Freiheit leben

Der Wunsch nach Perfektion ist überall zu spüren. Menschen wollen ohne Fehler sein. Manchmal spüre ich das, wenn ich für einen Gottesdienst ein Schuldbekenntnis vorbereite oder aussuche. Ich kann mich manchmal selbst nicht leiden, wenn ich meine Fehler sehe. Oder nach einer Besprechung, in der ich wieder einmal Dinge gesagt habe, die ich nachher bereue.

Es fällt mir schwer zuzugeben, dass ich eben nicht fehlerfrei bin, sondern manchmal verheerende Fehler mache. Eltern, die Kinder erziehen, bemerken das manchmal erschreckend an sich selber, welche Fehler sie machen, wie sie gegen die eigenen Prinzipien verstoßen – und dann ist es zweitrangig, ob sie ihr Kind antiautoritär erziehen wollen oder gewaltfrei oder nur frei von Medien- oder Computer-Einflüssen.

Wer Auto fährt und ehrlich bleibt, merkt das auch. Es ist immer leicht auf die zu schimpfen, die mir die Vorfahrt nehmen – gerade in unserer Wohngegend. Aber wenn ich an mich selber denke, wie oft ich nicht aufpasse – und schon ist es geschehen. Das belastet mich oft. Manchmal merke ich allerdings auch, dass es mich befreien kann. Wenn ich mir meine Fehler bewusst mache, dann gewinne ich an Verständnis für die Fehler anderer. Davon erzählt Paulus zwar nichts, aber vielleicht meint er das auch:

[TEXT]

Die Beschneidung, von der Paulus hier redet, ist kein Thema für uns. Sie war für die Menschen, denen Paulus hier schreibt aber schon wesentlich. Für sie war die Beschneidung das Zeichen des Bundes mit Gott. Sie war der Versuch das zu sein, was die Vorfahren auch waren. Im Grunde war sie der Versuch perfekt zu sein, den heute noch viele Menschen träumen und versuchen. Dagegen schreibt Paulus. Die Beschneidung als solche ist unwesentlich, aber der Versuch, Gottes Willen perfekt erfüllen zu wollen, erscheint ihm problematisch. Ich muss mich entscheiden, sagt er: Wenn ich zu Jesus gehöre ist Perfektionismus nicht das Ziel, sondern Liebe.

Hintergrund dieses Briefes des Apostels Paulus an die Galater ist der Rückfall der Galater in die „jüdische“ Gesetzlichkeit und Lebensart. Sie haben einiges gelernt in ihrer Zeit als gläubige Juden. Und das, was sie gelernt haben, war ihnen wie ein Geländer. Es half ihnen, ihre Leben zu meistern, nicht in die Orientierungslosigkeit zu verfallen. Dagegen gebraucht Paulus das Bild vom Sklaven, der befreit ist. Manchmal sehnt er sich vielleicht zurück nach der Sicherheit der Sklaverei, aber nun ist er frei und muss versuchen, Freiheit zu leben.

Zur Freiheit hat uns Christus befreit! Das ist der entscheidende Satz. Aber sogleich melden sich Einsprüche: Sind wir Menschen der Freiheit gewachsen? Ist die Freiheit womöglich gefährlich? SklavInnen jener Zeit haben das erfahren müssen. Es war ein jämmerliches Leben in der Sklaverei – aber es war Leben. Die Freiheit war hart in einer unsozialen Welt, die Menschen verhungern ließ. Manche Haftentlassene machen ähnliche Erfahrungen.

Oder ist die Freiheit doch unser höchstes Gut, wenn Paulus betont: "Lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!"? Und unsere Standfestigkeit? Widersteht sie nicht oft genug gerade der Freiheit? Unser ganzer Lebensstil: Widerspricht er nicht eher dem Paulus. Suchen wir nicht auch immer wieder Geländer. Gucken rechts und links: Wie benimmt man sich? Wie stimmen die anderen ab?

Ich entdecke viele Zeichen von Unfreiheit an mir und anderen. Ich habe die Freiheit das Gute zu tun, nicht, weil ich mir bei Gott etwas dabei verdienen könnte, nicht weil es himmlische Fleißkärtchen gäbe. Aus der Liebe Gottes, aus dem Erlass der Schulden folgt die Liebe und die guten Werke – allein aus Glauben! Das ist das Evangelium – das ist die Botschaft der 95 Thesen!

Ich kann stundenlang jammern über die Kirche, die den Einfluss verloren hat, die nichts mehr gilt in dieser Welt oder ich kann fragen nach dem guten Hirten, der sich über das eine Schaf mehr freut als über die 99, über den einen Sohn, der heimkommt mehr als über den, der daheim geblieben ist. Ich kann mich aufmachen, das Wort zu sagen und freuen, dass es manchmal – selten genug – auch ankommt. Das deutlichste Zeichen der Rechtfertigung finde ich auf Golgatha: Drei Kreuze – an einem hängt ein Mörder, zu dem Jesus sagt: „Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein.“ Ohne Verdienst: Das ist Rechtfertigung!

Reformationstag ist nicht nur Erinnerung an den großen 31.10.1517, sondern vor allem immer wieder neu bewusst machen: Wir sind erneuert! Wir leben aus dem Glauben der frei macht und darum können wir immer nur bitten: Erhalt uns Herr in der Liebe und in der Freiheit der Kinder Gottes.

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