Gedenktag

Liebe Gemeinde,

"Gedenktag der Reformation" heißt es im offiziellen Sprachgebrauch der Kirche, wenn wir am 31.Oktober Gottesdienst feiern. Anfangs fand ich diesen Titel noch sehr ungeschickt – könnte oder sollte man nicht lieber von Reformationsfest reden oder vom Reformationstag? Oft genug entfallen Gottesdienste an diesem Tag und man verschiebt das „Fest“ auf den nächsten Sonntag, dieses Jahr z.B. auf den 05. November. Inzwischen bin ich aber ganz zufrieden mit diesem Titel: „Gedenktag“, denn es ist m.E. immer wichtiger geworden, sich im Erinnern und Gedenken an etwas festzumachen, was einen selber tragen kann. Wenn wir also an die Reformation denken, dann denken wir weniger an Personen und Daten, als an das, was im Zentrum dieser Reformation – auf Deutsch: „Erneuerung der Kirche“ stand und bis heute in den reformatorischen Kirchen stehen sollte. Erneuerung und Neuausrichtung auf das, was das Fundament unseres Glaubens ist, ist immer notwendig. Ecclesia semper reformanda est: die Kirche ist immer zu erneuern, heißt eine wichtige Erkenntnis aus dieser Zeit. Wie kommt das, dass man so etwas fordern kann? Ich denke, wir kennen es von uns selber. Von unserem menschlichen Wesen her sind wir so angelegt, dass wir uns einrichten wollen in dieser Welt. Wir sind froh, wenn wir Abläufe erlernt, Beziehungen gefestigt, Häuser gebaut und alles ordentlich gemacht haben. Wir sind bereit, uns „einzunisten“ und auf das zu vertrauen, was wir um uns herum geschaffen haben als Sicherheit für unser Leben. Nicht viel anders war es in der Zeit vor der Reformation, besonders im Blick auf den Dienst der Kirche. Sie verstärkte nämlich diesen Blick auf die Sicherheit der Menschen, indem sie ihnen feste Dinge und Riten an die Hand gab, damit ihr Glaube sich an etwas orientieren konnte. Das ist an sich ja nicht Verwerfliches! Denken Sie wieder an sich selber: Riten und Traditionen im Alltag der Familie tragen zur Stabilität derselben bei: das gemeinsame Frühstück vielleicht, mit einem Lied begonnen, die Einschlafprozedur bei kleinen Kinder, die Traditionen, die es zum Geburtstagsfest gibt usw. Nun geschah es aber, dass eben jene Riten und Gegenstände in der Kirche nicht mehr nur Hilfe waren, um sich an den Grund des Glaubens zu halten, sondern sie haben sich verselbstständig und sind selber zum Inhalt des Glaubens geworden. Der Heilige, der mir Vorbild im Glauben sein kann, ist plötzlich zu einem geworden, den man selbst anbetet, zu einem Mittler zwischen uns und Gott. Und die Gegenstände sind ebenfalls Heiligkeiten geworden, anstatt als Hilfe angesehen zu werden, damit sich der Mensch an das Wesentliche erinnert. Knochen von Heiligen wurden zu heiß begehrten Artikeln, für die man viel Geld ausgab, weil man an ihre schutzmächtige Wirkung glaubte. Die Kirche damals unterstützte in der Mehrheit solcherlei Treiben, denn es wurde damit Geld eingenommen, welches man für viele kostspielige Bauprojekte benötigte. Gott selbst wurde dabei immer unwichtiger, bzw. verkam zu einem bösartigen und rachesüchtigen Dämon, dem man besänftigen musste, indem man solche Dinge kaufte. Sie wissen es alle, liebe Gemeinde, Martin Luther und neben und mit ihm viele andere Männer und Frauen konnten sich nicht darauf einlassen. Sie versuchten zurückzugehen an die Quelle – die Quelle aber ist und bleibt die Heilige Schrift. Im Studium dieser Schrift – sie wurde ja durch Luther in Deutsch einer breiten Öffentlichkeit bekannt – im Studium dieser Schrift also erkannte man, was sich von Menschenhand errichtet zwischen diese und Gott selbst gestellt hatte und fegte es hinweg. Daran soll der heutige Tag zu denken geben: fegt hinweg, was sich zwischen Gott und euch stellen mag. All das, was sich in Bequemlichkeit und Sicherheitsdenken an die Stelle gesetzt hat, die alleine Gott gebührt. Hören wir also mit diesem Aufruf im Ohr das Predigtwort für den heutigen Gedenktag. Wir lesen es im Brief des Paulus an die Galater im fünften Kapitel, die Verse eins bis sechs:

