Erwachsen werden / erwachsen sein (zu Markus 8, 31-38)

Erwachsen ist man wohl nie, erwachsen wird man ein ganzes Leben lang.

Erwachsen werden heißt: 

sich lösen, 

auf eigenen Beinen stehen, 

Entscheidungen treffen.

Erwachsen sein heißt:

Nicht immer andere für alles verantwortlich machen,

Fehler eingestehen,

Sich zu verändern und sich dennoch treu zu bleiben

Erwachsen werden und erwachsen sein braucht die Einsicht:

Woher komme ich eigentlich und eine Idee, eine Hoffnung, einen Traum wohin mein Weg mich führt.

Ich brauche Wurzeln, die mich tragen,

Licht und Luft, die mich wachsen lassen und Raum mich zu entfalten.

Ich bleibe, wer ich bin und darf mich doch entwickeln, verändern, andere und mich überraschen – hoffentlich ein Leben lang, weil mein Leben nie Stillstand ist, sondern ein Weg, eine Reise mit einem Ziel vor Augen, dass ich auch nicht aus dem Blick verliere, wenn Strecken unwegsam, voller Hindernisse, beschwerlich, manchmal sogar ausweglos erscheinen.

Manches ist unterwegs unausweichlich, aber nichts ist aussichtslos und hoffnungslos.

Vieles ist mit im Leben vorherbestimmt, ich bin geprägt, mit einem Erbe ausgestattet, das mich bereichert und belastet.

Und ich stehe doch immer wieder an Weggabelungen, wo nicht mehr zählt, was hinter mir liegt, sondern ich entscheiden darf und wagen muss, welcher Weg nun vor mir liegt.

Verwandte, Freunde, meine innere Stimme mögen mir einflüstern. Nimm den einfacheren Weg, geh den Weg ohne Widerstände, rette deine Haut und geh kein Risiko ein. 

Aber das Wagnis bleibt mir nicht erspart. 

Den tiefen Sinn meines Weges und das Gefühl angekommen zu sein und meine Bestimmung gefunden zu haben, erkenne ich oft erst im Rückblick.

Es liegt an mir, auf welche Stimmen ich höre, wen ich um Rat frage, auf wen oder was ich mich verlasse im Aufbruch, 

unterwegs, 

in den Sackgassen, 

am Ziel, 

aber auch am Ende, wenn mein Weg vollendet, mein Lebenswerk vollbracht, meine Zeit sich erfüllt hat. 

Ich weiß nicht, wann das sein wird.

Ich weiß auch nicht, welcher dafür der richtige Zeitpunkt ist, wann ich sagen und empfinden kann: jetzt ist es gut, ich bin da, ich lasse noch einmal und nun endgültig los…

Freiheit zu leben, Freiheit zu sterben und dabei gewiss und getrost zu sein, gelingt wohl nur, wenn ich loslasse, immer wieder loslasse und mich nicht Zeit meines Lebens an das klammere, was ich am Ende doch  nicht behalten kann.

Auch darum scheint es im vermeintlichen Streit zwischen Jesus und Petrus zu gehen, um menschliches, so veständlich menschliches und göttliches…

Ich kann loslassen, meinen Weg gehen, ankommen, auch wenn es ein verlieren ist, oder ich klammere und hadere mit dem Schicksal, das mir nimmt, was mir doch nur auf Zeit gehört.

Ich habe in diesen Tagen einen Satz gelesen, der das überaus klar auf den Punkt bringt und den ich nicht mehr verdrängen kann:

Wenn der Mensch sein Handeln einzig danach ausrichtet, alles zu unterlassen, was gesundheitsgefährdend bis tödlich sein könnte, bleibt von seinem Leben nichts mehr übrig, das diesen Namen verdient. Er opfert Leben im Sinne von Spontaneität, Intensität, Vitalität zugunsten eines schieren Am- Leben-Bleibens. Noch etwas zugespitzter ließe es sich sagen: er begeht Selbstmord aus Angst vor dem Tod. (Thea Dorn)

Deswegen weißt Jesus Petrus zurecht und hält ihm vor: du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist (Markus 8, 33).

Nun kann ich ja nur menschlich denken, fühlen, entscheiden und ich kann dann hoffen, bitten und vertrauen

Und im Glauben gewachsen, vielleicht sogar erwachsen gelingt eine Haltung, die offen und ehrlich betet; nicht mein Wille geschehe, sondern dein Wille. Was ich nur erahne, du, Gott siehst, 

wo ich frage, hast die Antwort, 

wo ich das Ende des Horizontes vor mir sehe, weiß du, wie es hinter dem Horizont weitergeht.

