Es lohnt sich! (1. Tim 6,11b-16)

1. Tim 6,11b-16
[11b] Jage aber nach der Gerechtigkeit, der Frömmigkeit, dem Glauben, der Liebe, der Geduld, der Sanftmut! [12] Kämpfe den guten Kampf des Glaubens; ergreife das ewige Leben, wozu du berufen bist und bekannt hast das gute Bekenntnis vor vielen Zeugen. [13] Ich gebiete dir vor Gott, der alle Dinge lebendig macht, und vor Christus Jesus, der unter Pontius Pilatus bezeugt hat das gute Bekenntnis, [14] daß du das Gebot unbefleckt, untadelig haltest bis zur Erscheinung unseres Herrn Jesus Christus, [15] welche uns zeigen wird zu seiner Zeit der Selige und allein Gewaltige, der König aller Könige und Herr aller Herren, [16] der allein Unsterblichkeit hat, der da wohnt in einem Licht, zu dem niemand kommen kann, den kein Mensch gesehen hat noch sehen kann. Dem sei Ehre und ewige Macht! Amen.

Liebe Konfirmanden, liebe Gemeinde!

Der Philosoph Friedrich Nietzsche hat einmal behauptet: „Wir würden uns für unsere Meinung nicht verbrennen lassen. Wir sind ihrer nicht so sicher.“ Oh ja, das ist ein kluger Spruch! Was entstehen nicht alles für Streitigkeiten aus Meinungsverschiedenheit?! Habe ich keine Meinung – brauche ich mich auch nicht streiten. Es ist bequemer. Viel bequemer. Es ist ein Weg des geringsten Widerstandes. Solange ich keine eigene Meinung habe, brauche ich mich auch nirgends einzumischen. Engagement ist anstrengend. Da ist mir die Unverbindlichkeit schon lieber. Wie der Wind gerade weht … mal sag ich so, mal so, hauptsache, ich trete niemand auf die Füße, dann lassen mich auch die anderen in Ruhe. Dann brauche ich keine unangenehmen Fragen beantworten; dann brauche ich keine Angst zu haben, dass mir die Argumente ausgehen könnten; oder dass ich nachgeben müsste; oder dass ich mich dauernd mit irgendwelchen Rechthabern herumzanken muss. Außerdem: wenn ich mich auf etwas festlege, dann könnte ich mir ja die Finger daran verbrennen. Dann könnten mich die anderen angreifen. Sie könnten den Kopf über mich schütteln, mich am Ende nicht mehr mögen. Nein, nein, da ist es schon besser, ich habe keine eigene Meinung und rede den anderen nach dem Mund. Aber ist es uns dieser Weg des geringsten Widerstandes wirklich wert, dass wir uns austauschbar machen? Dass wir ohne Profil herumlaufen, ohne Kontur? Dass wir wie ein Tröpfchen Wasser im Strom der Masse schwimmen und unerkannt und ungesehen ins große weite Meer abtauchen? In der Masse verliert sich die einzelne Spur. Und selbst wenn doch noch einer Interesse an uns hätte – einem einzelnen Wassertropfen im Meer wird keiner folgen. Das ist ziemlich uninteressant, denn schließlich ist da ja genug Wasser, da kommt es auf ein Tröpfchen nicht an. Natürlich gehen wir vielen Unannehmlichkeiten aus dem Weg, solange wir keine Meinung haben. Aber wir würden schnell einsam werden. Ist es uns das wert? Auf der anderen Seite ist diese Art der Unverbindlichkeit auch ziemlich egoistisch – wenn ich mich aus allem raushal-te, wenn mir jedes Engagement zu anstrengend ist, wenn es sich für nichts lohnt zu kämpfen. Was denkst du zur Reform der Krankenkassen? – ist mir wurscht. Was denkst du zum Ausstieg aus der Atomenergie? – ist mir wurscht. Was denkst du zum Umbau der gefährlichen Kreuzungen an der Freystädter Umgehung? – ist mir wurscht. Was denkst du …? – ist mir alles wurscht, solange es mich nicht betrifft. Was gehen mich die anderen an? Sollen selber schauen wie sie zurechtkommen. Ist es wirklich das, was wir für unsere Welt wollen?

Dabei ist es doch vielmehr so: unser Menschsein entscheidet sich an dem, wofür wir stehen. Wir werden interessant für die anderen, weil sie wissen wollen, woher wir unsere Meinung haben, warum wir hierzu und dazu stehen, warum uns gerade dies und das wichtig ist, wozu wir gerade um diese oder jene Sache kämpfen. Wir werden bewundert für unser Engagement – oder auch nicht, kann ja sein. Auf jeden Fall laufen wir nicht blind irgendwem oder -was hinterher, nur weil es alle anderen tun. Sich eine eigene Meinung bilden: sich genau überlegen, pro oder contra, was will ich, dafür oder dagegen. Sich festlegen. Für etwas kämpfen. – Sich zu etwas bekennen. Bekenntnisse, meint ihr, gibt es in der Kirche. Der Luther hat sich ‚mal hingestellt und vor dem deutschen Reichstag etwas bekannt: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders!“ Es ging ihm um den Glauben an Gott. Er bekannte sich zu Gott, mit dem nach seiner Meinung die damalige Kirche nichts mehr zu tun hatte. Aber das ist ja auch schon fast 500 Jahre her. Bekenntnisse sind „out“, sind überholt, sind unmodern … – wobei wir wieder am Anfang der Predigt wären: „Wer würde sich schon für seine Meinung verbrennen lassen? Wir sind uns doch ihrer nie so sicher.“ Bekenntnis: ich bekenne mich zu etwas. Ich stehe zu etwas. Und ich übernehme dafür die Verantwortung.