[TEXT]

Für den Gottsucher Martin Luther war Paulus wohl der wichtigste Zeuge, um etwas über Gottes Gerechtigkeit und sein Wirken in der Welt zu lernen. Wir hören in diesem Predigtwort daher auch ein ganz ähnliches Phänomen, wie jenes, was ich eben beschrieben habe: es geht in unserem Predigtwort um die Frage, in wiefern sich das Halten des Gesetzes notwendig ergibt. Muss ich nicht, um Gott zu finden und seinen Ansprüchen gerecht zu werden, auch alle Gesetze halten? Muss ich dies nicht gerade auch dann tun, wenn ich Christus als Gottes Sohn glaube und darum auch die alttestamentlichen Gesetze befolgen? Z.B. jenes der Beschneidung? Paulus gibt eine Antwort, die weit über das Beispiel der Beschneidung hinaus reicht. Du bist in Christus befreit, schreibt er an die Galater. Gebote und Gesetze sollst du nur als solche erkennen, die dich auf Gott hinzuweisen. Weißt du aber darum Bescheid, so sind diese Gebote nicht um ihrer selbst willen da – du darfst sie zurücklassen. Du musst kein neues Joch der Knechtschaft annehmen. Mit anderen Worten, liebe Gemeinde, wir sind aufgefordert unser Tun und Handeln daran zu orientieren, in wieweit wir Gott darin und damit erkennen können – ja, in wieweit wir auf Gott selbst für unser Leben vertrauen. Aus diesen Worten zog die Reformation, als einer ihrer Kirchen sind ja auch wir aus ihr hervorgegangen – daraus zog sie ihre Kraft und den Mut für Veränderung. Indem sie sich ganz und gar konzentrierte auf das Wort Gottes und wiederum im Wort Gottes das Zentrum von der Liebe Gottes zu uns und unserer Antwort, unserem Vertrauen auf ihn, fand. Darüber hinaus, liebe Gemeinde, ist kein Gesetz gültig. Es gibt nichts, was sich zwischen diese Einsicht von der Liebe Gottes zu uns und unserer Antwort im Vertrauen auf ihn stellen könnte. Es ist die Kirche der Freiheit, um die es hier geht. Es ist die Kirche der Gewissheit, um mit Luthers Worten zu reden, um die es hier geht – nicht die Kirche der Sicherheiten. Im Gedenken an die Reformation sind wir selbst immer wieder gehalten, zu überprüfen, worin wir unsere Sicherheiten aufbauen, die doch gar nicht lange halten können. Gerade wir Christen sind dazu aufgefordert, die wir doch mit Gottes Wort in unserem Leben umgehen sollen. Und freilich sind wir weiterhin anfällig für allerlei Sicherheiten und feste Dinge, die sich wieder und wieder zwischen Gott und uns stellen wollen – oder besser noch: die wir selbst zwischen Gott und den Menschen stellen. Nehmen wir ein paar Beispiele aus unserer nächsten Nähe: etwa die Form und der Ritus unseres Gottesdienstes – es ist gut, dass wir ihn so feiern. Ich selbst erkenne darin eine heilsame Struktur, weil sie Verlässlichkeit schenkt, weil man sich in ihr wieder erkennen darf, weil man eben nicht alles neu erfinden muss, sondern weiß: Sonntag für Sonntag darf ich mich in die Gebete stellen, als hätte ich sie selbst formuliert, Sonntag für Sonntag darf ich der Orgel lauschen, als wäre ich es selbst, der Gott singt und spielt. Aber, liebe Gemeinde, auch dies sind nur Stützen und Hilfen. Es sind nur Verweise auf das Wesentliche, welches im Gottesdienst Raum greifen soll: Vertrauen zu entwickeln für sein Leben auf diesen Gott. Die Reformatoren haben festgestellt: Kirche ist da wo sich Gemeinde versammelt um Wort und Sakrament, mehr nicht – alles andere ist änderbar, nicht zeitlos, sondern der ständigen Prüfung unterworfen.

