Gedanken zum Abendmahl

Liebe Gemeinde,

das letzte Mahl, das Jesus mit seinen Jüngern einnahm, war nach den Berichten der drei ersten Evangelien ein Passah-Mahl. Das Abendmahl, das wir heute Abend feiern, hat also vielerlei Grundlagen und Bedeutungen. Es ist zum einen das Mahl, das Jesus mit den Jüngern in der Nacht vor seinem Tod feierte, es ist zum weiteren das Mahl, das das Volk Israel damals wie heute daran erinnert, dass und wie Gott sie aus der Knechtschaft befreit hat. Zum dritten bekommt heute abend dieses Mahl noch einmal eine weitere Bedeutung. Nach einem Beschluss der beiden Kirchenvorstände, unseres Kirchenvorstandes und des katholischen Kirchengemeinderates, spüren wir heute abend, da wir nach wie vor nicht das Abendmahl gemeinsam einnehmen dürfen in besonderer Weise, wie sehr in unseren Kirchen die Trennung noch wichtiger ist, als die Gemeinschaft. Wir spüren aber auch, liebe Gemeinde, wie sehr wir als katholische und als evangelische Christinnen und Christen, eigentlich zusammengehören, wir spüren heute auf besondere Weise auch unseren Wunsch nach Gemeinschaft über die Konfessionsgrenzen hinweg. Darum wird heute abend beides geschehen.

Wir werden, wir hier in der Evangelischen Kirche und unsere katholischen Mitchristen in St. Anna, das Abendmahl getrennt feiern, aber wir werden uns im Anschluss daran im katholischen Gemeindehaus zu einem Agapemahl, versammeln, damit auch unser Wunsch nach Gemeinschaft seinen Ausdruck findet und seinen Raum. Jeder von ihnen ist herzlich eingeladen, dann noch mit dem Bus rüber nach St. Anna zu fahren und diese Gemeinschaft zu feiern. All diese Grundlagen, das Abendmahl zu feiern, haben aber ein gemeinsames Thema. Das Thema des Aufbruches, das Thema sich aufzumachen, um neue Wege zu gehen, um in ein neues Land zu kommen. Das erste Passahmahl, liebe Gemeinde, geschah in unheimlicher Situation. Spannung lag über dem ganzen Volk, das schon Jahrzehnte Zwangsarbeit zu leisten hatte. Wird dieser Aufbruch aus der Gefangenschaft wirklich in ein Land führen, in dem Milch und Honig fließt, wird es wirklich ein Weg aus der Gefangenschaft in die Freiheit sein? So mögen sich die Israeliten genauso erwartungsvoll, wie furchtsam gefragt haben. Ist der Pharao und all sein Heer wirklich zu bezwingen, ist diese militärgestütze Macht wirklich allein durch den Glauben, das Vertrauen in Gott zu überwinden?

Noch in dieser Nacht, liebe Gemeinde, ist der Aufbruch gewagt worden aus der Knechtschaft und es ist diesem Volk der Sklaven tatsächlich gelungen die Freiheit zu erreichen und die Verfolger abzuschütteln. Aus diesem Grund hat Jesus dieses Passahmahl wie all die Jahre seines Lebens zuvor, auch am Tage vor seinem Tod eingenommen und gefeiert. Vielleicht hat er sich daran erinnert, wie er als kleiner Steppke seinen Vater Josef die überlieferten Worte fragte: "Warum, Vater, ist diese Nacht, anders als alle anderen Nächte?" Und dann wird Josef ihm erklärt haben. Weil Gott uns in die Freiheit geführt hat, damit wir uns daran erinnern, dass es Gott ist der befreit.

Auch bei Jesu letzten Mahl mit seinen Jüngern, konnte man die Spannung förmlich mit Händen greifen. Der Hohe Rat hatte beschlossen Jesus zu töten, die Tempelwache machte sich fertig, um Jesus zu verhaften und hier am Tisch saß der, der ihn mit einem Kuss verraten würde. Aber auch hier herrscht das Thema des Aufbruchs in eine neue Freiheit, in ein anderes Land, in das Reich Gottes vor. Genauso erwartungsvoll und ängstlich wie das Volk Israel mag Jesus sich gefühlt haben. Der Glaubenssicherheit stehen ja immer die Zweifel gegenüber, der Glaubensgewissheit um die Nähe Gottes, das Bewusstsein der Gottesferne. Und vielleicht mag einer der Jünger auch daran gedacht haben, zu fragen: "Meister, warum ist diese Nacht anders, als alle anderen Nächte?" Weil wir uns daran erinnern, wie Gott das Volk aus der Knechtschaft befreit hat. Damals aus der Knechtschaft aus Ägypten, in dieser Nacht aber stärken wir uns, weil Gott durch mich uns aus der Knechtschaft des Todes befreien wird. Und dann nahm er das Brot und sprach: So wie dies Brot, wird mein Leib für euch gegeben werden- Und er nahm den Wein und sprach: So wird mein Blut vergossen für euch, damit der Tod keine Macht mehr an euch finde.

Die Jünger haben es damals noch nicht verstanden. Aber sie sahen, das Jesus das Passahmahl auf sich bezog. Und wenn wir heute das Abendmahl feiern, dann vor allem darum um Gemeinschaft mit Jesus zu haben, Gemeinschaft mit dem, der den Tod überwunden hat, Gemeinschaft mit dem, der uns schon im Leben dazu befreit, nicht angstvoll auf den Tod hinzuleben, sondern hoffnungsvoll von seinem Tod her, weil er den Tod besiegt hat. So mag dieses Mahl für uns auch ein Mahl des Aufbruchs werden in die Welt des Glaubens, in das Reich Gottes, in die Freiheit der Kinder Gottes. Lasst uns aufbrechen und "Fürchtet euch nicht!"

Und ich sehe, liebe Gemeinde, auch in dem Agapemahl, das wir im Anschluss an diesen Gottesdienst mit unseren katholischen Mitchristen feiern werden, das Thema des Aufbruchs in eine neue Freiheit. Haben wir nicht bei den alten Israeliten und dann bei Jesus gesehen, das der Glaube an Gott immer etwas mit einem Aufbruch zu tun hat, damit, dass uns jeder Stillstand und jedes falsche Festhalten an Traditionen hinderlich ist auf dem Weg zum Glauben? Noch können wir nichts dagegen tun, dass wir getrennt Abendmahl feiern müssen. Noch finden zur gleichen Zeit in Ranstadt zwei Gottesdienste statt, die das gleiche hoffen und zum Thema haben. Aber wir werden uns nicht ein für alle Mal in die Knechtschaft der Traditionen und Lehrmeinungen einfügen. Wir machen uns auf zu einer lebendigen Gemeinschaft mit unseren katholischen Mitchristen, die ja nicht in erster Linie katholische Mitchristen sind, sonder Freunde, Nachbarn und nicht selten sogar Familienmitglieder.

Darum bitte ich alle, die heute abend traurig fragen, ja vielleicht sogar verärgert die Zerrissenheit der Christen und Christinnen spüren, sich aufzumachen nach diesem Gottesdienst, zu unserem gemeinsamen Agapemahl. Wir können noch nicht ändern, was im Moment nicht zu ändern ist, aber wir müssen es auch nicht kopfschüttelnd und achselzuckend ertragen. Wir setzen ein Zeichen mit diesem gemeinsamen Mahl, ein kleines Zeichen nur, wie ein erster Schritt. Doch der längste Weg beginnt immer mit dem ersten Schritt.

Lasst uns aufbrechen, denn zur Freiheit sind wir berufen und zur Gemeinschaft der Gläubigen.

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