Es braucht Herzensmenschen (Jahreslosung 2017 Ez. 36, 26)

Gott spricht: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. Ez 36,26 (E)

Eigentlich wollte sie sich alles nicht mehr so zu Herzen nehmen. Aber die Bilder ließen sie nicht los, das ganze Jahr schon wurde sie von ihnen verfolgt:

Die verzweifelten, verstörten Menschen zwischen den zerstörten Häusern, die all ihre Habe verloren hatten, verzweifelt nach Angehörigen suchten, denen nur das nackte Leben geblieben war. Sie kannte sie nicht, aber sie sah ihre Augen und hörte die stummen Schreie…

Sie war erschrocken über die Wut und den Hass in den Augen und Stimmen der Menschenmenge zu Hause, die protestierend durch die Straßen zogen und gegen … ja eigentlich gegen alles waren und nur noch Zorn übrig hatten. Was war ihnen begegnet oder zugestoßen, dass da kein Mitgefühl, kein Verständnis, keine Offenheit für irgendetwas geblieben ist?

Flammeninferno in Australien und Kanada, Erdbeben in Neuseeland oder Italien, Überschwemmungen oder Dürrekatastrophen im südlichen Afrika – das waren nicht nur einfach Naturschauspiele wie sie immer schon vorgekommen sind, sondern Katastrophen vom Menschen direkt oder indirekt verantwortet und es beruhigte sie nicht wirklich, am anderen Ende der Welt nicht unmittelbar davon betroffen in relativer Sicherheit zu leben. Sie wollte und konnte nicht wirklich helfen…

Die Liste der verstorbenen Idole ihrer Kindheit und Jugend, der prominenten Staatenlenker wurde immer länger: David Bowie, Leonhard Cohen, Manfred Krug, Carrie Fisher, George Michael …

Manche Politiker waren alt wie Hans Dietrich Genscher oder Fidel Castro, nicht alle mochte sie wie Guido Westerwelle, aber die Tode all derer, die doch ihre Lebenszeit markierten, schnürten ihr das Herz zu. Am Besten ließ sie Radio und Fernsehen ausgeschaltet und verzichtete auf die morgendliche Lektüre ihrer Tageszeitung. Sie nahm sich alles so zu Herzen. Und es tat weh alles mitansehen zu müssen.

Sie wollte lieber an die schönen Augenblicke denken, in denen ihr Herz vor Freude hüpfte oder vor Aufregung ganz heftig schlug, vielleicht sogar für einen Augenblick noch einmal an die große Liebe, die ihr im Frühjahr begegnet war. Sie hatte ihr Herz verloren, endgültig. Sie konnte nichts dagegen tun, sich nicht wehren, sie konnte es auch nicht erklären, es war einfach geschehen, wie das mit der Liebe manchmal ist. Bisher hatte sie immer gelächelt, wenn ihre Freundinnen von solchen Erfahrungen erzählten. Jetzt war es ihr passiert. Sie hatte an manchen Tagen vor Freude und Glück geweint, dann wieder fühlte sich ihr Herz ganz leicht an und flog mit den Gedanken und Träumen gen Himmel.

Aber sie wollte nicht all zu lange daran denken. Denn diese Liebe, an die zu glauben sie gar nicht gewagt hatte, hat ihr auch das Herz gebrochen. So war sie noch nie in ihrem Leben enttäuscht, hintergangen, links liegen gelassen worden. Sie dachte, sie müsste sterben: an gebrochenem Herzen.

Allerdings schlug es immer noch, immer weiter und es tat weh.

Der ganze Kummer, die ganze Angst, die ganze enttäuschte Liebe, all die Verzweiflung und der Rest an Hoffnung und Sehnsucht meldeten sich mit jedem Herzschlag und drangen viel zu oft am Tag und manchmal auch in der Nacht ins Bewusstsein. Wie lange würde sie das aushalten oder würde ihr Herz irgendwann abstumpfen, gefühllos und kalt werden? War es nicht vielleicht besser gar kein Herz zu haben, dann würde sie die ganze Welt endlich in Ruhe lassen. Dann musste sie allerdings an das Märchen vom Kohlenmunk-Peter und seinem gegen einen kalten Stein getauschtes Herz denken und was ein Herz aus Stein alles anrichten konnte. So saß sie da und grübelte, gerade an den letzten Tagen des alten und Jahres und ein wenig auch noch an den ersten Tagen des neuen. Und das ging ihr auf den Geist.

Sie wollte sich nichts mehr zu Herzen nehmen, ihr Herz nicht mehr brechen lassen, sie wollte nicht mehr vor Herzklopfen die ganze Nacht wach liegen und mit ihren Gedanken kreisen und kreisen, ohne dass irgendetwas dabei herauskam…

Und wer sich in diesen Gedanken und in diesen Gefühlen wiederfindet, dem sei gesagt, dass das kein Zufall ist, denn wir alle sind mehr oder weniger Herzmenschen. Die Dinge um uns herum machen etwas mit uns.