Und so kann ich entscheiden, ohne alle Folgen meines Handelns und meines Weges wirklich abschätzen zu können, weil Gott aus allem Gutes erwachsen lassen kann

Musik

Aber eigentlich möchte ich gar nicht immer erwachsen sein, ich möchte auch einmal an die Hand oder in den Arm genommen, aufgefangen, getröstet werden, ich möchte nicht immer alles allein entscheiden müssen, ich möchte  auch geführt werden, nicht immer nachdenken und verantworten müssen. Sich-fallen-lassen-können ist ein wichtige menschliche Erfahrung, die ich einüben muss. Vielleicht erinnert sich mancher oder manche an die Überwindung beim Vertrauensspiel, sich inmitten eines Kreises mit verschlossenen Augen in die Hände und Arme der Umherstehenden fallen zu lassen in der Gewissheit: sie fangen mich auf, sie lassen mich nicht schmerzhaft auf den Boden schlagen.

Kinder vertrauen oft den starken Armen, die sie umherwirbeln oder in die Luft werfen und dann sicher auffangen. 

Irgendwo tief in mir…bin ich ein Kind geblieben

Erst dann, wenn ich’s nicht mehr spüren kann,
Weiß ich, es ist für mich zu spät,
Zu spät, zu spät.

Ich möchte eigentlich nie sagen müssen, dass es dafür zu spät sei

Ich möchte aber auch nicht immer alles verstehen müssen, möchte rebellieren dürfen!

Muss ich denn für jeden Schicksalsschlag Verständnis haben?

Für jede harte Kindheit, für jedes Leben, dass nicht die Liebe verspürt und geschenkt bekommt, die es braucht,

für jeden Verlust, der ein Raub ist und nicht neugewonnene Freiheit?

Ich möchte nicht jede Ungerechtigkeit, jede Gewalt, jeden Streit einfach hinnehmen, weil ich nichts dagegen tun kann?

Ich möchte schreien, klagen oder schweigen dürfen – vor Gott und den Menschen, aber vor allem vor Gott.

Ich möchte wissen, wo ich hinkann mit meinem Zorn darüber, meiner Wut über ungerechte Verhältnisse, meinen Tränen, weil ich nur weinen kann über das, was ich sehe und erlebe. Ich möchte mit meiner Hilflosigkeit ernst genommen werden, sie ist keine Schwäche, selbst wenn sie Eingeständnis meiner Ohnmacht ist. Sie ist das die Entlarvung menschlicher Allmachtsphantasien

Ich möchte nicht beruhigt und ruhig gestellt werden, auch nicht durch fromme Wahrheiten.

Ratschläge, so habe ich gelernt, sind mitunter auch Schläge.

nicht so schlimm

kopf hoch

du schaffst es

Vielleicht klingen die Worte aus der Psalmenübertragung bei ihnen ja noch unangenehm nach, weil sie diese Sprüche zu oft im Leben schon gehört haben.

Ich kenne Menschen, die würden ihr Leben, ihren Glauben und ihr Gottesbeziehung erzählen, als sei es der Kampf Jakobs am Jabbok, der mit dem Unbekannten, mit Gott, eine ganze Nacht ringt, Spuren aus diesem Kampf lebenslang behält, lahmt und am Ende nur unter einer Bedingung loslässt: ich lasse dich nicht, du segnest mich denn.

In vielen Situationen gibt es keine Antworten, nur den Schmerz und die Klage, den Kampf und das verzweifelte Hoffen darauf, dass am Ende Gottes Segen bleibt – trotz aller Spuren des Kampfes, aller Wunden und Verletzungen des Lebens. Es braucht dann eine Zuflucht, einen Ort zum Verkriechen und Bergen, eine starke Hand, die hält und tröstet.

Einen Fels, der nicht nachgibt, egal wie stark der Wind weht, wie hoch die Wellen schlagen.

Das Gebet am Anfang dieser Andacht hat Psalm 31 ja nur angerissen,

Gott wird da als Fels erfahren, als Burg, die Zuflucht bietet egal wie groß die Not auch ist.

Und aus diesem kindlichen Vertrauen erwächst die Freiheit loszulassen.

Als Kind ist der Glaubende wie erwachsen und frei und bekennt: in deine Hände befehle ich meinen Geist, denn du hast mich erlöst, du treuer Gott.

Es ist kein Zufall, dass Jesus gerade mit diesem Psalm am Kreuz gebetet hat und mit diesen Worten verstorben ist.

Wissen sie wie das Lied Peter Maffay weitergeht?

Ich gleite durch die Dunkelheit
Und warte auf das Morgenlicht.
Dann spiel‘ ich mit dem Sonnenstrahl
Der silbern sich im Wasser bricht.


Irgendwo tief in mir bin ich ein Kind geblieben.
Erst dann, wenn ich’s nicht mehr spüren kann,
Weiß ich, es ist für mich zu spät,
Zu spät, zu spät.

Nur, dass es kein zu spät und kein verloren gibt, nicht bei Gott, meinem Fels, meiner Burg, meiner Rettung, seinen Händen, meiner Erlösung. Amen

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