Es ist hier und doch kein Besitz

Predigt zu Hebr. 11,1-3. 12, 1-3

»Schau mal, wie sie sich die Haare aus dem Gesicht wischt. Wie die Mutti.« Es scheint so, als wenn bestimmte Bewegungen familiär vererbt werden. Wie jemand lacht, wie er sich hinsetzt, wie er auf Überraschung reagiert, Freude zeigt (oder eben eher verbirgt), oder wie sich seine Wut äußert. Es gibt so viele Gesten und Verhaltensweisen, an denen wir Menschen und deren Zugehörigkeit sofort erkennen. Ob das erlernt ist oder genetisch angelegt, diskutieren dann die Fachleute.

 Sicher ist aber auf jeden Fall, dass wir auch von inneren, geistig-seelischen Verhaltensmustern geprägt sind und oft ein Leben lang bleiben. »Ja, du denkst immer gleich das Schlimmste«, haben sie vielleicht schon oft als Vorwurf gehört und geantwortet »Und Du nimmst überhaupt nichts ernst. Das war bei deinem Vater schon so!«. Natürlich werden solche inneren Verhaltens-Muster auch familiär mit geprägt und trotzdem hat man am Ende seine ganz eigenen Weisen im Herzen, auf das Leben zu reagieren. Wo entstehen solche inneren Lebensmuster?

 Heute mit dem Palmsonntag beginnt die Karwoche, die uns zum österlichen Festkreis hinführt. Diese ganz besondere Zeit ist für mich von Kindheit an mit einem ganz eigenartigen Zusammenklang von Karfreitags-Traurigkeit und Auferstehungs-Ostersonntags-Fröhlichkeit bestimmt. Keine andere Zeit im Jahr empfinde ich so intensiv, wie diese Woche. Die biblischen Geschichten, die in diese Zeit gehören, bergen und bewahren mir eine ganz bestimmte, aber nur schwer in Worte zu fassende Gefühlslage.

Manche der guten Jesusfilme, die früher an Karfreitag im Fernsehen gezeigt worden sind, bringen diese Stimmung zum Ausdruck. Man betrachtet das Leben Jesu, hört ihn predigen und reden, sieht ihn handeln und weiß die ganze Zeit: Am Ende kommt der Verrat, die Folter, die Kreuzigung, das Grab. Und als Junge hoffte man stets, dass vor allem die mit schauenden Geschwister die heimlichen, schnell weggewischten Tränen nicht bemerkt haben, ehe dann die mehr oder weniger kitschig umgesetzten Szenen kamen, die den vom Tod Auferstandenen zeigten.

 Was lernt man als Kind, wenn man diesen Weg durch die Karwoche hindurch zum Ostersonntag mitgeht? Ich kann das nur für mich sagen. Ich habe – nicht nur durch Jesus-Filme – sondern durch Kindergottesdienst-Geschichten und Bibel-Lesen eine Grundform gelernt, eine typische Verhaltensweise, das Leben in seinen Höhen und Tiefen zu verstehen, eine Grundform, eine typische Geste, Krisenzeiten zu durchleben: Hoffnung durch Christus als feste Zuversicht.

 Dieses Ostergefühl des überwundenen Todes klingt mir in jedem Streit mit, da ich an Versöhnung glaube. Es klingt für mich mit in jeder Trauer, weil ich mir des kommenden Trostes innerlich gewiss bin.

 »Wir haben ein Wolke von Zeugen um uns«, heißt es in unseren Bibelworten. Mit dieser »Wolke« sind nicht unzählige Märtyrer gemeint, sondern ganz bestimmte biblische Personen, die Paulus auflistet: Abraham, Jakob, Mose, Rahab. Diesen Genannten ist eines gemeinsam: In schweren Lebenssituationen haben sie in fester Zuversicht auf Gottes rettendes Handeln bestanden. Ihre »feste Zuversicht« trug sie hindurch durch dunkle Zeiten ihres Lebens.

 Die Adressaten des Hebräer-Briefes damals gehörten wohl in die zweite Generation der Christenheit. Die meisten von ihnen sind schon in christlichen Familien groß geworden.

 Jetzt aber, so klingt es durch den ganzen Brief hindurch, jetzt aber kommt die Zeit der Bewährung. Harte Zeiten werfen ihre düsteren Schatten voraus. Der römische Staat fängt an, Christen zu verfolgen.

 Der Brief erinnert an die einst gehörten Geschichten. Damit ist keine Absicht zur Belehrung verbunden und keine Bevormundung.

