Ermutigung und Erinnerung

Liebe Gemeinde, was assoziieren Sie mit dem Begriff „Wächter“, Wächterin“? Gleich, ob Sie an Männer auf Burgtürmen, Frauen vor Heiligtümern, Muskelprotze vor Nachtclubs oder Uniformierte vor bestimmten Gebäuden denken, allen gemeinsam ist, dass sie abwehren: Feinde, Räuber, Unbefugte. Falsche Lehren, unerlaubtes Gedankengut, zersetzende Ideen. Und sie sollen beschützen. Dafür sorgen, dass es so bleiben kann, wie es ist. Dass nichts von außen kommt, dass Veränderung erzwingt.

In dem Predigttext, der für den Reformationstag vorgeschlagen ist, ist es genau umgekehrt. Da sollen die Wächter herbeiholen, herbeirufen. Aber hören Sie selbst, ich lese aus dem 62. Kapitel des Propheten Jesaja:

[TEXT]

Liebe Gemeinde, die Israeliten hatten Schreckliches hinter sich. Manche waren gerade erst aus dem Exil aus dem 1000 km entfernten Babylon nach Jerusalem zurückgekehrt, andere waren während dieser Zeit in Jerusalem geblieben. Was die Menschen, aus den verschiedenen Situationen kommend, vereinte, war der Blick auf ihre hingerichtete Stadt, am Boden zerstört, hoffnungslos und voller Ruinen. Denn die wenigen, die damals nicht ins Exil geführt worden waren, waren nicht in der Lage gewesen, die Stadt wieder aufzuräumen, geschweige denn aufzubauen. Wenn wir uns an einige ostdeutsche Dörfer und Städte vor 1989 erinnern, was waren wir da schon immer bedrückt wegen des Anblickes: grau, morsch, verfallen.
Der Neuanfang in Jerusalem gestaltete sich schwierig, es ging nicht recht voran. Die Versammelten merkten schnell, wie schwer und langwierig der Wiederaufbau sein würde.
Wir können uns vorstellen, was die Menschen fühlten: Sie wussten, dass sie die – mit vereinten Kräften – die Stadt wieder aufbauen mussten. Aber gleichzeitig waren sie resigniert und mutlos und hatten keine Ahnung, wie sie dieses Mammutprogramm schaffen sollten.
Der Prophet, der in der Wissenschaft „Tritojesaja“ genannt wird, wusste, dass es einer starken Kraft bedurfte, um den Zweifeln des Volkes zu begegnen. Und so rüttelte er die Israeliten auf und begeisterte sie mit einem Bild.
Die geschundene Stadt brauchte nicht mehr gegen Plünderer, Brandschatzer, Vergewaltigung und Mord geschützt zu werden. Die Wächter und Wächterinnen brauchten nicht mehr die zu melden, die sich der Stadt näherten. Ihre Trompeten brauchten keine Alarmsignale mehr zu verkünden. Wenn sie nur alle Kraft und alle Energie in das Gebet legen würden, würde Gott selbst kommen und würde vor aller Welt Jerusalem wieder zu Ehren bringen.

Dass Luther diesen Text kannte, können wir mit gutem Gewissen voraussetzen. Aber ob er an diesen Text dachte, als er seine Thesen ausschrieb, wissen wir nicht. Zwar war die Kirche des 14. Jahrhunderts nicht zerstört wie Jerusalem des 5. vorchristlichen Jahrhunderts. Aber es war eine Kirche, die ausschloss. Eine Kirche, deren Wächter darauf achteten, dass sich nichts änderte. Weder naturwissenschaftliches noch geisteswissenschaftliches eigenständiges Denken war gestattet. Wer nicht dem Bild entsprach, das die Kirche mit engen und unverrückbaren Strichen festgelegt hatte, wurde bedroht, bestraft, exkommuniziert. Schuld und Sünde, Fegefeuer und ewige Verdammnis waren gängige Vokabeln. In der Mitte dieses Bildes befand sich Gott. Er schaute finster auf die Menschen, notierte – wie ein Buchhalter in seine Spalten – Vergehen auf der einen und Vater unser, Ave Maria und Almosen auf der anderen Seite.

Texte wie der des Tritojesaja werden Luther bestärkt haben, dass die, die glauben, etwas verändern können. Damals wie heute lehrt uns dieser Text, dass Glaubende sich nicht mit dem status quo abzufinden brauchen.
Luther haben wir es mit zu verdanken, dass die evangelische Kirche heute ein anderes Bild malt, malen kann. In der Mitte ist Gott. Aber sein Gesicht ist freundlich. Und seine Kirche will eine freundliche sein. Sie will Menschen einladen, nicht ausgrenzen. Sie will weder zum Glauben zwingen noch Unglauben bestrafen. Sie will zum Gespräch bereit sein und sich andere Positionen anhören. Aber sie will auch nicht aufhören, zu erzählen von Gott, der die Menschen liebt. Von dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Von Gott, dem Vater Jesu Christi.

Und so ist uns heute der Text Ermutigung, aber auch ständige Erinnerung. Immer wieder dürfen wir mutig aufstehen und gegen das, was ist, anleben. Nichts muss bleiben, wie es ist. Wir sind nicht auf das Rad des Unverrückbaren geflochten. Sondern wir dürfen uns entfalten, weiterentwickeln, ändern.
Genauso wichtig ist es, dass wir uns immer wieder erinnern, dass Gott unsere Mitte ist. Dass wir von ihm alles erwarten dürfen, alles erhoffen und alles erbitten.
Wenn wir beides tun – beten und gegen Missstände die Stimme erheben – dann werden wir eine Kirche sein, die in ihrem Glauben lebt und ihn bewahrt. Und wir werden gleichzeitig einladende, offene Kirche sein. Wir werden reformierte Kirche sein und bleiben.

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