Fundament und Ziel

Liebe Gemeinde,

es geht auf das Ende zu im Kirchenjahr. Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr klingt gar nicht nach Advent und vorweihnachtlicher Freude, so wie sie uns diese Tage durch den Schnee und die Angebote in den Läden und Geschäften suggeriert wird. „Drittletzter“ – das klingt nach „bald ist Schluss“ – „Jetzt ist Zeit, sich endlich auf das Wesentliche zu besinnen“. Es klingt, liebe Gemeinde, nach ernsthaftem Aufruf, nach Selbstprüfung und danach, dass endlich, endlich alles offenbar werden wird, was so lange durch Ungerechtigkeit und Leid verschüttet liegen geblieben ist.

Und jetzt dies: 11.11. – um 11.11 Uhr wird heute an vielen Orten in diesem Land der Beginn einer weiteren Jahreszeit gefeiert. Karneval, Fasching – wie auch immer dies genannt wird. Der beginnt also heute auch.

Ach du je! Bitte – Karneval ist doch kein Thema für die Kirche, außerdem liegt das letzte Verkleidungsfest doch gar nicht so lange zurück: Halloween ist doch auch eine Art Fasching. Nein, wir wollen das hier nicht hören.

Und dennoch fange ich heute auch damit an. Denn im Fasching war endlich mal etwas erlaubt, was sonst nicht vorstellbar war. Der Narr wurde zum König. Die Armen wurden zu Reichen und der Unbedeutende durfte sich, wenigsten für ein paar Tage, endlich einmal bedeutend fühlen. Es geht um die Umkehrung aller Verhältnisse, die herrschenden Machtverhältnisse werden auf den Kopf gestellt. Die Rathausschlüssel gelangen in die Hände von Menschen, die sonst dazu keinen Zugang haben.

Und in der Tat kommt heute an diesem drittletzten Sonntag im Kirchenjahr mit vollem Ernst ein eben solcher Umkehrungstext daher, über den wir zu predigen haben. Wir lesen aus dem Evangelium nach Lukas im 18. Kapitel, die Verse eins bis acht: „Jesus sagte ihnen aber ein Gleichnis darüber, dass sie allezeit beten und nicht nachlassen sollten, und sprach: Es war ein Richter in einer Stadt, der fürchtete sich nicht vor Gott und scheute sich vor keinem Menschen. Es war aber eine Witwe in derselben Stadt, die kam zu ihm und sprach: Schaffe mir Recht gegen meinen Widersacher! Und er wollte lange nicht. Danach aber dachte er bei sich selbst: Wenn ich mich schon vor Gott nicht fürchte noch vor keinem Menschen scheue, will ich doch dieser Witwe, weil sie mir soviel Mühe macht, Recht schaffen, damit sie nicht zuletzt komme und mir ins Gesicht schlage. Da sprach der Herr: Hört, was der ungerechte Richter sagt! Sollte Gott nicht auch Recht schaffen seinen Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen, und sollte er’s bei ihnen lange hinziehen? Ich sage euch: Er wird ihnen Recht schaffen in Kürze. Doch wenn der Menschensohn kommen wird, meinst du, er werde Glauben finden auf Erden?“

Umkehrung aller Verhältnisse Der bekannte Theologe Karl Barth hat in seiner Lehre über die Sünde u.a. darüber gesprochen, dass die Trägheit ein Zeichen der Sünde ist. Und in der Tat: haben wir uns nicht allzu oft damit abgefunden, dass die Dinge nun mal so sind, wie sie sind? „Was kann ich Kleiner schon daran ändern“ – so höre ich es oft. „Die Mächtigen machen doch eh, was sie wollen.“ Und als ob dies eine Entschuldigung wäre, lässt man dann nach in seinem Engagement. Man legt die Hände in den Schoß und gibt sich zufrieden – man kann ja „eh nichts ändern“. Ungerechtigkeit, Leid und Schmerz, der Reiche drückt den Armen nieder, der eine beutet den andern aus. „Was soll ich schon tun können.“ Trägheit, liebe Gemeinde, sich einrichten wollen in dem, was wir haben. Sicherheit erlangen, dass wenigstens wir so leben können, wie wir es gerade tun – das ist ein Zeichen der Sünde.

