Ermutigung zum Unglücklichsein (Jahreslosung 2014)

Predigt Psalm 73,28 (Jahreslosung 2014) von Pfarrer Johannes Taig

Gott nahe zu sein, ist mein Glück


Liebe Gemeinde,

auch die Bibeltreuen und Bibelkenner staunen beim ersten Lesen der Jahreslosung, kratzen sich am Kopf und fragen sich, warum sie diesen Vers in ihrer Lutherbibel noch nie gelesen haben. Sie seien gleich zu Beginn beruhigt: So übersetzt steht der 28. Vers des 73. Psalms nicht in der Lutherbibel, sondern in der sogenannten ökumenischen Einheitsübersetzung. Was hat die Evangelischen geritten, Luthers Übersetzung zu misstrauen und die der Einheitsübersetzung besser zu finden? Die Vermutung liegt auf der Hand. Es ist das schöne Wort „Glück“. Besonders im Protestantismus läuft die Glückskeksfabrikation ja schon seit geraumer Zeit auf Hochtouren. Daran wird die Größe der Verzweiflung unserer Kirche sichtbar. Wenn schon das Evangelium keinen mehr in die Gotteshäuser lockt, dann vielleicht das Versprechen schöner Glücksgefühle. Wenn Theologie schon megaout ist, dann möchte man wenigstens ein kleines Segment im großen Geschäft der Lebensberatung und der Wellnessbranche nicht kampflos aufgeben. Und versteigt sich dabei ohne mit der Wimper zu zucken in die Hybris, dass das Glück der Nähe Gottes automatisch ein und dasselbe wie das Glück der Kirchennähe wäre. Wo zwei oder drei mit uns von der Kirche in der Kirche versammelt sind, da ist Gott und dein Glück ganz nah.

Das ist so durchsichtig, dass ganz schnell eine weitere Beruhigung angebracht ist: „Glück in der Bibel gibt es nicht. Welch ein Trost! Jeder Blick in die Konkordanzen enttäuscht bei der Suche nach Glück.“ (Ralf Meister, GPM 4/2013, Heft 1, S. 70) Selbst in der deutschen Lutherbibel gibt es im Neuen Testament völlige Fehlanzeige bei der Suche nach dem Glück. Und im Alten Testament wählt Luther bei seiner Übersetzung das Wort selten und ganz nach der Bedeutung, die es im Deutschen nun einmal hat. Glück bezeichnet nach dem Wörterbuch der Gebrüder Grimm Schicksal, Geschick oder Ausgang einer Sache.

Der brave Soldat Schwejk kannte die wahre Bedeutung. Als er im Felde in den Hintern geschossen wurde, tat er im Lazarett einen seiner berühmten Aussprüche: „Gott möge uns vor allem bewahren, was noch ein Glück ist.“ Die Kugel hätte ja auch sein Herz treffen können.

„Der Philosoph Wilhelm Schmid forscht über das Thema Glück. Schon die Titel seiner Bücher regen zum Nachdenken an: ‚Glück, alles, was Sie darüber wissen müssen, und warum es nicht das Wichtigste im Leben ist.‘ Oder: ‚Unglücklich sein. Eine Ermutigung.‘ Den Glauben an die Machbarkeit des Glücks formuliert Schmid als den neuen kategorischen Imperativ unserer Zeit: ‚Du musst glücklich sein, sonst lohnt sich dein Leben gar nicht. Wer unglücklich ist, beginnt sich Vorwürfe zu machen, dass ihm etwas fehlt und dass er den Anforderungen des glücklichen Lebens nicht gewachsen ist. Offenkundig hat er versagt. Alle Anderen scheinen es ja zu schaffen, jedenfalls arbeiten sie hart daran, diesen Eindruck zu erwecken. (…) Eine drohende Diktatur des Glücks lässt keinen Raum dafür übrig, unglücklich zu sein. Ein scharfer Wind schlägt jedem entgegen, der an der Fähigkeit des Glücks zur Alleinherrschaft über das menschliche Leben zweifelt.“ (Meister aaO., S.70f.) Leider ist dem modernen Menschen alle Weisheit abweisbar, auch die, die Berthold Brecht in seiner Dreigroschenoper besingt: „Ja, renn nur nach dem Glück/ doch renne nicht zu sehr/ denn alle rennen nach dem Glück/ das Glück rennt hinterher.“

Viel schlimmer erging es bekanntlich den Propheten des Alten Testaments, von denen es die stehende Redewendung gibt, das Gottesvolk hätte sie lieber umgebracht, als Gottes Wort zu hören. Jona, Jeremia und, nicht zu vergessen, Hiob, die allesamt die bittere Erfahrung machten, dass Gott nahe zu sein und sich an sein Wort zu halten, Unglück, Leid und sogar den Tod bedeuten kann. Da wird es jetzt höchste Zeit, dass wir uns den Psalm 73 vornehmen und hören, was vor der Jahreslosung zu lesen ist:

