Vorbedingung allein aus Gnaden in sein Herz geschlossen hat. Es ist gar keine leichte Übung, zu lernen, dass ich mich dann ja auch nicht mehr hassen, verachten und ablehnen kann, wenn die Liebe Gottes mich meint. Es ist immer das eigene Herz, das der Glaube zuerst wieder zum Schlagen bringen muss. Denn ein Herz aus Stein, hat nicht nur keine Liebe zum anderen Menschen. Es hat auch keine Liebe und keine Tränen mehr für sich selbst.

Wenn das aber wieder anfängt, dann wird der Christus in uns wohl auch ein „Richter der Gedanken und Sinne des Herzens“ sein, wie es im Hebräerbrief heißt (4,12). Nein, die Liebe Gottes, lässt uns nicht alles durchgehen und der aus ihr lebt, wird zur Kritik fähig. Das war der Christus auch – nicht mit Macht und Gewalt, sondern durch sein Wort und seine Tränen. Tränen sind die Kritik der Liebe.

Wird der Papst das überleben, fragten sofort viele Kommentatoren, als sie seine Rede gelesen hatten. Gute Frage! Unser Herr Jesus Christus jedenfalls wurde ans Kreuz geschlagen, von denen, die in Sachen Religion das Sagen hatten und mit Genehmigung der weltlichen Herrschaft. Schlechte Aussichten für Papst Franziskus. Noch viel schlechtere Aussichten aber für eine Kirche, die sich nicht mehr durch das Wort Gottes und die Bitten des Christus zu einem geistlichen Leben ermahnen lassen will, das diesen Namen verdient.

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