Nehmen wir ein nächstes Beispiel: das Verschanzen hinter dem Wortlaut der Heiligen Schrift. Steht nicht geschrieben, dass dieses und jenes zu tun und zu lassen ist? Freilich steht es geschrieben – aber es muss Anwendung finden auf das gleiche Grundmuster: finde ich hierin einen Weg, mein Vertrauen auf Gott zu setzen? Manchmal begegne mir Christen, die mir das Wort der Schrift quasi um die Ohren hauen, als wäre es eine Waffe gegen den Anderen und sie zitieren die zehn Gebote aus dem Alten Testament oder Weisungen auf dem Neuen. Dabei vergessen sie, dass auch dies bereits eine Auswahl ist aus den über 600 Geboten, die das Judentum allein im Alten Testament festmacht. Wie schreibt Paulus? „Ich bezeuge abermals einem jeden, der sich beschneiden lässt, dass er das ganze Gesetz zu tun schuldig ist.“ Freiheit im Glauben aber ist etwas anderes – Freiheit hat zu tun mit der Gewissheit der Erlösung. Wer sprechen kann: „Christus ist für mich am Kreuz gestorben“, der hat eine solche Gewissheit. Die Sicherheit von Gesetzen verlässt er damit.

Ich nehme noch ein letztes Beispiel. Wir hatten die Jugendevangelisationstage letzte Woche bei uns. Mit viel Aufwand und viel Engagement wurde dort Zeugnis abgelegt und für Christus geworben. Dennoch sperre ich mich gegen einzelne Aussagen, die dort auch unseren jungem Menschen gegenüber gemacht wurden. Die Welt ist nicht einfach in zwei Teile zu teilen: in Gut und Böse und wer Christ ist, soll sich eben nicht absondern von der Welt und sprechen: „Ist mir doch egal, was die anderen von mir denken“. Jesus ist auch nicht bloß ein Motivationstrainer für die Gegenwart, der alles persönliche Leid in Positives wandelt. Eben kein Fitness-Engel, der den Mädchen empfiehlt 5 bis 15 Kilo abzunehmen, damit sie einen Freund finden können. Kein Glaube, der vom Minus zum Plus herüberzaubert. Sondern wer für sein Leben auf Gott vertraut, der steht in der Welt und leidet mit ihr und an ihr, wahrscheinlich geht sogar sein persönliches Leid weiter. Wer für sein Leben auf Gott vertraut, der fängt an zu hinterfragen und kritisch zu werden, weil er weiß, dass jedes Festhalten und jeder Stillstand ein Hindernis werden kann, um Gott zu erkennen. Und ich kämpfe nicht gegen dämonische Kräfte, und ich muss zu diesem Kampf nicht mit dem Schwert daherkommen, sondern ich versuche im Glauben zu überwinden, was mich selber auf die sichere Seite zu rechnen scheint. Wer stehe, der sehe zu, dass er nicht falle, heißt es an anderer Stelle.

Martin Luther war davon überzeugt: wer diese Liebe Gottes spürt und für sich annehmen kann, der wird wieder Liebe austeilen – ohne Gesetz und ohne Gebot. Wie sehr immer noch und immer wieder das Sicherheitsdenken uns erfasst, können wir daran sehen, wie wenig Menschen das Austeilen dieser Liebe gelingt.

Gedenken an die Reformation heißt sich selber immer wieder in Frage zu stellen, sich selber immer wieder zu überprüfen: welche „Sicherheit“ stelle ich zwischen Gott und mich? Und: Gedenken an die Reformation heißt: immer wieder nach dieser Quelle der Freiheit, die uns in Christus geschenkt wurde zu suchen und sein Vertrauen täglich neu auf Gott zu setzen – für sein ganzes Leben.

print

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen