Fürwahr – auf dass wir Frieden hätten

Mittendrin dieses kleine Wörtchen: Fürwahr. Was hat es doch für eine große Macht, wenn Wahrheit beansprucht wird. Was ist denn die Wahrheit heute, hier, am Karfreitag unter dem Kreuz Jesu, im Dunkel, in der Schmucklosigkeit und in der Stille dieses Tages. Eine Wahrheit: Das Kreuz ist brutal.

Mit dem Karfreitag erinnert es an den Tod eines Mannes, der soviel Hoffnung geweckt und soviel Vertrauen geschenkt hat. Brutalstmöglich ist diese Hoffnung auf Zukunft, Frieden und Heilung der verletzten Seelen zerstört worden. Mit Jesus von Nazareth wurde sie zu Grabe getragen. Seine Spuren unter den Menschen, seine Menschlichkeit, hinter der Gottes Freundlichkeit aufleuchtete, sollten ein für alle mal verwischt werden.

Das Kreuz ist brutal.

Am Straßenrand erinnert es an Menschen, die der Leichtsinn, eine Verkettung unglücklicher Umstände oder ein Versagen mitten aus dem Leben gerissen hat. Auch da verletzte Seelen und begrabene Hoffnungen.

Das Kreuz ist brutal.

Auf den Grabmälern wird das Leben reduziert auf die Daten von Geburt und Tod. Nicht mehr, aber auch nicht weniger als die uns geschenkten Jahre machen das Leben aus.

Das Kreuz als Todeszeichen ist brutal, da führt kein Weg dran vorbei.

Eine andere Wahrheit an diesem Morgen, wenn wir unseren verwundeten Seelen nachspüren: Ja, Menschen tragen an Krankheit und Schmerzen. Keiner sucht es sich aus, aber alle hoffen auf Heilung oder zumindest Linderung. Und wenn gar nichts mehr hilft, dann warten viele auf den großen Erlöser „Tod“ – so wie dieser schwer gezeichneten Frau aus Frankreich, deren Schicksal mit ihrer unheilbaren Krebserkrankung und ihrem zerstörten Angesicht viele Menschen bewegt, weil sie gerne sterben möchte, aber nicht sterben darf, weil es uns Menschen nicht zukommt, Leben zu beenden.

Schmerzen können Menschen beugen, ja brechen. Unter ihnen können Menschen, wie wir sie bisher kannten, für immer verloren gehen.. Es ist eine harte, unbarmherzige Wahrheit. Und die schlimmste Krankheit beraubt uns der Gegenwart all derer, die wir lieben und die wir so gerne festhalten möchten. Der Tod spielt sich auf, als wäre er die letzte Wahrheit, das letzte Wort, das über einem Menschenleben gesprochen wird.

Aber nicht nur Menschen tragen an Krankheit und Schmerzen. Die ganze Schöpfung, alle Kreaturen seufzen und sehnen sich nach Erlösung. Der Planet schwitzt und das Wasser der Polarkappen fließt. Die Artenvielfalt der Natur zieht sich zurück, die Wunden und Narben die Gottes Werk tragen, sind nicht mehr zu übersehen.

Fürwahr, wenn das schon die ganze Wahrheit wäre, wer wollte das aushalten?

Wie leben Menschen nur, die keine andere Wahrheit kennen als nur das, was vor Augen steht? Dann sehen sie früher oder später einzig das Vergehen aller Dinge, die Endlichkeit, die Vergänglichkeit.

Fürwahr, für einen Augenblick müssen wir diesen Teil der Wahrheit zulassen, so wie wir den Karfreitag aushalten, zulassen müssen.

Jesus, verraten und verkauft, verspottet und verhöhnt, erniedrigt und am Kreuze oben aufgehängt, das letzte bisschen Leben ausgehaucht verstorben. Ich kann verstehen, dass viele geflohen sind, um das nicht mit anschauen , dieses Leid nicht mit ertragen zu müssen. Ich kann all die verstehen, die nach dem Warum fragen und an Gott verzweifeln. Wofür halten wir denn all das Leid, das unvorbereitet, unschuldig trifft, sei es die heimtückische Krankheit, der tragische Unfall oder das qualvolle Siechtum?

Von Gott geschlagen und gemartert?

