Es liegt nicht nur in Gottes Hand

(Entstanden unter Zuhilfenahme der Predigtmeditation von Christina Costanza und Detlef Dieckmann, in GPM, 2. Reihe, Göttingen 2019, S. 119ff.
Feuerwehrmannbericht aus der Zeit vom 13. Januar 2020, https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2020-01/feuer-australien-bewohner-wildfeuer-buschbraende-betroffene)

„Ich war drei Tage lang in der Kleinstadt Batlow im Südosten Australiens im Einsatz. Zunächst hatten wir mit den Löscharbeiten in den Wäldern und Feldern rund um Batlow begonnen. Wir kümmerten uns um die Buschfeuer und überprüften die Kontrolllinien. Das sind Flächen mit wenig brennbaren Pflanzen, die verhindern sollen, dass sich das Feuer ausbreitet. Am zweiten Tag wurden wir dann gewarnt, dass auch die Stadt in Gefahr sei. Plötzlich ging alles ganz schnell. Erst brannten die Felder, dann flogen glühende Äste bis in den Ort hinein. Das Feuer kam immer näher. Es wurde sehr hektisch, unglaublich dicker Rauch umzingelte uns, wir konnten nicht weiter als fünf Meter sehen. Als ich den Feuerwehrwagen startete und losfuhr, konnte ich die Straße kaum erkennen. Ich wusste nicht, ob ich gleich gegen ein anderes Fahrzeug stoße. Zeitweise war es wie in einem Kriegsgebiet.“

Ob ganz Australien trauert, weiß ich nicht. Mir jedenfalls setzen die Bilder zu, die mich seit Wochen um meinen wohlverdienten Feierabend bringen, weil sie mir zu schaffen machen. Irgendwann ist auch mal gut, denke ich, aber im nächsten Augenblick weiß ich es besser: Nichts ist gut.
Häuser dem erdbodengleich. Noch steigt rauch aus den Trümmern auf. Städte liegen am Boden, sind so zerstört wie die Träume der Menschen, die darin gelebt haben.
Traurige Blicke fassen nicht, was hier geschehen ist.
Andere, sichtbar mutigere Menschen als ich, retten Koalas vor dem Feuer.
Und wenn das vorbei gezogen ist, bleibt eine zerstörte Welt zurück.
Der innere Zustand der Menschen, die das Fernsehteam filmt, ist wohl ähnlich dem der verbrannten Landschaft: Alles ist leer und öde.
Es fehlt Regen. So schlimm war es noch nie, sagen alle Experten.
Und dazu die bange Frage: Sind die anhaltende Trockenheit und der ausbleibende Regen Zeichen dafür, dass der Mensch falsch gehandelt hat?!

3 Und ihre Mächtigen schicken ihre Diener nach Wasser, sie kommen zu den Zisternen, sie finden kein Wasser, sie kehren zurück, ihre Krüge sind leer, sie stehen in Schande und sind beschämt und verhüllen ihr Haupt.
4 Wegen des Ackers voller Risse, weil kein Regen auf das Land fiel, stehen die Landarbeiter in Schande da, haben sie ihr Haupt verhüllt.
Das sind Worte des Propheten Jeremia.
Er beschreibt eine Naturkatastrophe lange vor unserer Zeit. Menschen und Tiere einst so verzweifelt wie heute in Australien.
Und gleichzeitig kein rettendes Eingreifen Gottes.
Es gibt nur noch brackige Tümpel.
Diener finden kein sauberes Wasser mehr und kehren mit leeren Krügen zurück.
Angesichts dieser gottfernen Lage sind die Menschen mit Schrecken erfüllt.
Unter das Erschrecken mischt sich Scham, weil auch die Bauern ihre Familien nicht mehr ernähren können.
Sind die Hungersnot und die Trockenheit ein Zeichen Gottes für ihr falsches Handeln?

5 Sogar die Hirschkuh auf dem Feld: Sie verlässt das Junge, das sie geworfen hat, denn da ist kein Gras.
Der Esel bekommt keine Luft, die treusorgende Hirschkuh ist verzweifelt, das Gras ist verdorrt: Die Erde entwickelt sich zurück zu dem lebensfeindlichen Chaos vom Anfang. Und alle, vom Bauer bis zur herrschenden Klasse, wissen woran das liegt. „Wohlgemerkt: Was sich in diesen Versen des Propheten Jeremia wie eine Klage des Volkes liest, spricht Gott. Gott klagt den Zustand der Schöpfung an.“ Warum er? Hat denn das Volk den Ernst der Lage nicht begriffen?

Das Volk hat einen anderen Weg gewählt: Es ruft Gott an, in der Hoffnung, er möge rettend eingreifen. Die Menschen erkennen wohl, dass die eigene Schuld schwer wiegt, aber sie hoffen eben auch auf das rettende Handeln Gottes. Darum fordern die Menschen ihn auf, sich dem Volk bitte wieder zuzuwenden. Wäre es nicht anders besser?
Sollten nicht die Menschen sich ändern und sich wieder Gott zuwenden?

