Es kam ein Engel vom Himmel und stärkte ihn (Lk 22,39.41-43)

Lk 22,39.41-43
[39] Und er ging nach seiner Gewohnheit hinaus an den Ölberg. Es folgten ihm aber auch die Jünger. [ … ] [41] Und er riss sich von ihnen los, etwa einen Steinwurf weit, und kniete nieder, betete [42] und sprach: Vater, willst du, so nimm diesen Kelch von mir; doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe! [43] Es erschien ihm aber ein Engel vom Himmel und stärkte ihn.

[Tod eines 38jährigen Mannes durch unverschuldeten Unfall]

Wir sind hier zusammengekommen um von N.N. Abschied zu nehmen. In unsere Trauer hinein wollen Worte der Heiligen Schrift sprechen, wie sie aufgeschrieben sind in der Leidensgeschichte Jesu bei Lukas im 22. Kapitel (39,41-43):

[TEXT]

Liebe Angehörige, liebe Trauergemeinde, es fällt uns heute allen schwer überhaupt Worte zu finden. Denn das ist ganz unbegreiflich, dass wir heute für immer von N.N. Abschied nehmen müssen, der am vergangenen Samstag bei einem tragischen Autounfall ums Leben kam, für den plausible Erklärungen fehlen. Auf diesen Abschied sind wir nicht vorbereitet. Zu diesem Abschied sind wir noch nicht bereit.

Mit N.N. hat es einen Menschen getroffen, der neben seinem Familienleben, das er erst so kurze Zeit genießen durfte, sein ganzes Engagement dafür aufgebracht hat, dass Menschen, die durch Unfall und Schicksal krank und behindert waren, wieder Freude am Leben fanden. Ausgerechnet dabei ist er mit 38 Jahren so weit von zuhause aus seinem Leben und seiner wichtigen Arbeit gerissen worden.

Dafür, liebe Trauergemeinde, gibt es keinen Grund und keine Erklärung. Es gibt keine Erklärung dafür, dass mit N.N. ein so junger, sensibler und für andere engagierter Mensch, der Freude am Leben hatte und gerne mit seiner Frau alt geworden wäre, so jung und auf solche Weise ums Leben kam.

Dieser Tod stürzt uns alle in tiefe Traurigkeit. Und wir verschweigen als christliche Gemeinde, als die wir in dieser Stunde versammelt sind, nicht, dass uns dieser Tod über unseren Schmerz hinaus schwere Zweifel an Gotte gutem und gerechten Willen mit uns aufgibt. Dass sich unsere Herzen und unsere Gedanken nur zögernd und schmerzerfüllt zu diesem Gott vortasten. War nicht der Tod von N.N. so etwas wie ein letztes Wort nicht nur zu Ihrer Zukunft, liebe Angehörige, sondern auch zu unserem Glauben und Zutrauen zu Gott im Himmel? Wird von diesem Gott nicht immer gesagt, dass er unser Leben gibt und gnädig erhält?

Die Verse, die ich für diese Stunde ausgewählt habe, spiegeln eben diese schweren Gedanken wieder. Sie erzählen von keinem geringeren als Jesus Christus. Sie erzählen davon, wie sich sein Herz und seine Gedanken nur zögernd und schmerzerfüllt vortasten zu Gott im Himmel. Wie sie mit IHM ringen angesichts des kommenden, unverdienten, qualvollen Todes am Kreuz im Alter von 33 Jahren.

Der bittere Kelch dieses Todes ist nicht an Jesus vorübergegangen. Der Himmel scheint verschlossen über ihm. Gott scheint seine Hand und seinen Schutzengel abgezogen, ja gegen ihn gewendet zu haben.

Genau das sind die Gedanken, deren wir uns am Sarg von N.N. nicht erwehren können.

Es erschien ihm aber ein Engel vom Himmel und stärkte ihn! Auch der Garten Gethsemane ist kein gottverlassener Ort. Auch er letzte Knall, der das Leben von N.N. zu Ende brachte, war kein gottverlassener Moment. Gott führt in den Tod und aus dem Tod heraus. Er führt Jesus Christus durch das finstere Tal und herrlich hinaus in die Weite und Fülle seines Lebens.

Und weil Gott sich treu ist, dürfen wir das auch für N.N. glauben: Es erschien ihm aber ein Engel vom Himmel und stärkte ihn.

Aber Sie sind zurückgeblieben, mit all der Zeit, die Sie mit N.N. gelebt und gearbeitet haben. Und wie vieles war da für die Zukunft noch geplant und angelegt! Alles ist so sinnlos geworden. Sinnlos sein Zimmer, sinnlos die Gegenstände, die er benutzt hat, sinnlos die Kleidung, die er getragen hat. Alles Stücke von seinem Leben und von Ihrem Leben. Sie anzuschauen tut so verdammt weh!

Ich muss an die Jünger Jesu denken, die unter dem Kreuz stehen, an dem der Mann hängt, mit dem sie so lange gelebt und gearbeitet haben, schmerzvoll versunken in die Betrachtung der zerschlagenen Stücke seines Lebens und der zerschlagenen Stücke ihres eigenen Lebens. Alles sinnlos geworden, alles umsonst.

Es gibt keine heilmachende Brücke der Einsicht vom Karfreitag nach Ostern. Es gibt keine Brücke der Einsicht, die vom Schmerz über einen so früh weggenommenen Menschen zu neuem Vertrauen auf Gott und zu neuem Blick in die Zukunft führt. Auch die Jünger hätten diesen Weg niemals gefunden, wenn nicht der auferstandene Jesus in ihre Mitte getreten wäre um ihnen Frieden zu schenken.

Deshalb will der Auferstandene selbst jetzt in unsere Mitte treten, in unseren Kreis von zu Tode betrübten. Deshalb will der Auferstandene in der Zeit der Trauer immer wieder an Ihre Seite treten. Denn er allein hat die Macht, die Fesseln zu lösen, die der Tod von N.N. auf Ihr Leben und Ihre Zukunft gelegt hat. Gott weckt nicht nur Tote auf. Er weckt auch zu Tode betrübte auf. Er erweckt sie zu neuer Hoffnung auf seinen trotz allem gnädigen Willen und schenkt ihnen neue Kraft für die Zukunft. Unsere Herzen und Gedanken, die in dieser Stunde nur zögernd zu Gott im Himmel tasten, gehen nicht ins Leere.

An den auferstandenen Christus wollen wir uns halten. Er ist das Zeichen, dass Gott kein Leben ins Leere gehen lässt, auch dann nicht, wenn es so unverdient und unfassbar zu Ende geht.

Deshalb werden wir uns an N.N. erinnern. Deshalb ist all das, was er für Sie und andere getan hat, nicht sinnlos geworden. Sie erinnern sich am besten an ihn, indem Sie all das Gute, das Sie ihm verdanken, nun mit Ihren Herzen und Händen weitertragen: Helfen, wo andere hilflos sind; hoffen, wo andere keine Hoffnung mehr sehen; Lebensfreude wecken, wo sie schon längst abgeschrieben ist. So will es der Gott, dessen Wege mit uns selbst im Tod noch lange nicht am Ende sind.

Diese Kraft Gottes wünsche ich Ihnen allen, und das Vertrauen darauf, dass gerade dann, wenn das Schreckliche unser Leben trifft und uns das Herz zu brechen droht, ja bricht(!) – dass gerade dann Gottes Engel um uns stehen.

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