Finden, was ich kann und soll

Jeremia 1,4-10 (2020 Berlin-Mahlsdorf und Berlin-Hellersdorf)

Unser Klassenlehrer zu Oberschulzeiten hat uns damals alle stark geprägt und entsprechend seinem Fach unser naturwissenschaftliches Verständnis sehr gefördert. Mein Entschluss, schließlich doch Theologie zu studieren und nicht wie anfangs immer gedacht Chemie, war ihm zutiefst unverständlich. Trotzdem hat er mich bis zum letzten Schultag gefördert, aber dass da, wie er meinte, ein naturwissenschaftliches Talent ungenutzt bleibt, hat ihn geärgert. Es hat Jahrzehnte gebraucht, bis wir darüber unseren Frieden machen konnten.

Wie umgehen also mit den Gaben, die uns in die Wiege gelegt wurden? Wie umgehen mit den Talenten, die Gott uns verliehen hat? Oder sind es doch nur die Gene, denen wir folgen? Völlig egal. Die eigentliche Frage ist doch, wie umgehen mit dem, was in uns steckt? Es sind Gaben, ganz zweifellos, wir machen das nicht. Wir machen das nicht, dass wir musikalisch sind oder sportlich. Wir können das nur entwickeln oder verkümmern lassen. Erwachsen uns aus solchen Gaben darum auch Aufgaben? Und gibt es gar so etwas wie ein Berufung, der man am Ende folgen muss?

Mein Vater sagte zu mir: „Junge, du hast das Zeug dazu, ich erwarte, dass du studierst.“ Er selbst hatte das aus verschiedenen Gründen nicht gekonnt, bei mir sah er die Chance. „Junge, ergreife sie und verplempere dich nicht.“ Er fügte aber auch hinzu: „Was du studierst, ist deine Sache, denn du musst dann mit deiner Berufswahl klarkommen. Nur, dass du studierst, das möchte ich.“ Er versuchte also, eine Richtung vorzugeben, nicht aber den genauen Weg festzulegen. Ich denke bis heute, in dem Punkt hatte er recht. Das eigentliche Ziel muss immer erst erkannt und der Weg dahin gefunden werden.

Im Evangelium hörten wir u.a. von dem Mann, dessen Weg darin bestand, Perlen zu sammeln, also Schönes, Vollkommenes zu finden und sich damit zu verbinden, indem er sie erwarb. Das tat er so lange, bis er die eine einzige, von nichts zu übertreffende Perle entdeckte und für deren Erwerb alles andere aufgab und sich nur noch diesem einen Ziel widmete.

Vollkommenheit, Schönheit, Reinheit, alles das verbinden wir mit einer edlen Perle, alles das sind Umschreibungen Gottes und seines Reiches. „Das Himmelreich gleicht …“ beginnt daher ganz unverwechselbar das Gleichnis Jesu.

Mit unserem Predigttext aus dem Alten Testament begegnen wir einer vergleichbaren, aber in manchem auch wieder ganz anderen Situation. Wir begegnen einem damals noch jungen Mann mit Namen Jeremia. Jeremia findet keine Perle, aber er findet, was seine Aufgabe in Zukunft sein soll, er erfährt, wozu er berufen ist.

Bei Jeremia im ersten Kapitel lesen wir:

4 Und des HERRN Wort geschah zu mir: 5 Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker. 6 Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. 7 Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. 8 Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR. 9 Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. 10 Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.

Jeremia hört Gottes Stimme. „Und des Herrn Wort geschah zu mir.“ Wie wir uns das konkret vorzustellen haben, beschreibt er nicht. Vermutlich hat er in sich hineingehört. Das tun wir ja auch, wenn wir überlegen, was wir wohl tun sollen. Und was Jeremia da hört, das erschreckt ihn zutiefst. Ganz urplötzlich begreift Jeremia, dass er nach Gottes Willen ein Prophet sein soll, ein „Künder“ wie Martin Buber das Wort und den Begriff übersetzt hat. „Ich bin doch viel zu jung, und mir fehlt jede Erfahrung“, sagt sich Jeremia. Das kann nicht gut gehen. Und so sagt er es Gott.