 Mit biblischen Geschichten hören, erleben und lernen wir Grundformen, unser Leben vor Gott zu erfassen und zu begreifen. Und so verstehe ich unsere biblischen Worte auch heute: Sie sind ein Ruf in eine vorhandene, aber vielleicht vergessene Lebensfähigkeit.

 Seit einem Jahr erleben wir diese lähmende Epidemie. Tausende Menschen stehen wirtschaftlich am Abgrund. Wir erleben, wie Politiker und unzählig andere die Krise für persönliche Bereicherung nutzen. Wir erleben unsere Hilflosigkeit, unsere Angst. Wir leiden unter der Isolation und in der aufgezwungenen Einsamkeit. Was helfen uns da fromme Geschichten?

 Was helfen uns fromme Geschichten? Erlauben sie mir, liebe Gemeinde, auf diese Frage so zu antworten.

 Ich möchte sie zu einem schnellen und kurzen Besuch in ein Museum einladen, nach Colmar. Dort ist der sogenannte »Isenheimer Altar« zu sehen, gemalt von Matthias Grünewald. Dieser Altar besteht aus mehreren, beweglichen Flügeln, die je eigene Bilder enthalten. Der Altar wurde je nach Kirchenjahreszeit unterschiedlich präsentiert.

 Da ist Antonius (ein altkirchlicher Heiliger) zu sehen, wie er in seiner Einsamkeit nahezu verrückt wird. Da ist eine Verkündigungs-Szene zu sehen, in der ein Engel Maria ankündigt, dass durch sie das Gotteskind geboren wird und somit Hoffnung und Zuversicht kommen wird in die Welt. Im Zentrum dieses Altars aber steht das schaurige Kreuzigungsbild, das einen von unzähligen Wunden übersäten Christus zeigt.

 Wenn man sich im Museum befindet und alles sehen will, dann muss man sich bewegen. Denn nur, wer sich bewegt, sieht auch dies: Die wunderbare Tafel, die Christus als den Auferstandenen zeigt.

 Ursprünglich stand dieser Altar in einem Krankenhaus bzw. »Hospital« wie man das damals nannte. Wer ein derartiges Bild heutzutage im Eingangsbereich eines Krankenhauses aufstellen würde, dürfte sich einer millionenfacher Empörung der Anhängerschaft asozialer Medien sicher sein.

 Warum? Weil wir es verlernt haben, zu leben, verlernt, vor allem die Tiefen zu ertragen. Schnell flüchten wir uns in den billigen »Empörungsmodus«.

 Im christlichen Glauben geht es ja nicht darum, sein persönliches Schicksal klaglos und heldenhaft hinzunehmen. Wohl aber geht es darum, das mit dem Leben unabwendbar verbundene Leiden auszuhalten.

»Schaut auf Christus«, heißt es in unserem Bibeltext. In Jesu Lebens- und Kreuzweg ist diese Einheit, dieser Zusammenhang dargestellt und bewahrt. Diese Zusammengehörigkeit von wunderbarer Lebenskraft, gethsemaneer Todeangst, golgatha-einsamem Sterben, das hinüber klingt in die Osterfreude neu geschenkter Emmus-Gemeinschaft.

 »Schaut auf Christus«, heißt es in unserem Bibeltext und dann kommt eine Formulierung, die mir sehr gut gefällt: Lasst uns aufsehen zu Jesus, dem Anfänger unseres Glaubens. Das spricht mich an. So empfinde ich mich, als Anfänger des Glaubens obgleich ich schon so viele Jahrzehnte auf dem Buckel habe. Gerade weil Jesus dann der »Vollender der Glaubens« genannt wird, kann ich um so freier im Modus des lebenslangen Lernens bleiben.

Da mag man noch so alt sein, man bleibt eigentlich immer ein/e Anfänger/in des Glaubens. Und trotzdem ist da etwas in aller Brüchigkeit, Vorläufigkeit und Gefährdung. Als Kind habe ich irgendwann einmal dieses eigenartige Karfreitags-Ostergefühl erlernt, indem ich alte, biblische Geschichten hörte oder las.

Oder müsste ich sagen: Da ist Glaube entstanden, eine feste Zuversicht in das von Gott getragene, ertragene Leben. Eine innere Sicherheit, die mir gewiss macht, dass alles Leid, das im Leben kommen mag, im Licht der Auferstehungshoffnung ertragbar wird.

Es ist schwer, dieses Ostergefühl, diese untrennbare Verbindung von Leben, Tod und Auferstehung zu beschreiben. Es ist da und doch nicht verfügbar. Es ist hier und doch kein Besitz. Es fehlt, wenn man zu sicher darauf baute.

Darum:

Lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist,  und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens.

 

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