„Denn ich ereiferte mich über die Ruhmredigen, als ich sah, dass es den Gottlosen so gut ging. Denn für sie gibt es keine Qualen, gesund und feist ist ihr Leib. Sie sind nicht in Mühsal wie sonst die Leute und werden nicht wie andere Menschen geplagt. Darum prangen sie in Hoffart und hüllen sich in Frevel. Sie brüsten sich wie ein fetter Wanst, sie tun, was ihnen einfällt. Sie achten alles für nichts und reden böse, sie reden und lästern hoch her. Was sie reden, das soll vom Himmel herab geredet sein; was sie sagen, das soll gelten auf Erden. Darum fällt ihnen der Pöbel zu und läuft ihnen zu in Haufen wie Wasser. Sie sprechen: Wie sollte Gott es wissen? Wie sollte der Höchste etwas merken? Siehe, das sind die Gottlosen; die sind glücklich in der Welt und werden reich.“ (Vers 3-12)

Schon Johann Gottfried Herder hat deshalb den 73. Psalm als eine „Theodizee über das Glück der Bösen“ bezeichnet. „Der Beter verarbeitet hier die Erfahrung, dass die weisheitliche Lebensordnung nicht zutrifft, wonach ein gottgefälliges Leben von Gott mit einem erfüllten Leben gesegnet und umgekehrt ein gottloses Leben bestraft wird. Genau das Gegenteil (…) ist der Fall: Während die Frevler mit allen Gütern des Glücks wie Gesundheit, Erfolg, Reichtum, öffentliches Ansehen, gesellschaftlichen Einfluss überhäuft sind, ist der Psalmbeter offensichtlich arm, resigniert, leidend und zutiefst unglücklich.“ (Meister aaO., S. 72)

Die Güter des Glücks haben sich in 3000 Jahren nicht verändert. Gesundheit, Erfolg, Reichtum, öffentliches Ansehen und gesellschaftlichen Einfluss gelten auch heute als Ausweis des Glücks und als Beweis eines gelingenden Lebens. Und damals wie heute gilt: Wer Gott nahe ist, kann mit einer solchen Welt des Glücks schnell in Konflikt geraten und im Abseits landen oder in der Zisterne, wie der Prophet Jeremia – oder als Gotteslästerer am Kreuz wie unser Herr Jesus Christus. Wie bibel- und gottvergessen muss eine Kirche sein, die das in der Predigt unterschlägt?

Auch daran wird die Größe ihrer Verzweiflung sichtbar. Weil die Kirche vor nichts soviel Angst hat, wie vor der Frage: Ja, was bringt mir denn dann der Glauben? Und der Beter des 73. Psalms würde sagen: Schau mich an. Nichts als Unglück! Und der Beter wird uns darüber hinaus die Auskunft schuldig bleiben, dass er zumindest die Hoffnung nicht aufgegeben hätte, dass sich in seinem Leben daran noch etwas ändern könnte.

Und bevor wir ihn fragen können, warum er so verrückt sein kann, an seinem Glauben weiter festzuhalten, fällt er uns mit einem großen „Dennoch“ ins Wort. „Dennoch bleibe ich stets an dir; denn du hältst mich bei meiner rechten Hand, du leitest mich nach deinem Rat und nimmst mich am Ende mit Ehren an.“ (Vers 23-24) Der Beter hält an Gott und seinem Glauben nur aus einem einzigen Grund fest: Weil Gott ihn nicht loslässt, nicht weglässt, nicht auslässt. Weil Gott ihn nicht beiläufig mit der Linken, sondern mit der Herzhand hält. Das ist stark und stärker als alles. Und wenn ihm Leib und Seele verschmachten, Gott bleibt seines Herzens Trost und sein Teil.

„Das Glück der Gottlosen, das Jedermannsglück – das Glück, das den Frommen eigentlich zustehen sollte, es aber nicht tut – dieses Glück ist, so der Psalm 73, nur scheinbares Glück. Es ist ein Glück, an dem die Frevler zugrunde gehen werden (V 27).“ (Meister, aaO. S. 73) Das wahre Glück oder wie Luther übersetzt, die wahre Freude, ist es, dass ich mich zu Gott halte und meine Zuversicht setze auf Gott den Herrn. (V. 28) Der Glaubende lässt die Hand, mit der Gott ihn hält, seinerseits nicht los. Trotz allem!

Anders ist die Freude und, wenn es sein muss, das Glück des Glaubens nicht zu haben. Machen Sie deshalb im neuen Jahr lieber einen weiten Bogen um jede Kirche und um jede Lebensberatung, die Ihnen mit Gott und dem Glauben ein Glücksangebot machen möchten. Was es mit Gott, dem Glauben und dem Glück auf sich hat, erfahren Sie erst, wenn sie die Suche nach dem Jedermannsglück aufgegeben haben. Vertrauen Sie Meister Eckhart, der schreibt: „Du suchst etwas mit Gott und tust gerade so, wie wenn du aus Gott eine Kerze machtest, auf dass man etwas damit suche; und wenn man die Dinge findet, so wirft man die Kerze hinweg.“ (Predigt 4) Gott kann man nur um seiner selbst willen suchen. Und wenn er Dich gefunden hat, wird sich die Frage nach dem Glück erübrigt haben. Amen.

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