Geheimnis des Glaubens

Liebe Gemeinde!

„Weißt du Papi, was ich der Mami zu Weihnachten schenke?“ fragte mich meine Tochter einmal. „Nein“ sagte ich. Sie sah mich ganz verschwörerisch an: „Ein Geheimnis“. Ich sah sie an und konnte spüren, wie aufgeregt sie war. Ein Geheimnis für die Mami zur Bescherung.

Dann sah sie mich an, und sagte ebenso aufgeregt: „Und weißt du was ich dir schenke? Ein selbstgemaltes Bild“. Ich musste mir Mühe geben, nicht zu lachen, denn dass sie so unfreiwillig ihr zweites Geheimnis preisgab, konnte sie noch nicht begreifen. Und so nahm ich ihr unfreiwilliges Geständnis als eine Art Vertrauensbeweis: Ich teile mit dir mein Geheimnis, auch das vor dir.

Beim ersten Lesen des Predigttextes für den heutigen Abend fiel mir die Begebenheit wieder ein. Sie liegt schon einige Jahre zurück. Als ich sie dann meiner Tochter wieder erzählte, mussten wir beide lachen.

Den Vers aus dem 1. Timotheusbrief, der uns heute abend begleiten soll, möchte ich ihnen vorlesen. Er heißt:

[TEXT]

Groß ist das Geheimnis. Wenn sie heute abend schon die Bescherung hinter sich haben, dann hat der eine oder andere schon sein Geheimnis gelüftet. Hat, was er oder sie tagelang irgendwo im Haus verborgen hatte, überreicht oder enthüllt. Ich hoffe, dass ein jeder von ihnen die erwünschte Freude und Überraschung erreicht hat. Und dass den Beschenkten das ihnen zugedachte gefällt. Wer erst nachher beschert, möge noch durchhalten und nicht geheimnisinkontinent werden.

Groß ist das Geheimnis, so beginnt der Apostel Paulus seine kleine Zusammenfassung. Groß ist das Geheimnis des Glaubens. Wie ein großes, schön verpacktes Paket mit roter Schleife trägt Paulus die Worte vor sich her. Schaut doch, wie groß. Das muss doch jedermann zugeben, ja öffentlich bekennen: „Oh, so groß, das haben wir noch nie gesehen!“

Mit glänzenden Augen sehen wir es so vor uns, das Geschenk „Geheimnis des Glaubens“. Ich möchte es mit ihnen auspacken und von drei Seiten ansehen.

