Es wird sich nach Kraft anfühlen

[Methodik: Die Dialogpredigt entstand als e-mail-Predigt zwischen zwei Pfrarrern in einem völlig offenen Gestaltungs-Prozess. Am Anfang war nicht klar, wo der Weg hinführen würde. Sie startete mit einer Eröffnung durch Pfr. Braukmann, auf die Pfr. Born / Hamm reagiert. Dieser Faden wurde aufgegriffen und dann durch Pfr. Born abgeschlossen.]

MB: Also, Edgar, ich bin hängen geblieben bei deiner Frage danach, wer denn eigentlich festlegt, was stark oder schwach oder wer stark oder schwach ist – alles relativ.

EB: Alles relativ. Es wird sich kaum ein stichhaltiges Kriterium dafür finden, was man als stark oder schwach bezeichnen kann.

MB: Eines allerdings ist mir im Nachdenken über deine Worte noch einmal ganz deutlich geworden, dass sich unsere Gesellschaft immer stärker aufspaltet in Stark und Schwach; oder sei es auch nur vermeintlich stark und vermeintlich schwach.

EB: Den Eindruck habe ich auch. Unsere moderne Konfliktgesellschaft differenziert sich immer stärker aus. Nicht nur in schwach und stark, auch in reich und arm, krank und gesund, jung und alt, mit und ohne Migrationshintergrund, und und und.

MB: Das Schlimme daran ist für mich, dass diese Einteilungen nicht etwa nur ein Phänomen unter Erwachsenen ist, sondern voll schon bei den jungen Leuten, – z.B. bei meinen Konfis – durchschlägt.

EB: Lass hören.

MB: Da lesen wir neulich einen Bibeltext im Unterricht und da meint doch einer der Konfis: Ach, ihr von der Hauptschule, ihr seid doch alle Opfer.

EB: Echt?

MB: Das war jetzt kein Spruch von Robert Geissen zu seiner farbigen Putzfrau, sondern von Jugendlichen, die seit der Grundschulzeit zusammen sind. Das haut einen doch um. Da wird eiskalt und knallhart eingeteilt, wer stark oder schwach ist.

EB: Und dann komm ich mit der Jahreslosung daher als echten Hammer: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

MB: Ich habe mir den Text mal in der Bibel gesucht. Da heißt es doch tatsächlich: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

EB: Und davor steht schlicht: Und er (Christus) hat zu mir gesagt…

MB: Ich stelle mir gerade vor, wie ich in den nächsten Tagen bei Besuchen auf ganz unterschiedliche Menschen treffe und ihnen beispielsweise von der Jahreslosung erzähle. Da kriegt man ja Schweißausbrüche. Wie sage ich das der alleinerziehenden Mutter, dem Mann, der mit Hartz IV seine Familie durchbringen muss? Oder dem Langzeitarbeitslosen? Oder der MS-Kranken, deren Leben sich Stückchen für Stückchen immer mehr verengt? Da sitzt ein älterer Mann vor mir, den Tränen nahe, weil er innerlich an seiner zunehmenden Schwachheit zerbricht. Früher ein starker Mann und heute ein Häufchen Elend. Und dem soll ich dann sagen: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

EB: Das ist in der Tat die Nagelprobe für die Jahreslosung.

MB: Meine Frage, die mich umtreibt: Wie kommt ein solches Bibelwort bei diesen Menschen an? Wenn ich dieses Wort im Munde führe, dann klingt es doch nach purem Zynismus und blanken Hohn, oder? Da komme ich mir vor wie der Konfi, der zu seiner Kameradin sagt: du Opfer. Also mir verschlägt es die Sprache.

EB: Was schon deutlich wird: als Trostpflaster für alle Gelegenheiten eignet sich die Jahreslosung wirklich nicht.
Ich spüre auch, wie ernst es Dir mit dieser Frage ist. Und sie ist ganz gewiss eine der stärksten Herausforderungen unseres Berufstandes überhaupt. Wie kommt ein Bibelwort bei einem Menschen an?
Ich versuche eine Antwort oder zuerst eine suchende und tastende Frage zu geben – ohne schon zweifellos gewiss die Antwort zu kennen. Muss jedes Bibelwort zu jeder Zeit allen Menschen gehören und sie ansprechen? Kann es sein, dass dieses Bibelwort womöglich wirklich dem alten, gebrechlichen Mann, der an seiner zunehmenden Schwäche leidet, gar nicht zuerst gehört und deshalb auch nicht zu schnell gesagt werden muss?

MB: Wie meinst Du das?

