ER trägt uns – ganz gewiss! (Prediger 12,1-7: Erprobung Reihe 5)

Prediger 12,1-7 (Erprobung, Reihe 5)
Baptistengemeinde Schönagelstraße, 12685 Berlin
18.10.2015

(11,9 So freue dich, Jüngling, in deiner Jugend und lass dein Herz guter Dinger sein in deinen jungen Tagen. Tu, was dein Herz gelüstet und deinen Augen gefällt; aber wisse, dass Gott dich um das alles vor Gericht ziehen wird. 10 Lass den Unmut fern sein von deinem Herzen und halte fern das Übel von deinem Leibe; denn Kindheit und Jugend sind eitel.)

12,1 Gedenke an deinen Schöpfer in deiner Jugend, ehe denn die bösen Tage kommen und die Jahre sich nahen, da du wirst sagen: Sie gefallen mir nicht; 2 ehe die Sonne und das Licht, Mond und Sterne finster werden und Wolken wiederkommen nach dem Regen; 3 zur Zeit, wenn die Hüter des Hauses zittern, und die Starken sich krümmen und müßig stehen die Müllerinnen, weil es so wenige geworden sind, und wenn finster werden, die durch die Fenster sehen, 4 und wenn die Türen an der Gasse geschlossen werden, dass die Stimme der Mühle leiser wird, und wenn sie sich hebt, wie wenn der Vogel singt, und alle Töchter des Gesanges sich neigen; 5 wenn man vor Höhen sich fürchtet und sich ängstet auf dem Wege, wenn der Mandelbaum blüht, und die Heuschrecke sich belädt, und die Kaper aufbricht; denn der Mensch fährt dahin, wo er ewig bleibt, und die Klageleute gehen umher auf der Gasse; 6 ehe der silberne Strick zerreißt und die goldene Schale zerbricht und der Eimer zerschellt an der Quelle und das Rad zerbrochen in den Brunnen fällt. 7 Denn der Staub muss wieder zur Erde kommen, wie er gewesen ist, und der Geist wieder zu Gott, der ihn gegeben hat: (8 Es ist alles ganz eitel, spricht der Prediger, ganz eitel.)

Es waren die 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts, als die Puhdys sangen und rockten: „Alt wie ein Baum möchte ich werden …“ Und viele sangen oder summten mit und stellten sich vor, welch herrlichen Schatten so ein alter und großer Baum macht, ein Riesen-Traumfänger gleichermaßen, der uns hilft, zuweilen selber „zwischen Himmel und Erde zu sein“.

Es waren dieselben 70er Jahre, in denen ich Pfarrer in einem sächsischen Dorf auf halbem Wege zwischen Leipzig und Dresden war. Es war meine erste Stelle. Man hat dann ja so manches Schlüsselerlebnis, wenn man anfängt im Pfarrdienst und alles noch neu ist. Bis heute vergesse ich daher nicht, wie bei einem der vielen Besuche, die ich machte, eine Frau ganz unumwunden zu mir sagte: „Herr Pfarrer, alt werden ist grausam.“ Jetzt, wo ich selber 70 gewesen bin, schätze ich mich glücklich, derartiges nicht sagen zu müssen. Aber gelernt habe ich doch längst, dass das, was die Puhdys da bis heute singen, maximal die halbe Wahrheit ist.

Und wo finden wir die ganze Wahrheit? Da wir Christen sind, scheint die Antwort klar zu sein: Wir finden die Wahrheit in der Bibel. Doch angesichts der brutalen Beschreibung aller möglicher Altersbeschwerden in unserem Text aus dem Buch Prediger sind wir vielleicht doch eher geneigt, mit Pilatus zu fragen: „Was ist Wahrheit?“ Oder anders gefragt: „Ist das hilfreich?“ Oder noch zugespitzter: „Ist das Evangelium?“

Eins ist sicher, was wir ja immer schon wissen, was uns hier aber wieder einmal mit übergroßer Deutlichkeit entgegentritt: Die Bibel in ihrer Gesamtheit ist kein Buch für kleine Kinder, denen wir aus gutem Grund die Härten des Lebens noch ersparen möchten. Natürlich gibt es auch Geschichten, die sich für die Kleinen eignen. Aber die ganze Bibel ist eben doch ein Buch fürs ganze Leben mit Höhen und Tiefen und dem Tod am Ende.