Zuerst: Gott schenkt seinen Sohn. Viele haben in den letzten Wochen vom Untergang einer Welt gesprochen, von den Zeiten, die sich geändert haben. Wir haben uns schwer getan mit den alten Antworten und knabbern noch an den neuen Fragen: Was tun gegen Terror? Wie Zuwanderung steuern? Ist Krieg noch das richtige Mittel? Als Pfarrer schien es mir unmöglich, das alles zusammen zubringen. Immer wieder habe ich mich lieber herausgehalten als mich festzulegen. So fand in meinem Kopf das Geziehe um die Deutsche Bundeswehrbeteiligung neben der Adventszeit keinen Platz. Zumindest nicht gleichzeitig. Meine Gedanken waren da mehr bei den Familien der Soldaten, die bis zum vergangenen Freitag nicht wussten, ob der Papa an Heilig Abend in den Krieg zieht oder nicht. 1200 deutsche Soldaten stehen bereit, titelte die SZ am Samstag. Und ich erschrecke, dass wir auf den Ramadan der moslemischen Brüder und Schwestern ebenso wenig Rücksicht nehmen wie auf Weihnachten bei uns und anderen. Auch nicht in Palästina. „Welt ging verloren, Christ ist geboren.“ werden wir nachher singen. Ich hatte wohl eine Zeit lang vergessen, in welche Welt dieses Kind geboren wird. Ins Dunkel hinein, in eine verlorene Welt, ins Zerbrochene, Unfertige … Gottes Welt und unsere Welt sind auseinandergefallen. „Wir leben, als wären wir Gott, als gäbe es niemand, der uns unter seine Herrschaft stellt …“ so schreibt der Theologe Martin Niemöller vor fast fünfzig Jahren. In diese unsere Welt kommt Gott. Von so scheinbar ewig weit her. Aus einer Welt, die bei uns so ausgeblendet scheint. „Er ist offenbart im Fleisch“ schreibt Paulus in den Worten seiner Zeit. Für die Gebildeten seiner Zeit war es undenkbar, dass sich ein göttliches Wesen, gar Gott selbst mit Fleisch, mit einem so popeligen Körper abgibt, Mensch wird in einem menschlichen Leib. Ach was, Gott bleibt Gott, und Mensch bleibt Mensch, da gibt es keine Vermischung. Nicht nur wer wie ich auch schon langsam den Alterungsprozess am eigenen Leibe erfährt, muss zugeben: göttlich sind wir nicht, so vom Fleisch, vom Körper her gesehen. (Modells und knackige Hintern sind denke ich Ausnahmen und bestätigen die Regel) So kommt Gott auf die Erde. Offen sichtbar als Mensch aus Fleisch und Blut. Als Baby, als süßes kleines Baby, ach kuck mal wie lieb es dich anlächelt. … Es hat sicher gleich die Hosen voll, das ach so süße Kind und dann plärrt es wieder. Menschliche Unzulänglichkeiten und Abgründe sind nicht nur Folie, auf der Paulus seine Hymne komponiert. Es ist ganz dicht bei uns. Offenbart im Fleisch, gerechtfertigt im Geist. Gott schenkt uns seinen Sohn. Weihnachten erinnert wieder neu daran, dass Gott diese seine, diese unsere Welt nicht abgeschrieben hat. Er sagt heute Abend zu jedem einzelnen von uns, ganz gleich wer wir sind und wie wir uns fühlen und aus welchem Grund wir hierher gekommen sind: „Ich habe dich lieb.“ Es gilt für jeden von uns: „Christ der Retter ist da.“ Die Welten, die sich ändern, die drohen einzustürzen oder auseinander zu driften, bleiben nicht für sich. Der Retter wird die starke Klammer, die Himmel und Erde, Gottes Welt und unsere Welt zusammenhält. Du bist mir recht, mein Sohn ist für dich gestorben. Das Kindchenschema an Weihnachten hat ganz unmittelbar mit dem Scheitern am Kreuz zu tun. Gott müht sich ab – nur für uns – die Welt nicht mehr auseinander zu fallen lassen. Das zu glauben ist Kern des Geheimnisses. Nichts zum verstehen, was will ich daran schon verstehen. Es spüren, Christ in deiner Geburt.

Die zweite Seite des Geschenks. Erschienen den Engeln, gepredigt den Heiden. Wenn sie bei „Heiden“ jetzt auf sich schauen und denken, jetzt sagt der Pfarrer etwas zu den sogenannten Weihnachtschristen, sind sie auf dem Weg Holzweg. Ich freue mich, dass sie so regelmäßig in die Kirche kommen. Nein, mit „Heiden“ meint Paulus nicht die Leute, die – nach welchen Maßstäben auch immer – noch zu wenig von Gott gehört haben. Erschienen den Engeln, gepredigt den Heiden. Es ist wieder ein Denken in zwei Welten. Der Christus, der in die Welt gesandt wird, wird den Engeln präsentiert. Nicht nur deswegen bin ich manchmal neidisch auf sie. Die Engel dürfen zuerst seine Herrlichkeit sehen: Licht, Freude, Liebe. Wenn das, was später einmal eine Engelgruppe den Hirten auf dem Feld verkündet, nur ein Bruchteil der himmlischen Pracht ist, kann einem warm ums Herz werden. Erschienen den Engeln. Es ist kein kleines Geschenk, was sich da ankündigt. Dann, gepredigt den Heiden. Als ich meine Predigt für heute Abend vorbereitet habe, bin ich auf den Gedanken gestoßen, dass die Predigt mit zum Heilsgeschehen dazu gehört. Vielleicht nicht meine heute abend, aber die Predigt an sich. Das war mir neu. Da rauscht kein abstraktes Geschehen über unsere Köpfe hinweg. Gott nimmt sich der Welt an, wird Mensch so wie wir, zeigt sich den Engeln … und dann ist es für ihn wichtig, dass wir davon er fahren. Gepredigt den Heiden. Es gibt kein Heil in dieser Welt ohne, das Menschen darüber reden. Ich denke an die vielen Dinge in unsere Welt, für die es reichlich egal ist, ob es den Menschen, ob es uns gesagt wird. Für das Heil eines Aktienkurses ist es unerheblich, ob er mir verkündet wird. Ich muss ihn eh im Radio über mich ergehen lassen, auch wenn er mich nicht interessiert. Angesichts der Machtfülle mancher Staaten und ihrer Politiker ist es sinnlos sich auf die Hinterbeine zu stellen und eine ordentliche Predigt, eine klare Stellungnahme einzufordern. Und vergangene Woche dreimal erlebt: Viele Zeitgenossen schreien mich auf der Straße eher an, als dass sie einem Radfahrer Vorfahrt geben. Was kümmerts die Eiche, wenn die Sau sich d’ran wetzt. Für vieles ist es egal, ob es bei uns ankommt. Bei Gott ist das anders. Es ist ihm wichtig, ob wir von ihm, von seinen Plänen, von seinem Heil erfahren. Das Wort, was seinerzeit den Hirten ausgebreiteten wurde, hat seinen Lauf durch die Welt genommen. Heute Abend gedenken Menschen auf allen Kontinenten der Geburt Christi. Und nicht in der Fülle sind sie wichtig. Weil Sie, weil ich, weil jeder von uns angesprochen wird und sich ansprechen lässt, kommt Gott auf die Erde. Weihnachten findet nur in uns und mit uns statt. „Mache die drei Buchstaben UNS so groß als Himmel und Erde und sprich: uns, uns ist‘s geboren!“ sagt Martin Luther.

