Eröffnung eines weiten Raumes (Ps 31,9b)

Ps 31,9b
[9b] Du stellst meine Füße auf weiten Raum.

Liebe Taufgemeinde,

hören wir zunächst den Taufspruch von N.N. aus dem 31. Psalm, den neunten Vers, dort den zweiten Satz: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“! Mit der Taufe werden unsere beiden Täuflinge in Gottes Hand gelegt und wir als Eltern und Paten bekommen dafür ein Zeichen, ein Unterpfand – etwas, das unverbrüchlich von Gottes Seite aus garantiert, dass unsere Täuflinge bei Gott geborgen sind. Natürlich kann man sich fragen: waren sie das denn nicht schon vorher, als N.N. und N.N. noch ganz klein waren, als sie gerade eben geboren waren?

Natürlich kennt Gott jedes neue Leben auf dieser Erde, denn er allein ist der Schöpfer und der Erhalter eines jeden Lebens. Mit der Taufe aber antworten wir ein Stück weit auf diese Schöpferkraft Gottes, denn in jeder Taufe liegt ein Akt des Bekennens: ich möchte dort sein, ich suche die Verbindung mit Gott und ich nehme eine Form wahr, die mir in der Bibel als eine Form beschrieben wird, die Jesus Christus selber eingesetzt hat. Deswegen darf ich mich auf sie verlassen. N.N. ist noch ganz angewiesen auf das stellvertretende Bekenntnis ihrer Mutter und der Paten, N.N. hingegen wird sich schon erinnern können in späteren Tagen, dass sie selbst nach vorne gekommen ist, um die Taufe zu empfangen, freilich auch durch den Beschluss und das Bekenntnis ihrer Eltern und der Patin. Gottes Zusage, die wir in der Taufe gesagt bekommen, ist allerdings keine Zusage, die uns verspricht, dass uns in diesem irdischen Leben kein Leid und kein Unglück geschieht. Das will Gott gar nicht versprechen, denn dazu ist der Mensch zu frei. Frei, sich zu entscheiden für gute und für böse Wege. Frei, sich Gedanken zu machen und zu Entscheidungen zu kommen, die ihm selbst und anderen Menschen schaden könnten. Vielleicht könnte man sagen, dass der größte Teil des Leides in dieser Welt durch die Menschen selbst verursacht ist. Gott verändert diese Freiheit nicht, die der Mensch sich genommen hat, wie es die Paradiesgeschichte bildhaft erzählt, aber er gibt den Menschen eine andere Garantie sein er Liebe, die immer eine aufsuchende und nachgehende Liebe ist und war. Er gibt ihnen einen neuen Bund. Gott sagt: ich will bei dir bleiben, auf all deinen Wegen. Ich bin da, wenn du mich brauchst. Ich bin ansprechbar, wenn mich suchst. Ich gebe dir Trost und Orientierung, wenn du nach ihr fragst. Ich eröffne dir neue Horizonte und Sichtweisen, wenn du es zulässt. Das Vertrauen des Menschen – in unserer Sprache „Glaube“ genannt – ist nicht Bestandteil dieser Garantie. Genügend Menschen entscheiden sich anders oder erfahren niemals dieses Vertrauen.

Wer es aber erlangt und die Taufe eines Kindes bildet nichts anderes ab, als dieses Vertrauen – so wie Kinder ihren Eltern vertrauen – wer dieses Vertrauen erlangt und sagen kann: „Ich glaube an Gott“, dem wird Gott verbindlich schenken, wovon ich gerade sprach: Begleitung und Schutz, Orientierung und Hilfe, Erfahrung von Bewahrung und Erleuchtung. Dies alles, liebe Gemeinde ist der Hintergrund des Psalmwortes von N.N.: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ Wer von Gott in dieser Weise gehalten und befreit wurde, dessen Raum wird größer und weiter, weil er das Zentrum seines Lebens nicht mehr nur um sich selbst herum und in seinen Angehörigen suchen muss, sondern weil er begreifen darf, dass er für ein Leben in der Gemeinschaft und der Beziehung geschaffen ist.

Das wünschen wir heute mit dieser Taufe auch N.N. und N.N., dass sie erfahren können, welche Kraft und Macht in unserem Gotte liegt, dass er den Menschen öffnet und weitet, ihm Zugänge verschafft zum Mitmenschen und zu sich selbst. Ich keine keinen Raum, der weiter wäre, als dieser Raum, den uns Gott selbst eröffnet.

Der Taufspruch von N.N. aus dem Kolosserbrief im dritten Kapitel, im 23. Vers erscheint da wie die Antwort oder wie die Rückseite des Wortes für N.N.: „Alles, was ihr tut, das tut von Herzen als dem Herrn und nicht den Menschen.“ Die Welt zu umfassen und sie zu verändern, das ist ein Auftrag, vor den wir Menschen immer gestellt sein werden, gerade weil wir sehen, wie es mit der Welt im Argen bestellt ist. Wir müssten aber gnadenlos scheitern, wenn wir alleine diese Aufgabe schultern wollten. Der Mensch bleibt auch nach seiner Taufe ein Mensch und wird nicht zu einem gott-gleichen Wesen. Seine Kräfte bleiben beschränkt, sein Horizont und sein Wissen begrenzt. Alle Utopie und Ideologie, die ihre Kraft alleine auf das menschliche Wesen setzt, muss daher scheitern, weil sie ein großes Ziel erreichen will mit Mitteln, die diesem Ziel nicht angemessen sind. Auch unsere Täuflinge werden es in ihrem Leben erfahren: wo sie Gutes wollen, entsteht manchmal Böses. Die Sünde – die Trennung von Gott – die in dieser Taufe abgewaschen wird, schafft keinen Menschen, der nicht weiterhin anfällig wäre für alles, was aus dieser Trennung hervorgeht. Wir sagen deshalb, wir sind beides zugleich: Sünder und Gerettete. Unser Leben hat aber ein Ziel bekommen mit der Taufe. N.N. und N.N. sollen zu denen gehören, die zu diesem Ziele kommen, nämlich der völligen Überwindung der Trennung von Gott und den Menschen. Erst aus diesem Ziel heraus, erst aus dieser Hoffnung heraus können dann unsere Täuflinge ihren Weg beschreiten und daran arbeiten die Welt immer ein bisschen besser zurück zu lassen, als sie sie vorgefunden haben. „Alles, was ihr tut, das tut von Herzen als dem Herrn und nicht den Menschen.“ Mit diesem Wissen, ja dieser Erfahrung können wir uns dann aufmachen, die Probleme unserer Gesellschaft und unserer Welt anzugehen. Nicht, weil wir alles lösen können und weil wir für alles die richtigen Schritte wüssten, sondern weil wir uns getrost verlassen können, dass Gott uns auf diesen Schritten begleitet und uns seine Zukunft entgegenhält.

Wir müssen deshalb nicht verzweifeln, wenn wir unsere kleinen Schritte tun, die doch anscheinend so wenig bewirken, sondern wir dürfen Hoffende bleiben gerade angesichts unserer Schwachheit. Wir beten zu Gott, dass er dieses Wissen in N.N. und N.N. riefen lässt und wach hält: dass wir in der Antwort, die von Herzen kommt Gottes Willen tun dürfen und können, weil er uns befreit und einen Raum eröffnet, den wir selber nicht schaffen könnten.

Und der Friede Gottes, der weiter ist, als wir es fassen könnten, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus
Jesus.

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