Erinnerung und Erinnern

Liebe Gemeinde,

an diesem Sonntag, dem Sonntag vor Pfingsten, denken viele Christinnen und Christen in ganz Europa an den zweiten Weltkrieg, der heute vor 60 Jahren zu Ende gegangen ist. Ganz Europa war endlich befreit von der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft, so heißt es im Wort der Kirchen zu diesem Tag.

Manche Ältere hier unter uns haben noch eigene Erinnerungen oder von den Erzählungen ihrer Mütter und manchmal ihrer Väter an diese Zeit. Eine Zeit des Schreckens und Todes, der Gewalt und des Terrors, der Vertreibungen, der vielen Abertausende Opfer. Die Leides des Krieges wirken noch immer nach. Eine Frau aus der Gemeinde hat mir erzählt, dass ihr Bruder noch in Gefangenschaft gewesen und noch jung gestorben ist. Eine andere Frau hat mir erzählt, dass die Mutter allein mit sechs Kindern nach Kasachstan vertrieben wurde, wo sie mit leeren Händen dastand, ihren letzten Schal gab, um etwas Weizen zu bekommen, um wenigstens den Hunger der Kinder ein wenig zu stillen. So schreibt das Wort der Kirchen. Sich zu erinnern, um sich der eigenen Verantwortung heute bewusst zu werden, denn die Gewaltgeschichte hat immer noch Einfluss auf das Leben, Denken und Empfinden. Das ist zu erfahren und spüren, wenn Menschen aus ihrer Geschichte erzählen. Erst allmählich erzählen Menschen ihre Geschichte. In Beerdigungsgesprächen haben mir vor einigen Jahren die Ehefrauen berichtet, dass ihre verstorbenen Männer im Schlaf nachts immer wieder beängstigend geschrieen haben, aber nicht darüber sprechen konnten, was sie erlebt und erlitten haben. Diese Frauen waren sich sicher dass, ihre Männer ihre Kriegserlebnisse in sich trugen bis in den Tod.

Sich zu erinnern, sich auseinanderzusetzen mit der eigenen Geschichte, das hilft, sich heute zu orientieren. Als Christinnen und Christen wissen wir, dass wir nicht auf ewig gefesselt sind. Unser Gaube an Gott, der uns mit seiner Liebe und seiner Güte entgegenkommt, macht frei, trägt uns und hält uns. So können wir uns den dunklen Seiten unseres eigenen Lebens und unserer Geschichte stellen.

Warum ist es wichtig, sich zu erinnern?

Sich zu erinnern, bedeutet sein eigenes Leben anzunehmen, ja zu sagen zu meiner Geschichte. Sich zu erinnern hat eine mahnende Kraft, dass so eine Schreckensherrschaft darf nie mehr kommen darf. Nie mehr dürfen Menschen so geopfert werden wie in der Nationalsozialistischen Diktatur. Sich zu erinnern, verhindert Beschönigung oder im Nachhinein gut heißen. Sich zu erinnern, macht uns die Verführbarkeit des Menschen bewusst und seine Fähigkeit unmenschlich und entsetzlich brutal zu handeln und uns über den Mangel an Mut nicht zu täuschen.. Auch wenn einige wenige mutig waren, wie die Filme über Sopie Scholl und Bonhoeffer zeigen. Widerstand wurde nur von einer kleinen Minderheit gewagt. Viel mehr Menschen haben weggeschaut und geschwiegen, haben mitgemacht, gutgeheißen, blind für das Böse, verführt. So konnte die Schreckensherrschaft damals funktionieren. Wir sind dazu berufen als Christinnen und Christen, Jesus zu folgen, seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter zu sein und kommen immer wieder davon ab, lassen uns verleiten von dem, was uns andere vorgaukeln und mit Jesus gar nichts mehr zu tun hat. Sich zu erinnern an das was Jesus uns anbietet, damit wir unser Leben nach ihm ausrichten. In den Lesungen haben wir davon gehört.