Und so bekommen wir hier im Buch des Predigers alle Mühsal des älter Werdens drastisch vor Augen geführt, all‘ das, was wir uns nicht wünschen, was aber leider oftmals Realität ist, wenn nämlich die Augen schwächer werden, so dass Sonne, Mond und Sterne nicht mehr mit ihrem vertrauten hellen Licht scheinen, wo nach Tagen, an denen es etwas besser ging, doch schnell wieder dunkle Wolken den Blick wie das Gemüt eintrüben. Es ist die Zeit, wo die Arme, mit denen ein Mann seine Arbeit verrichtet und sein Haus verteidigt, zu zittern beginnen, und die Beine, jene einstmals Starken, schwach und krumm werden. Dann werden die Zähne, die früher so schönen und zahlreichen Müllerinnen, immer weniger. Und es wird still um den Menschen, und selber verstummt er auch, Türen und Fenster schließen sich. Dafür blüht so einiges auf: Geschwüre, offene Beine. Und das alles führt unausweichlich zum Tode hin, wenn schließlich der Strick zerreißt, die Schale zerbricht, der Eimer zerschellt oder das Rad in den Brunnen stürzt. Denn das scheint das einzige Ziel zu sein, dass der Staub wieder zur Erde kommt, wo er seinen Ausgangspunkt nahm.

Gut, der Geist geht wieder zu Gott. Doch was bedeutet das schon angesichts der ganzen zuvor geschilderten Quälerei? Es ist doch alles ganz eitel, wie der Prediger nicht müde wird zu betonen.

„Eitel“, damit haben wir das entscheidende Wort des Buches Kohelet benannt, des Predigers, „häwel“ im Hebräischen. Was ist das: „eitel“? Einen Snob z.B. würden wir heutzutage auch als eitel bezeichnen, einen, der mehr zu sein vorgibt, als er in Wirklichkeit ist. Aufgeblasen ist so einer. Wo aber etwas aufgeblasen ist, da ist nur Luft und nichts wirklich Greifbares dahinter. Und damit sind wir bei der älteren und ursprünglichen Bedeutung des Wortes „eitel“, nämlich „leer“ und demzufolge auch „nichtig“.

Ganz egal nun, welche Zusammenhänge der Prediger betrachtet, immer ist sein Fazit, dass doch nur alles „eitel“ sei und „Haschen nach Wind“ (1,11 u.ö.), ob es sich nun um den Lauf der Zeit handelt oder um die Arbeit des Menschen, um Jugend oder Alter, es ist alles nur „eitel“ und es geschieht „nichts Neues unter der Sonne“ (1,9).

Warum nur dieser Pessimismus? – Oder ist es etwa gar kein Pessimismus? – Begegnet uns hier vielleicht sogar eine tiefe Demut vor der Größe Gottes? „Ich merkte, dass alles, was Gott tut, das besteht für ewig; man kann nichts dazutun noch wegtun.“ (3,14) So redet der Prediger. Denn „er – also Gott – hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr – der Menschen – Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.“ (3,11) Gott ist so unfassbar groß. Und demgegenüber ist alles andere eitel, ist alles nur Windhauch, das wir keinesfalls zu schwer und zu wichtig nehmen sollen, nicht das, was wir gern behalten würden wie Jugend und Kraft und Gesundheit, und genau so wenig das, was wir lieber nicht haben wollen, Krankheit und Altersgebrechlichkeit etwa. Das ist alles vergänglich und darum letztendlich belanglos, ganz eitel eben. Nur eins gilt für den Prediger felsenfest: „Fürchte Gott und halte seine Gebote.“ (12,13) Wenn du aber das im Hinterkopf hast, dann genieße das Leben, solange es etwas zu genießen gibt. „Denn ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei allen seinen Mühen, das ist eine Gabe Gottes.“ (3,13)

