Geburtstag der Menschlichkeit

Liebe Gemeinde!

<b>Der Weihnachtsbaum</b>

Wissen Sie eigentlich, warum wir ausgerechnet zur Weihnachtszeit einen geschmückten Baum in unseren Wohnzimmern, Kirchen und auf öffentlichen Plätzen aufstellen? Das hat einen ganz bestimmten Grund, der auf mittelalterlichen Traditionen fußt. In jener vergangenen Zeit führte man am Weihnachtsfest so genannte „Paradies-Spiele“ auf. Damit erinnert man zum einen an die „Schutzheiligen“ des 24. Dezembers, nämlich an die biblischen Stammeltern Adam und Eva, deren Vertreibung aus der Nähe Gottes Thema dieser Spiele war. Vielmehr aber sollte damit symbolisch unterstrichen werden: In Jesus Christus, in der Geburt des Heilands, hat Gott die Neuschöpfung der Menschheit begonnen. Der immergrüne Baum erinnert an Ursprung und Ziel der Menschheit. Er erinnert an das „Paradies“, in dessen Mitte der Lebensbaum stehen soll. Wobei ich als Pfarrer deutliches Unbehagen spüre, dieses Wort „Paradies“ zu verwenden. Es ist so missverständlich geworden. Wir haben es uns in der Kirche aus dem Mund nehmen lassen von all denen, die darunter recht irdische Plätze als Urlaubs- und Erholungsorte vermarkten. Wie dem auch sei, angeblich sollen es Augustiner-Mönche gewesen sein, die erstmals 1621 neben der Krippe Lebensbäume, die symbolischen Bäume des Paradieses aufgestellt hatten. Fürstenhäuser übernahmen diesen Brauch, später wohlhabende Bürger. Heute ist er in fast allen Familien üblich. Er galt ursprünglich als typisch evangelisch. Als „typisch katholisch“ sah man früher das Aufstellen einer Krippe an.

<b>Himmel und Erde berühren sich</b>

Unserem heutigen Festgottesdienst ist ein biblisches Zitat zugeordnet. Es steht im 1. Timotheus-Brief im 3. Kapitel. Zitiert wird ein urchristlicher Hymnus, ein Lied, in dem Christus besungen wird. Ein Lied, das von der Berührung zwischen Himmel und Erde handelt. Ein Lied, das uns heim weist ins „Reich Gottes“, wie ich lieber sage, denn das ist auch das Wort, das Jesus verwendet. Wir hören einen Lobgesang auf die Geburt Christi:

[TEXT]

Dieser frühchristliche Hymnus besingt eine Welt, die in Gottes Reich ihr Ziel finden mag. Eine Welt, über der ein Himmel aus Hoffnung und Herrlichkeit schwebt, getragen von der geheimnisvollen Gnade Gottes, der in Christus herabkommt und das offenbar macht, was im Himmel von Ewigkeit zu Ewigkeit gültig und wahrhaftig ist.

<b>Christus als Erstling der neuen Schöpfung</b>

Ich weiß nun nicht, was Ihnen, liebe Gemeinde, Jesus Christus persönlich bedeutet. Da ist wohl die ganze Bandbreite heute in unserem Gottesdienst vertreten. Innigste Verbundenheit wird in unseren Herzen sein, ebenso wie gewisse Sympathie. Mancher wird bezüglich Christus mehr Fragen haben als Antworten. Etliche kennen wohl auch ehrlich eingestandene Distanz und Gleichgültigkeit ihm gegenüber. Unbekannt wie die symbolische Bedeutung des Weihnachtsbaums ist wahrscheinlich auch die Betrachtung Jesu im Zusammenhang der Schöpfung. Paulus nennt ihn den „Erstgeboreneren“ (1. Kor 20) der neuen Schöpfung. In ihm ist uns Menschen ein Lebensbild gegeben, gemalt mit den Farben der Barmherzigkeit, des Friedens und der Versöhnung, ein Lebensbild vom Menschsein, das in der mystischen Verbindung zu Gott gründet. Ein Lebensbild, das, wenn wir es in uns aufgenommen haben, unserem Leben Richtung und Ziel gibt. Ein Lebensbild, das uns hinein nimmt in die Bewegung hin zum Reich Gottes. Und glauben wir das? Glauben wir nicht eher an die Schlechtigkeit der Menschen? Glauben wir nicht eher daran, dass jeder nur an sich selber denkt? Glauben wir nicht ehr daran, dass es in unserem Leben nur um Geld und Macht geht? Wie kann man Hoffnung und Heil bewahren angesichts von Erdenschwere, Eigennutz und Elend?