Deswegen spricht die Bibel eine andere Sprache. An jeder Ecke und an jeder Kante, wenn wir in ihr lesen – in unserer Heiligen Schrift – stellt sie uns in Frage. Sie fragt: „war es das schon?“, „willst du schon stehen bleiben?“ Sie reißt uns heraus aus dieser Trägheit. Sie konfrontiert uns mit einer höheren Wahrheit, die in Christus Jesus erschienen ist und die tatsächlich auf ein Ziel zuläuft. Nämlich auf die Umwandlung dieser Welt. Sie werden gestern am Friedhof, am Ende eines Lebens auf dieser Welt, die Worte gehört haben, in denen sich alle Hoffnung der Christen verdeutlich: „Siehe, ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde. Und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Schmerz wird mehr sein. Und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen.“ Darum geht es immer wieder: Umwälzung, Gott wird euch Recht schaffen in Kürze.

Sehen Sie sich nun diese Witwe an. Die Witwen und die Waisen sind das Paradebeispiel der Heiligen Schrift für die Rechtlosen und die Ausgebeuteten. Es sind die Verlierer der damaligen Gesellschaft. Diese Witwe hat bereits ihr Unrecht erfahren. Sie steht unten und muss zu den Mächtigen hinauf blicken. Die Verhältnisse sind eben so, wie sie sind. Da kann man nichts ändern. Oder vielleicht doch? Denn die Witwe hört nicht auf, sie lässt nicht nach. Ja sie bedrängt diesen Richter. Eigentlich ein Witz, liebe Gemeinde. Warum sollte sich der Richter vor dieser Frau fürchten? Erstens ist sie nur eine Frau, das war an sich damals schon so etwas Ähnliches wie ein rechtsloser Status. Und noch dazu ist er ein Mann mit einem wichtigen und angesehenen Amt. Nein, es gibt keinen vernünftigen Grund, warum sich dieser Richter auch nur im Geringsten durch das Gezeter einer alleinstehenden Frau kümmern sollte. Und da ist es wieder, das Moment der Schrift, das uns herausreißen soll aus unserer Trägheit. Die Witwe gibt nicht auf. Sie findet sich nicht ab mit den Zuständen, so wie sie nun mal sind. Sie zeigt eine Ausdauer, die völlig entgegen steht zu allem, was einem die Vernunft, die Welt-Vernunft so eingeben müsste. Die sagt nämlich: „es hat doch eh keinen Zweck – was will ich Kleiner da schon ändern?“

Denn was mache ich im Grunde, wenn ich so rede? Ich verliere mein Ziel aus den Augen. Und was heißt es, wenn ich kein Ziel mehr habe? Es bedeutet, dass ich auch den Grund auf dem ich stehe, verloren gebe. Woher kommen wir her und wo gehen wir hin? Diese grundlegenden Fragen der Philosophie und der Religion wird im Christentum klar beantwortet: wir kommen aus Gottes Liebe und werden eingehen in seine Liebe. Ich meine, die Witwe hat eben dies nicht aus den Augen gelassen, als sie vor dem ungerechten Richter stand. Sie wusste um Gottes Güte, die allen Menschen gilt und sie war stark genug, darauf zu vertrauen. So stark, so hartnäckig, dass sie nicht nachlassen wollte gegenüber den Mächten der Welt, für die der Richter stellvertretend steht. Jesus spricht in unserem Predigtwort am Ende die Jünger direkt an. Nehmt euch ein Beispiel an dieser Frau, wie sie selbst in der Welt noch gekämpft hat. Und nun ihr: schaut euch an! Ihr seid doch die Auserwählten Gottes. Ihr seid die Grundlage, die ich gelegt habe, um aller Welt von ihrem Heil erzählen zu lassen. Nehmt euch also ein Beispiel an dieser Frau. Haltet aus bis in diese letzten Tage hinein! Verlasst nicht das Fundament, das ihr in mir bekommen habt! Behaltet das Ziel, die Umwandlung der Welt durch Gottes Liebe im Blick! Erst dann wird sich etwas ändern – auch hier unter uns – und das Reich Gottes kann wachsen auch in dieser Welt.