Wir sehen die Boshaftigkeit mancher Zeitgenossen ebenso wie Herzensgüte besonderer Menschen, das Leid, das wir erleben, schnürt das Herz zu oder von Liebe überwältig rast es im Leib, dass man denkt, selbst aus einem Tiefschlaf müsste dieser Herzschlag jeden vor Lärm aufwecken. Keiner kann so ganz abstumpfen,  dass sein Herz überhaupt nichts mehr spürt. Vielleicht können manche ihre Herzensregungen gut vor anderen verbergen, vielleicht gut kontrollieren, vielleicht im Alltag ausschalten und so vorgeben, unberührbar zu sein. Aber das Herz reagiert und meldet sich. Und wenn es sich nicht anrühren lassen und Menschen bewegen darf, wird es krank und mit ihm nimmt auch die Seele Schaden.

Die Welt braucht Herzensmenschen.

Und auch wenn diese Einsicht so schön ist, dass sie an kaum einem Poesiealbum vorbeikommt, ist sie dennoch ganz und gar wahr: der Mensch sieht eben nur mit dem Herzen gut, weil das Wesentliche den Augen verborgen bleibt.

Will ich Gott beschreiben, komm ich nicht daran vorbei, von ihm und seinem Herzen zu reden. Er ist eben nicht der unbewegte Beweger, der Uhrmacher eines lediglich funktionierenden Weltalls, sondern der mitfühlende und mitleidende Vater, dem das Schicksal seiner Welt und seiner Kinder eine Herzensangelegenheit ist, die fürsorgliche Mutter, deren Herz für ihre Kinder schlägt. Weihnachten ist ein Fest der Herzen, weil das Leid und die Nacht der Welt Gott zu Herzen gegangen sind, er sich deshalb den Menschen als Kind geschenkt, die Menschen als Kind berührt hat und den Menschen als Kind zu Herzen gegangen ist. Er möchte, dass unsere Herzen für ihn schlagen. Und er möchte, dass sie einfühlsam, zur Liebe fähig und von Lebensfreude erfüllt schlagen. Er möchte, dass nicht nur Raum für trübe Gedanken, für Sorgen und Lebensängste ist, sondern auch für gute Gedanken, für Friedenseinsichten lokal und global. Er möchte, dass wir uns von seinen Gedanken anstecken lassen, dass wir seine Worte in unseren Herzen so bewegen, wie Maria die Worte der Hirten von ihrem Kind in ihrem Herzen behielt und bewegte. Wir könnten es auch Nachfolge nennen. Ich kann Christus nur mit dem Herzen nachfolgen und glauben. Aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten, das sind ja für Dietrich Bonhoeffer Kennzeichen der Christusnachfolge und gelebter Glauben, kommen aus dem Herzen. Darum braucht die Welt Herzensmenschen. Und die Jahreslosung verheißt Herzensmenschen: Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch. Ez 36,26 (E)

Das Prophetenwort galt einst dem Volk Israel in der Gefangenschaft und es sollte Heil ansagen: nicht weil die Menschen es sich verdient hatten, sondern um Gottes Namen willen.

Gottes Herz ist am Ende voll des Heils und nicht des Streites, voller Erbarmen und nicht voller Hass und Gewalt. Deswegen setzt er nicht auf Vernichtung, sondern auf Verwandlung, nicht auf die alten Wege und Rezepte, sondern auf neue Gedanken, neue Herzen und einen neuen Geist.

So wie ich nicht aus eigener Kraft aus den alten trüben Gedanken herauskomme, eingefahrene Wege verlassen und neue Gedanken denken kann, so braucht auch das Herz die Erneuerung von Gott her.

Sein Geist, seine Liebe, sein Sohn, das Kind aus der Krippe und wie es den Menschen auf dem Weg durch das Leben bis ans Kreuz begegnet, sind die Kräfte der Veränderung und der Erneuerung.

So ist die Jahreslosung eine Verheißung, was bei Gott möglich ist: neue Herzen und neue Gemüter, aber auch Erinnerung,, worum zu bitten wir nicht aufhören sollten: um erneuerte Herzen, die für das Leben schlagen, Menschen, die sich Worte und Schicksale zu Herzen nehmen, Liebe, die manchmal das Herz schlagen, manchmal auch leiden, aber vor allem lebendig fühlen lässt und Hände, die auf oft mehr auf das Herz als auf den Verstand hören und ein Herz, das offen für Gottes Worte bleibt und sie durch die tage des Jahres bewegt. All das schenke uns Gott an jedem Tag des neuen Jahres.So nehmen wir uns auch im neuen Jahr alles gern zu Herzen.

Amen

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