EB: Dass es in einem Gespräch mit ihm vielleicht vor allem darum gehen müsste, mit ihm zu schauen: was kann ich eigentlich? Welche Ressourcen sind da und stehen mir zur Verfügung oder kann ich sogar erst entdecken? Das würde sicher weit mehr stärken und ermutigen als mit diesem fremd anmutenden Bibelwort zu kommen, das sich in dieser Situation mehr nach Beschwichtigung und damit nach Entmutigung anhört als sich nach Kraft anfühlt.
Anders gefragt: kann es sein, dass es zunächst erst einmal wirklich nur dem Paulus gehört; es sein Wort ist.
Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter. Dieses Bibelwort ist in jedem Falle erst einmal als Wort Jesu an Paulus in Schutz zu nehmen vor aller leichtfertigen Verwertung durch übereifrige Prediger. Denn deren Kunstgriff sieht in der Regel so aus, dass sie den Zuhörer schwach predigen, weil sie meinen, dann würde das Wort von der Kraft Jesu, die in den Schwachen mächtig ist, umso heller leuchten können.

MB: Das kommt mir irgendwie bekannt vor. Da hat man als Zuhörer fast ein schlechtes Gewissen, wenn man sich nicht als schwach empfindet.

EB: Genau. Wer sich stark fühlt, im Saft steht, der soll das ohne schlechtes Gewissen dankbar empfinden dürfen. Mehr noch. Keiner muss sich einen Schuh anziehen, der ihm nicht passt. Sei deiner Kraft gewiss und freu dich dran! Sei dankbar für deine ungestüme Jugend, deine strotzende Gesundheit, deine erfüllende Arbeit. Freu dich an deinen reichlichen Begabungen. Auch darin ist Christus mächtig unter uns.

MB: Also – wenn ich dich richtig verstehe – nicht zuerst nach der Verwertbarkeit der Jahreslosung fragen, sondern zuerst die Frage: was hat sie Paulus bedeutet?

EB: Ja, unbedingt. Zuerst Paulus. Bei ihm möchte ich verweilen und ihm zuhören. Nicht mal bei mir mit meiner Befindlichkeit, sondern wirklich bei ihm, bei Bruder Paulus. Das hat mit erwachsenem, emanzipierten Umgang mit der Bibel zu tun. Also die Frage: Wie es dazu gekommen ist, dass ihm gerade dieses Bibelwort als persönliches Wort Jesu zuteilwurde. Denn bei ihm fühlt es sich wirklich nach Kraft an.

MB: Was mir aufgefallen ist: Paulus ist ja ansonsten keine „Heulsuse“, aber im 2. Korintherbrief ergeht er sich über 3 Kapitel über die Leiden und Mühen des Apostelamtes. Von wegen Erfolg um Erfolg, Vorteil um Vorteil, was da beschrieben wird.

EB: Eher das Gegenteil, nicht wahr? Zweifel, Anfeindungen, Anfechtungen und Niederlagen. Und das, was er den Pfahl im Fleisch nennt. Er schreibt: Und damit ich mich nicht überhebe mit all meinen Erkenntnissen und Offenbarungen, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe.

MB: Und genau wegen dieses Pfahls im Fleisch, dieser Schläge von Satans Engel, hat er dreimal inständig seinen Herrn gebeten, dass das aufhört. „Dass er von mir weiche“.

EB: Und? Hat‘s geklappt?

MB: Nee. Eben nicht. Stattdessen hat er zu ihm gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.

EB: Hast Du eine Ahnung, was er mit Pfahl im Fleisch meint?

MB: Wahrscheinlich war das wohl eine Depression, aber so genau weiß man das nicht. Statt über die Krankheit zu mutmaßen, möchte ich zunächst noch kurz bei der Situation des Paulus bleiben. Worum geht es denn in der konkreten Situation in Korinth? Vielleicht erschließt dann auch, warum Paulus zu solchen Aussagen kommt.

EB: Den Anspruch, sagen zu können, was denn wirklichen, echten und tiefen Glauben ausmacht, gibt es nicht nur im Siegerland, sondern schon damals in Korinth. Es ist wohl so gewesen, dass andere Gemeindeglieder und führende Köpfe der Gemeinde Paulus vorhalten, sein Glaube, seine Erkenntnis und seine Predigt seien doch ziemlich stümperhaft. Ihre Visionen und Erkenntnisse hätten sie Dimensionen des Glaubens schauen lassen, von denen er nicht mal eine Ahnung hat. Und mit eben diesem Mangel an visionären Glaubenserfahrungen stellen sie zugleich das Apostelamt des Paulus in Frage.