Ihr, liebe Konfirmanden, werdet heute vor Zeugen das Bekenntnis zu Gott aussprechen. Und was bekennt ihr da? Einfach einen Glaubenssatz nachsprechen, den ihr für wahr halten wollt? Das ist zu wenig! Das ist – ehrlich gesagt – gar kein Bekenntnis. Zumindest kein richtiges. Weil sagen kann ich viel. Davon wird noch lange nicht deutlich, dass ich eine eigene Meinung habe und zu ihr stehe. Wenn die Gemeinde zum Gottesdienst zusammenkommt, wenn Eltern ihre Kinder zur Taufe bringen, wenn die Ehe unter Gottes Segen geschlossen wird, wenn wir Tote christlich bestatten, dann ist das alles ein Bekenntnis zu Jesus Christus – auch wenn es auf den ersten Blick vielleicht gar nicht so aussieht, weil es „selbstverständlich“ ist. Wenn sich Martin Luther King gewaltlos für die Rechte der Farbigen einsetzt, wenn Dietrich Bonhoeffer das Unrecht der Nazis sogar im KZ noch als unchristlich anprangert, wenn irgendjemand in seiner Umgebung seinen Mitmenschen seine Hilfe anbietet und sich für andere einsetzt, dann ist das alles ein Bekenntnis. Das Bekenntnis zu Jesus Christus geschieht hier einfach durch ein bestimmtes Verhalten. Durch mein Tun, nicht durch mein Reden wird deutlich, wozu ich stehe. Ihr bekennt euch zu Jesus Christus. Das bedeutet, ihr stimmt dem zu, wie Gott sich die Welt vorstellt. Und dazu gehört, dass man sich bemüht es auch umzusetzen, so gut man kann. Da kann zum Beispiel ein Bekenntnis lauten: Ich finde es gut, wie sich Jesus den Menschen angenommen hat, die ungerecht behandelt wurden. Deshalb will ich mich auch um solche Menschen kümmern. Wie das dann genau aussieht, ist wieder eine Sache der eigenen Meinung: ob ich mich dann berufsmäßig damit auseinandersetze, oder ob ich mich in meiner Freizeit bei Amnesty International engagiere. Oder: ich finde es gut, dass Gott uns durch Jesus Christus unsere Schuld vergeben hat, unsere großen und kleinen, offenen und geheimen Fehler und Unzulänglichkeiten. Deshalb will ich auch anderen Menschen vergeben.

Oh, es gibt Tausende solcher Beispiele: ich mache Zivildienst, weil Christus die Gewaltlosigkeit verkündet hat; ich gehe in die Politik, weil ich christliche Maßstäbe in unserem Land durchsetzen will; ich gestalte das Zusammenleben mit meinen Freunden, Nachbarn und Verwandten nach den Grundsätzen der Nächstenliebe; ich will aktiv an der Welt mitgestalten, weil Gott will, dass wir die Welt bebauen und bewahren, Zeichen setzen für Umweltschutz, mit dem Fahrrad statt mit dem Moped in der Ortschaft herumdüsen; usw. Die eigene Meinung ist wichtig. Und wenn keiner drauf hört, muss man umso lauter rufen. Wir brauchen etwas, das uns ein Profil gibt, das uns nicht mit jedem Beliebigen austauschbar macht. Eure Spur soll sich nicht in der Masse der Vielen verlieren, nur damit ihr nirgends aneckt. „Kämpfe den guten Kampf des Glaubens; ergreife das ewige Leben, wozu du berufen bist und bekannt hast das gute Bekenntnis vor vielen Zeugen“, so heißt’s im Predigttext. Und er macht uns gleich einen Vorschlag, wie das funktioniert: das Gebot Gottes im Namen Christi unbefleckt halten. Und wie geht das? Wenn ich sage: „Ich bin ein Sulzkirchener, oder Oberndorfer, oder Freystädter, oder …“, dann sage ich ja damit nichts über meine Leistung oder dass ich etwas Besonderes wäre, sondern, dass ich eben dort lebe, dass ich mich diesem Ort verbunden weiß und zu ihm gehöre.

Wenn ich mich dazu bekenne, ein Christ zu sein in der Nachfolge Jesu, dann will ich mir nicht anmaßen ich würde die Gebote Christi vorbildlich und perfekt befolgen. Sondern ich nenne mich einen Christen, weil ich mich Christus verbunden weiß und zu ihm gehöre und weil ich mich entsprechend verhalten will. Das kostet sicher manche Kraft und manche Nerven. Aber es lohnt sich. Denn der gute, gewaltlose Kampf im Namen Christi gibt Hoffnung. Hoffnung auf eine bessere Welt, Hoffnung für das eigene Selbstbewusstsein und Hoffnung darauf, dass ich getragen werde in schlechten Zeiten. Der 1.Petrusbrief umschreibt das so: Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist. Ihr bekennt heute eueren Glauben zu Jesus Christus. Ich wünsche euch, dass diesen Worten Taten folgen, dass ihr in eurem Leben eure eigene Meinung findet und sie umsetzen könnt. Ich wünsche euch Kraft und Erfolg bei eurem guten Kampf des Glaubens, und viele Menschen, die euch dabei unterstützen. Damit in der Welt durch euch das gute Licht Christi leuchtet.

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