Sich zu erinnern, um dankbar zu bleiben. Obwohl von Deutschland der Krieg ausgegangen ist, haben wir im Westen bald eine neue Chance erhalten. Es wurde eine freiheitliche Ordnung aufgebaut. Jede und jeder konnte sich informieren, es gab Meinungsfreiheit, die soziale Markwirtschaft hat viele zum Wohlstand kommen lassen und selbst die, die das nicht schafften, blieben nie so arm, wie es mir eine Frau aus dem Osten aus der Nachkriegszeit erzählt hat, dass die Mutter so schwer den ganzen Tag arbeiten musste, um ihre Kinder zu ernähren, der Vater war im Arbeitslager gestorben. Und wir können dankbar sein,, dass die, auch durch den zweiten Weltkrieg bedingte, Teilung Deutschlands so friedlich überwunden werden konnte, dass seit 60 Jahren kein Krieg mehr von Deutschland ausgegangen ist. Wir Menschen sind manchmal vergesslich, wir neigen heute dazu, das, was wir haben als selbstverständlich zu betrachten und wir vergessen leicht, woher wir kommen und in welcher Situation unser Land vor gerade mal 60 Jahren gewesen ist. Ich selbst kann mich noch erinnern an Trümmer in meiner Heimatstadt, die noch nicht abgeräumt worden waren, von den Bombardierungen etwa 12 Jahre zuvor. Ich kann mich auch noch gut an die Manöver der amerikanischen Armee auf den Feldern unseres Dorfes erinnern und an die Wut der Bauern, die ihre Felder zur Verfügung stellen mussten. Erinnerungen machen dankbar für das was erreicht worden ist, für den Segen, der Frieden und Versöhnung möglich gemacht hat. Gleichzeitig werden wir ermahnt, das Erreichte nicht zu verspielen.

Vielmehr dürfen wir alle nicht nachlassen in unserem Bemühen den Frieden zu erhalten und zu fördern, auch für die Zukunft. Gerade aus unseren Erinnerungen wissen wir, es gibt keinen Frieden ohne Versöhnung und Gerechtigkeit, ohne Achtung der Menschenrechte, die für alle Menschen gelten sollen, ohne Achtung des Grundgesetzes und des Rechts. Wenn wir uns die Voraussetzungen für Frieden vor Augen stellen, dann sehen wir auch die Herausforderungen, die noch erfüllt werden müssen in unserem Land und in den anderen Ländern.

Sicher können wir dankbar sein, denn viel ist erreicht worden in unserem Land, wenn wir bedenken dass vor 60 Jahren viele Dörfer und Städte in Schutt und Asche lagen. Der innere Frieden ist nicht selbstverständlich und er darf nicht für wirtschaftliches Wachstum preisgegeben werden. Er braucht Unterstützerinnen und Unterstützer, Wächterinnen und Wächter. Gerade wir Christinnen und Christen tragen die Bilder in unsf, von der Liebe Gottes zu allen Menschen, von dem Frieden, der allen gelten soll, von dem Regenbogen, der über den Wolken steht, der keine Grenzen kennt.

Diese Bilder sind stark, sie wollen uns Mut machen, uns der Erinnerung zu stellen, damit wir den Weg des Friedens und der Versöhnung heute gehen können. Den Weg mit all den anderen Menschen unter uns in ihrer Unterschiedlichkeit und wir können dankbar sein, dass die Nationalstaaten in Europa mehr und mehr zusammenfinden. Das ist die Grundlage für einen dauerhaften Frieden.., ein Beitrag Europas für die ganze Weltgemeinschaft und eine Aufforderung die Kriege endlich zu beenden und Lösungen zu suchen, die allen Menschen Zukunft eröffnet und eine ausreichende Versorgung.

Überall erwartet die christliche Gemeinde das kommende Pfingstfest, auch eine Erinnerung als eine Besinnung auf das Kommen des Heiligen Geistes in unser Leben, der Leben schafft, wie es Christinnen und Christen bekennen. Wenn wir nun Lichter anzünden, für unsere Erinnerung, unsere Klage oder unsere Hoffnung, dürfen wir darauf vertrauen, dass wir gehalten sind.

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