Fliegen lernen (Dtn 32,10+11)

Dtn 32,10+11
[10] Er fand ihn in der Wüste, in der dürren Einöde sah er ihn. Er umfing ihn und hatte Acht auf ihn. Er behütete ihn wie seinen Augapfel. [11] Wie ein Adler ausführt seine Jungen und über ihnen schwebt, so breitete er seine Fittiche aus und nahm ihn und trug ihn auf seinen Flügeln.

Liebe N.N., lieber N.N., liebe Gemeinde,

ich möchte Euch heute morgen eine Geschichte erzählen von Jakob. Nein, nicht von dem Jakob, den ihr kennt aus dem Kindergarten und der Schule. Der Name Jakob ist aus der Bibel. Jakob war der Vater der zwölf Stämme Israels, ja, oft wird das Volk Israel als Ganzes einfach Jakob genannt. Von diesem Jakob gibt es in der Bibel einmal zwei Verse: „Gott fand Jakob hilflos in der Wüste, umlauert und umheult von wilden Tieren, da nahm er sie in seine Obhut, er schützte sie mit aller Sorgfalt wie seinen eigenen Augapfel. Ein Adler scheucht die Jungen aus dem Nest, damit sie fliegen lernen. Doch wachsam schwebt er über ihnen, und wenn eins müde wird und fällt, dann breitet er die Flügel unter ihm und fängt es auf und trägt es fort.“ Aus diesem Bild spricht eine ganze Geschichte, die ich jetzt erzählen möchte:

Jakob lebte auf einem Hühnerhof. Jakob war ein kleiner Vogel. Er wusste selbst nicht mehr, wie er unter die Menschen gekommen war, jedenfalls hatten sie ihn in den Hühnerhof gesteckt und aus Gewohnheit war er dort geblieben. So verbrachte er seine Tage mitten unter Tausenden von Hühnern, die sich den ganzen Tag um das Futter stritten und aufeinander rumhackten. Ein großer Teil war in Käfige eingesperrt, wo sie nur noch Eier legen und sich sonst kaum bewegen konnten. Es war eine kleine Welt, sehr beengt, aber zumindest war hier für Jakob alles bekannt und vertraut, und man gewöhnt sich ja an so manches. Da sah ihn Gott. Und Gott erschien als Adler. Der Adler kam angeflogen und sah dieses Vogelgefängnis, diese Vogelfabrik. Und er entdeckte darin den unglücklichen Jakob und dachte: Dieser ist doch mein Ebenbild, als Freier nicht als Gefangener geschaffen, ein Adler, der fliegt, nicht nur hackt und scharrt. Kurz entschlossen schoss der Adler wie ein Pfeil hinunter auf den Hühnerhof. Aufgeregt gackerte und sprang alles durcheinander. Schnell setzte sich der Adler den Jakob auf seinen Rücken und flog davon, hinaus aus der Stadt, hinauf auf den Berg zum Adlernest.

Erst jetzt kam der kleine Jakob wieder richtig zu sich, nachdem er sich beim Flug nur krampfhaft festgehalten hatte. Es war ihm sehr mulmig zumute, er hatte Angst. Es war doch vorher alles so klar gewesen, alles hatte seinen Platz und seine Ordnung. Sicher, sie hatten auch Probleme gehabt, z.B. die Müll- und Mistbeseitigung oder die zunehmende und krankmachende Massenproduktion in Käfigen. Aber das schien der Fortschritt in einer modernen Welt so mit sich zu bringen. Aber jetzt hier oben, was würde ihn hier erwarten? Er war unsicher, auch gegenüber den anderen Jungadlern im Nest. Wie sollte und musste er sich verhalten? Musste er sich als Neuer in dieser Adler-Gemeinde besonders fromm geben, oder immer fröhlich und stark? Bald merkte er jedoch, dass er sich hier ganz frei und natürlich bewegen konnte. Er war aufgenommen und angenommen, so wie er war, eben ein bisschen klein und schüchtern geraten. Das Adlerweibchen und das Adlermännchen schützten, umsorgten und ernährten den kleinen Jakob, so dass es ihm an nichts fehlte. Er merkte bald, dass hier manches anders war. Es zählte nicht nur die Zahl der Eier, das, was Geld brachte, wie auf dem Hühnerhof, wo zu allem Überfluss noch der Hahn den ganzen Tag herumkrähte und sich vor Stolz aufblähte. Jakob begann Gefallen an dem Leben als Adler zu finden.