<b>Unterm Weihnachtsbaum</b>

Glauben wir an Christus, so nehmen wir sein Bild als Folie unseres Lebens auf in unsere Seele. „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur. Das Alte ist vergangen, siehe neues ist geworden“ (2. Kor 5,17), heißt es bei Paulus. Was ich versuche, hier zu beschreiben, liegt doch als Ahnung, als Sehnsucht, über der weihnachtlichen Zeit. Ich hoffe doch, dass ich wenigstens die Hausfrauen und die Mütter auf meiner Seite habe. Sie sind es doch meistens, die Haus und Wohnung weihnachtlich herausputzen und sie sind es, die sich mit Kraft darum bemühen, dass es schöne Tage werden, paradiesisch schöne Tage, wo alles gut ist und gut wird. Das muss doch tatsächlich möglich sein unterm Weihnachtsbaum, dass wir uns zusprechen lassen: Es wird gut, es wird wieder gut mit uns. Diesen Wunsch, diese Bitte können sie doch mitnehmen und einander weiter geben: Es wird gut mit unserer Familie. Es wird wieder gut mit unserer Ehe. Es wird gut in unserer Beziehung. Es wird gut mit der Gesundheit. Denn wir sind in Christus vom Band des Lebens umfangen.

<b>Arbeitslied der Christenheit</b>

Im stimmungsgeladenen Milieu häuslicher Weihnacht mag Platz sein für Christus, als Inbegriff von Gefühl, Versöhnung und Barmherzigkeit. Der Hymnus von der Berührung zwischen Himmel und Erde, der Hymnus von Reich Gottes jedoch greift viel weiter hinaus. Es geht um nicht geringeres als um die Christus gerechte Gestaltung unserer Welt. Ehe wir uns hierzu Gedanken machen, blicken wir noch einmal auf das urchristliche Lied. Lieder verbinden wir zumeist mit den fröhlichen Stunden unseres Lebens. Unser Hymnus aber hat einen anderen Charakter. Ich nenne ihn einmal „Arbeitslied der Christenheit“. Freilich, wir kennen kaum noch Arbeitslieder. Radioberieselung, Jingles und Tonsequenzen der Computer und Handys haben diese Tradition gewissermaßen ersetzt. Arbeitslieder sollten den Arbeitsablauf synchronisieren und anstrengende Arbeit erleichtern. In diese Tradition der „christlichen Arbeitslieder“ möchte ich unseren Hymnus einordnen. Er besingt die Bestimmung unserer Schöpfung, er nimmt uns mit hinein in die harte Arbeit und in die von jedem von uns geforderte Verantwortung für ein menschliches Leben auf dieser Erde. Uns jetzt frage ich noch einmal: Ist es tatsächlich nicht möglich, diesen Hymnus auch dort anklingen zu lassen – formulieren wir es einmal so vorsichtig – wo wir arbeiten und unser Geld verdienen? Ist es tatsächlich nicht möglich, christlicher Wahrheit in unserer Gesellschaft Gestalt zu geben? Wir stehen oft vor der Frage, ob wir „mit den Wölfen heulen“ oder mit Christus singen: Im Beruf, in der persönlichen Beziehung, in der Schule und überall, wo wir leben. Wir wissen doch alle, wie lebenswichtig es ist, dass wir uns nicht aus der Verantwortung für unsere Schöpfung davon stehlen. Das mag Geld kosten, sicherlich. Das mag unbequem sein, sicherlich. Aber wir leben doch nicht, um riesige Geldmengen anzuhäufen und wir leben nicht nur zur Lust. Freilich, mancher unter uns wird den Kopf schütteln. „Nein, bei uns geht´s nur um Zahlen, Gewinn und gute Bilanz“. Gut, aber darf man zurückfragen: Wie lange wollen wir uns diese kalte Lebensart noch einander antun? Das ist doch die Überzeugung unserer evangelischen Kirche: Wir gründen in Christus, im Glauben an den Heiland. Aus diesem Glauben heraus gestalten wir die Welt. Kirche, das sind wir, da bist du und das bin ich, ein jeder dort, wo Gott ihn hingestellt hat. Die frühen Christen jedenfalls waren da sehr mutig. Sie wussten sich getragen von Gott. Sie wussten vor allem um den Auftrag, um das Ziel. Sie hatten das „Reich Gottes“, das Paradies, wieder entdeckt, das ferne Ziel der Menschheit in Frieden und Versöhnung. Und obgleich der Weg dorthin weit ist und voller Rückschläge, so ließen sich nicht nach. Und sie sangen jeden Sonntag ihre „Arbeitslieder“. Will sagen: Das einfache Davonstehlen in den Satz „Ich kann ja doch nichts ändern“ wollen wir nicht gelten lassen. Wie anders könnte unser Leben, unsere Welt, unser Zusammenleben ausschauen, wenn wir uns denn diese von Luther selbst formulierte Einsicht zu Herzen nähmen: Mein Gottesdienst geschieht dort, wo ich lebe und arbeite. Gute Zukunft für alle ist Ergebnis harter Arbeit von allen. Arbeitslieder muss man gemeinsam singen. Skandalös ist es, wenn immer mehr Menschen in unserer Mitte verarmen. Und das, obwohl sie ein, zwei oder gar drei Arbeitsplätze haben. Das darf doch nicht sein, dass trotz Arbeit nur Hunger und Armut dabei herauskommen. Beschämend hoch ist die Zahl der Kinder in unserem Land, die in kargen Verhältnissen groß werden.