Mir schaudert davor, wie oft so gedacht und manchmal auch geredet wird. Ich hoffe, es nie hören zu müssen. Wenn ich auch nicht viel verstehe, soviel denke ich schon begriffen zu haben, dass es nicht heißen kann: es hat Gott, dem Herrn, gefallen. Nein mit Kurt Marti, dem Schweizer Dichtertheologen möchte ich dagegenhalten: es hat Gott ganz und gar nicht gefallen. Ihm hat auch das Leiden seines Sohnes ganz und gar nicht gefallen. Der Vater weint über den Schmerzen des Sohnes, der Vater beklagt den Tod des einen, einzigen, eingeborenen Sohnes. Wie könnte das anders sein. Er weint mit allen Trauernden, mit allen, denen Tränen in den Augen stehen.

Fürwahr – auch das ist Wahrheit.

Das ist schon ein Teil der anderen, der neuen Wahrheit, die so ganz mühsam erkämpft werden muss. Gegen den Augenschein, gegen das so verbreitete „Wir aber dachten, wir hielten ihn für“.

Das Kreuz ist brutal.

Aber das Kreuz ist auch ein Zeichen des Trostes , an das ich mich klammern kann, das ich buchstäblich fest in meiner Hand halten kann. Das Kreuz, das Jesus getragen hat, die Schmerzen, die Einsamkeit, den Tod, die es ihm eingebracht hat sind etwas ganz anderes als der letzte Beweis der Gottlosigkeit unserer Welt und unseres Lebens, sie sind Ausdruck der größtmöglichen Nähe Gottes in unserem Leben, gerade da, wo wir ihn für unendlich entfernt halten.

Mitten in der Dunkelheit, mitten im größten Elend, in Schmerzen, Krankheit und Tod, findet sich Gott in seiner Menschlichkeit ganz nah an unserer Seite. Für uns, für jeden von uns.

Das ist die bleibende Wahrheit des Kreuzes.

Ja, viele haben ihn verachtet, viele hielten ihn für von Gott verlassen.

Aber er trug unsere Krankheit und unsere Schmerzen an seinem Leibe damit wir sie nicht alleine tragen müssen. Er starb unseren Tod, damit wir nicht alleine bleiben in diesem letzten Augenblick. Er ging seinen Weg, um uns abzuholen aus unserer Gottvergessenheit, aus unserer Gedankenlosigkeit, aus unserer Schuldbeladenheit. Wir hören nicht gerne die Rede von Sünde und Schuld.

Uns stößt die Selbstverständlichkeit auf, mit der die Passionschoräle eins ums andere Mal wiederholen: Ach das hat unsre Sünd/ und Missetat verschuldet,/ was du an unserer Statt,/ was du für uns erduldet./ Ach unsre Sünde bringt / dich an das Kreuz hinan; o unbeflecktes Lamm,/ was hast du sonst getan?

Aber wie viele Schmerzen und Tränen haben wir verursacht, wie viele Menschen verletzt, wie oft uns im Weg geirrt oder auf der falschen Seite bei den Spöttern und Gaffern gestanden und nicht unter dem Kreuz auf der Seite des Leidenden und Sterbenden und damit der Leidenden und Sterbenden?

Wie tröstlich klingt da dieses alte Lied aus dem Buch des Propheten Jesaja, das den Jüngern schon half, die Wahrheit Gottes ganz neu zu entdecken.

Wie eine sanfte Berührung, wie eine Erlösung aus den Schmerzen, aus der Vereinsamung, aus der Trostlosigkeit des Lebens: Auf das wir Frieden hätten – durch seine Wunden sind wir geheilt.

Wenn ich bei ihm bin, an seinem Kreuz, wenn er bei mir ist, da wo ich mein Kreuz trage, da wo ich meine Schuld und mein Versagen erkenne, da ist dann plötzlich Friede, ein ungeahnter, ein zerbrechlicher Friede, der in mir Fuß fassen will.

Das lässt sich nicht erklären, weil es sich unserer Logik der Stärke und der Macht, weil es sich unserer gängigen Wahrheit entzieht. Aber es lässt sich erfahren, wo ich meine Augen nicht vom Kreuz abwende und es am Ende im Lichte des Ostermorgens anschaue. Fürwahr, dieser Friede möge um sich greifen unter uns. Dieser Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn und Bruder.

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