8 Du, Hoffnung Israels, sein Retter in der Zeit der Not! Warum bist du wie ein Fremder im Land und wie ein Wanderer, der einkehrt, nur um zu übernachten?
9 Warum bist du wie ein Hilfloser, wie ein Held, der nicht helfen kann? Du bist doch in unserer Mitte, HERR, und dein Name ist ausgerufen über uns! Verlass uns nicht!
Das ist zutiefst Menschlich, aber ebenso Fatal: Die Betroffenen wenden sich voller Vertrauen an die nächsthöhere Instanz, bringen ihre Ängste und Hoffnungen vor Gott, aber übersehen dabei doch ihre eigene Verantwortung. Der Zusammenhang zwischen dem eigenen Verhalten und dem Zustand der Welt wird nicht gesehen.
Immerhin: Die Menschen bitten Gott auch darum, er möge sie nicht in Ruhe lassen. Und Gott wird sich daran halten, er wird seine Menschen, sein Volk nicht in Ruhe lassen. Und zwar so lange nicht, bis die Menschen umkehren. Gott wird seine Menschen nicht verlassen, weil er immer noch daran glaubt, dass sich der Mensch ändern kann; „dass der Schrecken und die Scham das Verhalten ändern können.“
Mehr Hoffnung gibt es auch heute nicht.

Was der Feuerwehrmann zu Beginn geschildert hat, findet sein Echo in vielen anderen aktuellen Berichten aus den betroffenen Regionen in Australien: Tennismatches müssen abgebrochen werden, weil keine Luft mehr zum Atmen da ist, Menschen schlafen in ihren Autos aus Angst vor dem Feuer. Eltern wissen nicht, wie sie ihren Kindern erklären sollen, was hier gerade geschieht.
Was bleibt ist die Frage, wie kann man das verhindern? Kann man das überhaupt? Wie wollen wir vorgehen?

Der Planet auf dem wir leben stirbt. „66 Millionen Jahre der Anpassung und Artenentstehung“ sind mehr als nur bedroht. Solange sich aber nur Einzelne von uns verantwortlich fühlen und nur ein paar von uns den Klimawandel mit all seinen Folgen für die Natur persönlich nehmen, solange das so ist, wird es nichts mit der Rettung und Bewahrung unserer Erde. Alleine wird man es nicht schaffen, diese Welt zu retten. Denn schon jetzt gilt, was bis heute verloren ist, ist unwiederbringlich verloren.
Die Zeit zu handeln ist jetzt.

Und bevor mich manche absichtlich missverstehen, ich rede keiner „links-grünen-Agenda“ das Wort und ich bin auch nicht Teil der sogenannten „Klimahysterie“. Ich weiß davon, dass die Menschheit einen uralten Auftrag zur Bewahrung der Schöpfung hat! Dieser Auftrag ist nicht parteipolitisch gebunden, sondern geht uns alle an.

„Der biblische Text führt die Dürrekatastrophe auf die Schuld des von Gott abweichenden Volkes zurück, in anderer Weise, aber genauso deutlich tritt in den gegenwärtigen medialen Darstellungen des Klimawandels die Schuld des Menschen zutage.“ Dabei gilt immer mit Blick auf die Einzelne, dass es immer um Schuld und Schicksal, Verantwortlichkeit und Verstrickung geht.
„Aber die Zeiten sind vorbei, in denen das Menschengemachte des Klimawandels überblendet werden konnte durch den Verweis auf natürliche Entwicklungen.“ Oder durch stumpfe Beschwichtigungen: Die Bewahrung der Schöpfung, der Erhalt dieser Welt liegt nicht nur in Gottes Händen. Wir haben unseren Teil dazu beizutragen.
Schon Jeremia nervt es gewaltig, dass das Volk sich das nicht eingestehen will; aber ohne Verhaltensänderung kommt keiner davon, weder damals noch heute. Wir können unseren Teil der Verantwortlichkeit nicht abgeben, auch nicht an Gott.

Die Berichte des Propheten Jeremia und des Feuerwehrmanns sind gewiss schonungslose Bestandsaufnahmen dessen, was passiert ist und was jetzt passiert: „Sie wecken keine falsche Hoffnung“ und beschönigen nichts: So schlimm wird’s schon nicht sein. Doch so schlimm ist es, ganz genau. Und darüber gilt es zu klagen, mit Gott, dem Volk, den Australiern und allen anderen durch den Klimawandel betroffenen Menschen. Und das hat seinen Platz in unseren Gottesdiensten, denn wo sonst sollte ich meine Ohnmacht, meine Wut, meine Schuld abladen, wenn nicht hier, vor Gott.

Hoffentlich schreckt der Bericht des Feuerwehrmanns das Volk genauso auf, wie es der von Jeremia tut. Und darin liegt die Botschaft dieser Predigt: Die ungeschönte Wahrnehmung soll mit dazu beitragen, neue Wege zu suchen, aber nicht in Resignation und Verzweiflung zu verfallen.

Die einfache Zuflucht zum Retter-Gott, der die von uns verursachten Schäden repariert, ist versperrt. Es wird Zeit, dass sich das Volk ändert. Und wenn das Volk zu Gott ruft: Verlass uns nicht! sagt Gott, „ich verlasse euch nicht, aber ich lasse euch auch nicht in Ruhe. Nein, ich versetze euch in Unruhe und will, dass in euch die Sehnsucht nach Veränderung wächst!“
Gott weiß: Es gibt keinen Raum mehr für Kompromisse. Wir alle müssen diese Welt verändern.
AMEN!

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