Und der dritte Blick auf das Geschenk. Natürlich, es gibt Menschen, die das alles nicht glauben. Auch wenn sie heute Abend eher zweifelnd oder ablehnend hierher gekommen sind, fallen sie aus der Heilsgeschichte Gottes mit der Welt nicht hinaus. Geglaubt in der Welt schreibt Paulus. In der Welt … am Anfang meiner Vorbereitung hatte ich mich verlesen, hatte von der Welt gelesen. Klar, gut in der Tradition christlicher Überheblichkeit: aller Welt enden bezeugen dein Heil. Paulus bäckt hier kleinere Brötchen. Geglaubt in der Welt. Es gibt ein Nebeneinander von vielen Glauben, viele Arten, der eigenen Gewissheit Ausdruck zu verleihen. Paulus denkt ganz realistisch. Das Mysterium erschließt sich nur auf dem Weg des Vertrauens, des Für-sich-annehmens einer Botschaft. Geglaubt in der Welt – alles, was wir heute Abend bedenken und feiern hat nur im Glauben Platz. Oder anders herum gesagt: egal, was sie heute erleben, fühlen, denken. Wenn sie es mit der Botschaft von Weihnachten in Verbindung bringen, bewegen sie sich im Glauben. Vielleicht kleiner als sie gedacht haben. Doch wer misst hier schon nach. Die Heilige Nacht ist eine Einladung in den Glauben.

Ist das alles? Als letztes seines Hymnus auf Christus nennt der Apostel das, was noch aussteht und zugleich schon geschehen ist: aufgenommen in die Herrlichkeit. Die Herrlichkeit Gottes. Da scheint etwas aus der Zukunft zu uns herüber. Vielleicht auch das, was diesem Fest, so hektisch wir uns darauf vorbereiten auch jedes Jahr wieder diesen besonderen Glanz gibt. Die Herrlichkeit des Herrn, so haben Generationen vor uns diesen Glanz benannt und verehrt.

Dieses Ziel will Gott mit uns erreichen, will jeden von uns in diesen Glanz schauen lassen. Weil wir auf dem Weg in der Dunkelheit aber hin und wieder schon einen Schein sehen wollen, sehen müssen, um nicht aufzugeben, hat sich Gott auf den Weg gemacht, um uns zu begleiten. Nicht nur in dieser Heiligen Nacht.

Und groß ist, wie jedermann bekennen muss, das Geheimnis des Glaubens: Er ist offenbart im Fleisch, gerechtfertigt im Geist, erschienen den Engeln, gepredigt den Heiden, geglaubt in der Welt, aufgenommen in die Herrlichkeit.

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