Und darum ist das, was wir als Predigttext gehört haben, keinesfalls eine Drohung, sondern es ist Aufforderung und Mahnung zugleich, alle Tage und Stunden zu genießen, wo noch nichts von allen diesen so eindrücklich beschriebenen Nöten zu spüren ist. Allerdings will der Prediger unser Denken zurechtrücken: Nur Gott ist wichtig, prägt er uns ein, nur Gott bleibt, alles andere ist „eitel“, denn Jugend und Gesundheit sind kein Verdienst und Schwachheit im Alter keine Strafe. „Alles ist eitel, du aber bleibst und wen du ins Buch des Lebens schreibst.“ Theophil Rothenberg hat es auf den Punkt gebracht und mit einer wunderbaren Melodie versehen.

Der Prediger macht uns das Leben ein Stück leichter, denn alles hier in dieser Welt ist „eitel“: Also, nimm es nicht so schwer. Nur – Gott solltest du ernst nehmen und keineswegs „einen guten Mann sein lassen“, denn er ist der einzig bleibende. Das ist die Botschaft des Predigers, eine gute Botschaft.

Eine gewisse Bangigkeit allerdings schleicht sich ein angesichts seines apodiktischen Satzes: „Fürchte Gott und halte seine Gebote.“ Das klingt so alternativlos. Und es klingt auch so, als sei es ohne weiteres machbar. Was aber ist, wenn der Mensch am Gebot Gottes scheitert? Bei Lichte besehen tut er das ja von Anfang an und in einem fort. Und auch der Fromme scheitert an Gottes Gebot. Was dann? Hier kommt die alttestamentliche Weisheit, zu der ja der Prediger gehört, an ihre Grenzen und wir spüren, wie wichtig es ist, dass wir das ganze Alte Testament und die ganze Bibel haben, denn dann lesen wir Psalm 103,8: „Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte.“ Und wir erinnern uns, dass schon da, wo die ersten Menschen an Gottes Gebot scheiterten, er sie nicht nur aus dem Garten vertrieb, sondern ihnen zugleich half, nun auch außerhalb zu überleben, indem er ihnen Fellschurze gab statt der ganz unzulänglichen Feigenblätter, die sie sich gemacht hatten. Und wir erinnern uns an den, der da sagte: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ (Matth. 11,28) Dabei sehen wir zugleich die ausgebreiteten Arme dessen, der so spricht, wie er sich mit diesen Armen ans Kreuz schlagen lässt und wie er als Auferstandener die Hände erhebt und die Seinen segnet. Mit diesem Kontext lesen wir auch den Prediger als Evangelium.

Gut ist es, von diesem großen Zusammenhang zu wissen, denn es könnte ja sein, dass dann, wenn es uns schwer ankommt, es mitnichten ausreicht, wenn einer wie der Prediger zu uns sagt: „Es ist ist ja doch alles ganz eitel, also nimm’s nicht so schwer und nimm dich bitte selber nicht so ernst.“ Solche Worte könnten wie Hohn in den Ohren eines Leidenden klingen. Sie könnten wirken wie die Worte der Freunde auf den schrecklich leidenden Hiob: Sie lösen lautstarken Protest aus.

Das könnte so sein, weil der, von dem der Prediger sagt, dass er so unendlich groß sei, dann von uns in unserer Not doch ganz nah gebraucht wird, weil sich eine „unendliche Leichtigkeit des Seins“ eben nicht einfach mal so einstellt oder weil alles doch „ganz eitel“ ist, sondern nur dadurch, dass Er, der Unendliche, uns trägt…

Ich wünsche uns allen dieses Wunder, wenn wir es brauchen. Amen.

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