<b>Im Haus Gottes</b>

Mich beeindruckt es sehr, mit welchem Selbstbewusstsein und mit welchem Glaubensmut sich die frühen Christen daran machten, das innerlich zerfallene, moralisch im Morast versunkene römische Weltreich von innen her zu erneuern. Die frische Kirche, knapp zweihundert Jahre alt, verstand sich selbst als das „Haus Gottes“, als der von ihm wahrhaft „begeisterte Lebensraum der Wahrheit.“ Welcher Wahrheit? „Gott will, dass allen Menschen geholfen werde“, heißt es im Anfang unseres Briefes, aus dem der Hymnus stammt (1. Tim 2,4). Gott will, dass alle zur Erkenntnis der Wahrheit kommen, welche in Christus ist. Uns Jesus selbst sagt: „Ich lebe, und ihr sollt auch leben“ (Joh 14,19).Leben in Würde, leben in Frieden, leben ohne Not. Man hat der Kirche immer vorhalten: Ihr seid auch nicht besser. Gut, antworten wir, das ist auch nicht unser Anspruch. Wir beginnen jeden Gottesdienst damit, indem wir unsere Sünden bekennen. Wir widersprechen aber, wenn das die ganze Wahrheit übers Leben sein sollte: Alle Menschen sind schlecht und haben daher das Recht, so zu handeln. Wir wissen uns in Christus erlöst aus all den bösen Zwängen. Wir wissen uns erlöst aus der Welt des Todes und der Habgier. Wir wissen uns befreit als Kinder Gottes zum Leben in Wahrheit. Wir glauben: In Christus ist die Menschlichkeit geboren. Das ist das, was wir heute feiern. Das ist das, was wir mit hinaus nehmen können in unsere Mitarbeit an der Gestaltung dieser Welt. Flüchte dich nicht, liebe Schwester und lieber Bruder in Christus, allzu schnell in deine vermeintliche Ohnmacht und Hilflosigkeit. Frage danach: Wo kann ich mich als Mitbewohner des Gotteshauses, wo kann ich mich als Angehöriger der Kirche zu erkennen geben und einbringen. Zu diesem Lebensmut sind wir gerufen. In vielen Familien wird auch heute der Weihnachtsbaum als Erinnerung an das Paradies in vielleicht sehr krassem Gegensatz zum derzeitigen Zustand stehen. Das aber darf und soll euch nicht daran hindern, in das Arbeitslied der Hoffnung, in den Hymnus des Lebens mit einzustimmen. Ihr werdet sehen und erleben, wie sich eure Herzen und Seelen weiten und öffnen, wenn ihr denn auf Christus blickt und sein Bild in euch aufnehmt als Menschen des Friedens, der Vergebung und der Versöhnung.

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