Doch dann kam der Tag, an dem es passieren sollte. Die Sonne war schon aufgegangen und kündigte einen schönen Tag an. Das Adlerweibchen rief: „Raus aus dem Nest!“ Aber der kleine Jakob verkroch sich lieber noch weiter ins Nest. Vielleicht ahnte er schon, was auf ihn zukommen würde. „Raus aus dem Nest!“ rief das Adlerweibchen noch einmal, „heute lernst du fliegen!“ Jakob hatte Angst. Er war doch auch so gut durchs Leben gekommen, war anständig und fleißig. Und war er nicht noch zu jung, oder vielleicht schon zu alt? Aber keine Ausrede half. Langsam tastete er sich an dem Felsen immer weiter vor. Dabei krallt er sich mit aller Kraft am Boden fest. Dann konnte er hinunterschauen. Er sah den Wald, die Wiesen und dann die Stadt und den Hühnerhof. Und er dachte an das gemütliche Leben dort, warm und sicher, ein Dach über dem Kopf. Es fröstelte ihn plötzlich. Er legte die Flügel wieder an, wärmte sich und verkroch sich im Nest. Am nächsten Tag gingen sie weiter hinauf, so dass die Stadt und der Hühnerhof so klein waren, dass er sie nicht mehr sehen konnte. Als es aber ans Fliegen ging, meinte er den Hahn krähen zu hören, und er dachte an das Futter, das ihnen dort täglich schön kleingehackt gebracht wurde. Und gackernd und pickend stieg er wieder den Berg hinunter.

Am dritten Tag stiegen sie noch weiter hinauf. Adlerweibchen und Adlermännchen machten ihm Mut und versprachen ihm, dass er sehr glücklich werden würde, weil er erst dann sein wahres Leben finden würde. So nahmen sie ihm langsam seine Angst, indem sie ihm halfen. Das Adlermännchen setzte ihn wieder auf den Rücken und flog stellvertretend für ihn, bereitete Jakob auf die richtigen Bewegungen der Flügel vor. Das Adlerweibchen schwebte wachsam unter ihm, damit, wenn er müde würde und fallen würde, sie die Flügel ausbreiten und ihn auffangen könnte. Hoch oben flogen sie und Jakob spürte die Wärme der Sonne und die Frische des Windes. Und plötzlich stieß er einen Schrei aus – und flog.

So hatte Gott, in dieser Geschichte im Bild als Adlermännchen und Adlerweibchen, Jakob aus dem Gefängnis befreit. Er hatte ihn beschützt und gepflegt mit aller Sorgfalt, hatte ihn behütet wie seinen Augapfel. Und er hatte ihn zu den Leben geführt, das zu ihm gehörte – durch Liebe und helfendes Vorbild, hatte ihn befreit zu einem erfüllten Leben, das nicht mehr von Furcht und Angst geprägt war. Jakob, der fliegen lernte und leben lernte, hat wieder zu anderen die befreiende Botschaft weitergetragen. Jakob ist nicht nur eine Person, Jakob, das ist Israel, das Volk Gottes. Und als Gottes Menschen sind wir alle Jakobskinder, denen Gott das Fliegen, das Leben beibringt. So weit – so schön und aufregend. Die Geschichte, wie Jakob fliegen lernte, geht aber noch weiter. Einige Verse weiter heißt es: Als aber Jakob fett wurde, wurde er übermütig. Nun wird jedes Kind, das groß wird, einmal übermütig, sicher auch N.N. und N.N., das haben wir ja schon erlebt und genossen. Das ist nicht schlimm, ja sogar wichtig, die eigenen Kräfte zu spüren. Aber wenn einer hochmütig wird, nur auf seine Kraft und Stärke vertraut und damit andere unterdrückt, dann droht Absturzgefahr. Dann droht das Leben verloren zu gehen. Wo die Welt geteilt ist, die einen so fett sind, dass die anderen nichts mehr bekommen, da werden auch die Fetten fluguntauglich und stürzen ab.

Mit dem Segen der Taufe haben wir euren Kindern und euch Eltern zugesprochen, dass Gott N.N. und N.N. behüten und beschützen wird. Ihr könnt gelassen sein, eure Sorgen, die ihr immer wieder habt, brauchen euch nicht aufzehren. In der Nähe Gottes werden N.N. und N.N. zum Fliegen, zu einem wahren und sinnvollen Leben befreit. Zu einem Menschsein ohne Verkümmerung, zu einem Menschsein, in dem sie nicht aus Angst bewegungsunfähig und fett werden, sammeln und horten, sondern gelassen in der Fülle des Lebens leben können. Gott gibt euren Kindern Verantwortung für sich, die Mitmenschen und die Welt Gottes.

Diese Geschichte von Jakob, der fliegen lernte, ist ja sowohl eine Erinnerung an die Geschichte des Volkes Israel, als auch eine Verheißung für die künftige Geschichte Gottes mit seinen Menschen. Mit uns. Sie ermutigt uns, den Hühnerhof immer wieder hinter uns zu lassen, und damit auch alle bequeme Fremdversorgung auf Kosten der Freiheit und der eigenen Würde. Gott ermutigt uns, das Fliegen zu wagen, die Freiheit zu leben – den Sprung über den sicheren Rand zu tun – und wir werden erleben, dass seine Liebe und Fürsorge trägt.

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