MB: Ja, damit hört sich das ja schon ganz anders an. Paulus predigt das Kreuz Jesu Christi und die anderen reden von Himmelsvisionen. Das kann ja nicht zusammenkommen. Da muss es ja Streit geben.

EB: Genau, die Rede des Paulus ist so was wie eine trotzige Reaktion. Zwar zählt er munter auf, was er alles besser und mehr getan hat als seine Konkurrenten. Dann aber bringt er seine Erfahrungen mit dem eigenen Gebrochensein und seiner Begrenztheiten ins Spiel und wendet sie als wirkliches Gegenargument an. Dann kann er nämlich von Jesus sprechen, der in den Unvollkommenen, den Unfertigen, den Gebrochenen mächtig ist. Am Ende geht es ihm darum, nicht sich, sondern Jesus groß zu beschreiben – ohne sich künstlich klein zu reden.

MB: Genau in diese Richtung würde dann auch die Übersetzung dieser Bibelstelle in der Zürcher Bibel zielen: „Meine Kraft findet ihre Vollendung am Ort der Schwachheit“.

EB: Bisschen gestelzt, aber trifft. Das könnte ja fast ein Satz aus der Weihnachtsgeschichte sein. Der große Gott ganz klein als Baby. Also bleibt sich Paulus auch hier ganz seiner Theologie treu, dass sich Gottes Herrlichkeit am Ort der Schwachheit vollendet; in der Krippe und am Kreuz.

MB: Wenn ich die Jahreslosung im Kontext von Weihnachten deute, dann bekommt sie einen ganz neuen Sinn. Dann geht es um eine theologische Aussage und eben nicht primär um die Befindlichkeit des Paulus. Ich höre mal die Jahreslosung mit den Ohren der Hirten und Sterndeuter. Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft findet ihre Vollendung am Ort der Schwachheit. Dann sind die Sterndeuter also nicht tausende Kilometer umsonst durch die Wüste gelaufen, sondern in dem Kind vollendet sich Gottes Macht und Stärke. Dann zeigt sich Gottes Stärke in der Ohnmacht.

EB: In einem Gedicht, das Lothar Zenetti, ein dichtender Kollege von uns, über die Kurzfassung der Weihnachtsgeschichte nach dem Johannesevangelium gemacht hat, nämlich über den Satz: Das Wort wird Fleisch, heißt es unter anderem: Allmacht wird Ohnmacht. Sagenhafter Satz! Allmacht wird Ohnmacht.

MB: Anders gesagt: Gott entscheidet sich beim Kommen seines Sohnes für eine radikale Variante. Nicht glorreiches Erscheinen, nicht sich durchsetzendes Auftreten, keine donnernden Worte, nicht Palast sondern Stall. Nicht Allmacht sondern Ohnmacht ist sein Weg. Das Kind in der Krippe und der Fußgänger aus Nazareth, selbst der Gekreuzigte leistet nur das Wesentliche: er lässt die Menschen nicht allein. Er teilt ihr Schicksal, geht ihren Weg mit bis zum äußersten, tiefsten Punkt.

EB: Manchmal, wenn wir in echten Schwierigkeiten stecken, hilft nicht die alles lösende Problembehandlung, die wir uns ersehnen, sondern die existenzielle Erfahrung, schlicht nicht allein zu sein. Und genau das leistet Jesus: dem Paulus, der mit seinem Pfahl im Fleisch hadert und dabei sich von anderen hoffnungslos isoliert hat. Und dieses ‚Nicht allein lassen‘ schafft einen heilsamen Freiraum, in dem heilen kann, was verwundet ist, in dem Kraft zum Aushalten und Durchhalten und Neu-anfangen wirksam wird.
Ob wir im Laufe des neuen Jahres Erfolge feiern oder Niederlagen einstecken: er wird uns nicht allein lassen. Und diese Nähe wird uns Kraft geben, uns wohltuend verwandeln.

MB: Diese Präsenz Jesu möchte ich mitnehmen in die Besuche bei dem alten, sich schwach wähnenden Mann. Zu der alleinerziehenden Mutter. Zum Hartz IV Empfänger, zum Langzeitarbeitslosen, aber auch zum Abiturienten, der es geschafft hat; zum Hochzeitspaar, das sein Glück kaum fassen kann. Und die möchte ich auch für mich selbst in Anspruch nehmen.

EB: Und wir werden es spüren in Kraft wie in Schwachheit: es wird sich nach Kraft anfühlen, weil er da ist, mein Heiland. Mehr braucht‘s vorerst nicht.

Amen.

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