Und hier, liebe Gemeinde, übersteigen wir den Vergleich, den wir vorhin im Faschingsbild gezeichnet haben. Denn zwar war im Fasching – vor allem in den alten Zeiten, in denen nicht so viel Freiheit wie heute herrschte – die Umkehrung das vorherrschende Motiv. Aber die Umkehrung war von kurzer Dauer, von der Obrigkeit abgesegnet und in geordneten Bahnen erlaubt. Noch heute lassen sich die Bürgermeister gerne ihre Krawatten abschneiden, denn sie wissen, eine echte Machtübernahme findet dadurch nicht statt. Nach Karneval findet alles wieder seinen Weg zurück. Man einer wird sogar bedauern, dass er dann doch so über die Stränge geschlagen ist. „Hoffentlich erinnert sich mein Chef nicht daran“ – wird mancher vielleicht denken.

Bei Gott wird es anders sein, sagt uns Jesus zu. Er wird diese Welt wieder zu dem machen, als was sie einst gedacht war, bevor die Sünde uns voneinander entfremdete. Ein neuer Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt – so haben wir es im Introitus gesungen. Wir warten auf diese neuen Himmel und diese neue Erde.

Ein zweites, liebe Gemeinde, lehrt uns dieses Wort von der bittenden Witwe. Wir können warten, weil wir ein Fundament haben, welches heißt Jesus Christus und weil wir ein Ziel haben: das neue Jerusalem, in welchem wir Gott von Angesicht zu Angesicht werden sehen können. Und wir dürfen das Warten gestalten, indem wir uns weigern, der Weltvernunft zu glauben, wir könnten mit unseren kleinen Händen und unserem kleinen Geist doch eh nichts bewegen. Noch mehr, liebe Gemeinde, wir können dies Warten gestalten, indem wir Gott auf seine Liebe antworten. Wie geschieht dies? Durch das beharrliche Gebet – so fängt Jesus sein Gleichnis an. Denn das Gebet, liebe Gemeinde, ist immer gekoppelt an diese Voraussetzungen: Fundament und Ziel, oder vielleicht besser: wird durch sie gehalten und getragen. Gott ist ja kein ungerechter Richter, wie in diesem Predigtwort, den wir durch unablässiges Anflehen zu etwas bewegen müssten, was er nur widerwillig tun möchte. Der Vergleichspunkt liegt woanders, wie wir gesehen haben. Das Gebet zu Gott, unserem Schöpfer ist vielmehr wie eine ständige Verbindung. Ein ständiges Gewiss-Sein, dass er für uns da ist. Dass er uns etwas versprochen hat in der Taufe, was noch nicht vollständig realisiert worden ist. Ein ständiges Gewiss-Sein, dass wir seine Kinder sein dürfen. Diese Verbindung mit dem, der mich geschaffen hat ist weniger angelegt auf das schöne und ausführliche gesprochene Gebet. Nicht alles müssen wir benennen und bedenken, wenn wir uns zu Gott wenden. Das Gebet wird nicht bemessen nach Formulierungskünsten und nicht nach Länge. Es wird nicht geschaut auf Öffentlichwirksamkeit und Medientauglichkeit. Nein, diese Verbindung des Gebets trägt ihren Wert in sich selbst. Ich darf mit Gott verbunden sein. Ich stelle mich hinein in das Vertrauens- und Liebesverhältnis, dass er geschaffen hat. Ich weiß mich geborgen in seinem Willen. Nicht umsonst lautet in dem wichtigsten Gebet, das Jesus uns übermittelt hat der Abschluss des Lobpreises „dein Wille geschehe“. Es ist kein Fatalismus, der aus dieser Haltung spricht, sondern es bleibt derselbe Geist, der auch die bittende Witwe so hartnäckig sein lässt. Weil sie um ihr Fundament und ihr Ziel weiß, weiß sie auch darum, dass Gottes Wege mit ihr zu einem guten Ende führen werden.

Jesus spricht zu seinen Jüngerinnen und Jüngern: nehmt euch ein Beispiel an der Haltung dieser Witwe. So auch wir, liebe Gemeinde.

Dann können wir getrost das Ende bedenken, auf das wir uns mit dem heutigen Sonntag zu erinnern beginnen. Denn wenn einst alles um uns fällt, wird sich Gott unserer Namen erinnern, die in das Buch des Lebens eingetragen wurden. Bleiben wir also getrost im beharrlichen Gebet, gewiss durch unser Fundament Christus Jesus und die Hoffnung, die uns trägt. „Sollte Gott nicht auch Recht schaffen seinen Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen, und sollte er’s bei ihnen lange hinziehen? Ich sage euch: Er wird ihnen Recht schaffen in Kürze.“

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