Aber dann hört er auch das andere: „Sage nicht: Ich bin zu jung. Sondern du sollst gehen und predigen; gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete.“ Jeremia entdeckt in dem Moment für sich eine Aufgabe, der er sich einfach nicht entziehen kann.

Aber er findet weit mehr. Er verspürt die Stärke Gottes, indem er hört: „Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten.“ Mit einem Mal ist ihm gar nicht mehr bang. Er weiß, dass Gott bei ihm ist, dass er geradezu in ihm ist, denn, so beschreibt er es, der Herr berührte seinen Mund und sprach dabei: „Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.“ Damit ist Jeremia autorisiert und als Prophet berufen.

Jeremia entdeckt in diesem Moment beides, die Gabe, die in ihm steckt, und die Aufgabe, die ihm daraus erwächst, Künder zu sein für seinen Gott.

Entdeckt er nur, was in ihm steckt? Kommen da bloß seine Gene zum Tragen? Oder ist es Gottes uranfänglicher Plan mit ihm, der da seinen Lauf nimmt?

Eigentlich ist es egal, wie wir das ausdrücken. Entscheidend ist, was da geschieht. Und in jedem Falle ermutigt Jeremias Geschichte, das je Eigene zu suchen und zu finden. Nur das bringt uns am Ende hin zu dem Schatz im Acker, zu der unbeschreiblich schönen Perle, zum lebendigen und lebenschaffenden Wort Gottes, zu Gott selbst, auch dann, wenn es dabei zwischendurch Schwierigkeiten ohne Ende geben kann.

Nein, es ist nicht immer nur beglückend und befreiend, die eigene Bestimmung zu finden und diese zu verfolgen. Das ist bekanntlich Stoff unendlich vieler Romane und Filme. Auch bei Jeremia ist das so. Ein paar Kapitel später hält Jeremia Gott mit sehr drastischen Worten vor, dass der ihn betrogen habe, dass Gott Hilfe und Nähe versprochen und nichts davon gehalten habe.

Aber – und das gehört eben auch zu der ganzen Geschichte – dieser Jeremia hat an seiner Bestimmung und der damit verbundenen Hoffnung doch festgehalten, für sich persönlich und für sein Volk. Als in seinem Lande alles den Bach runter ging, hat er noch einen Acker gekauft, also so gehandelt, wie viel, viel später einmal Luther das mit dem Apfelbäumchen meinte, das er noch pflanzen wollte, auch wenn der Jüngste Tag unmittelbar bevor stünde. Einen Acker kaufen, wenn das scheinbar keinen Sinn mehr hat, das ist Jeremia. Und für sein von eigener Schuld und fremden Gewalten gebeuteltes Volk weiß dieser Jeremia von einem neuen Bund mit Gott zu reden, der in die Zukunft weist.

Jeremia fand seine Berufung. Er blieb ihr treu durch Höhen und Tiefen, vermutlich waren es mehr Tiefen als Höhen. Sein Ende ist unbekannt und gibt Raum für Spekulationen. Ich denke aber, dass der, der im Wirrwarr den Acker kaufte und in der Katastrophe vom neuen Bund wusste, auch am Ende mit Gott im Reinen war.

Und wir, haben wir unsere Bestimmung schon gefunden, Gabe und Aufgabe zugleich? Oder gibt es doch immer wieder noch etwas zu ergänzen, neu zu ordnen? Egal, was immer wir entdecken, wir werden dabei nichts finden als das, was längst für uns bereitet und gut für uns ist und was wir selber sind, denn Gott sagt nicht nur zu Jeremia: Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete. Im Vertrauen darauf können wir getrost unseren Weg weiter gehen. Amen.

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