Er ist auf Erden kommen arm

Liebe Gemeinde am Heiligen Abend,

jetzt sind wir wieder hier, wieder hier in der Kirche, so zahlreich wie letztes Jahr. Angelockt vom schönen Raum und der besonderen Stimmung, angezogen von der Musik, angerührt von den alten Texten und Liedern. Jetzt sind wir wieder hier, nach einem Jahr wieder in der großen Gemeinde des Heiligen Abends versammelt.

Wie war ihr Jahr? Was hat Sie berührt, was ist aus Ihnen geworden, was war wirklich wichtig? Waren Sie fröhlich, haben Sie oft gelacht? Wie oft haben Sie geweint in diesem Jahr? Wie oft sich unverstanden, verlassen, einsam gefühlt? Wie war Ihr Jahr?

Wir alle haben wohl einen Moment am Heiligen Abend, an dem wir besinnlich, nachdenklich, gerührt und ein bisschen rührselig, ja, auch traurig, Revue passieren lassen. Die Erinnerung an die Menschen, mit denen wir gelebt haben und die gestorben sind, diese Erinnerung kommt. Die Erinnerung an Lebensmöglichkeiten, an die ergriffenen und verpassten Chancen und Entscheidungen unseres Leben, diese Erinnerungen werden wach. Die Erinnerung an eigene Schuld, was wir versäumt und falsch gemacht haben, wo Menschen es unseretwegen schwerer hatten, diese Erinnerungen stellen sich ein.

Sie haben wohl mit unserem Erwachsensein, mit unserem Leben in Verantwortung zu tun. Erwachsen werden wir durch Kompromisse, Enttäuschungen, Verletzungen, wohl auch durch Gewalt. Was macht uns Menschen aus? Nicht können. Nicht wissen. Nicht alles tun können. Nicht unsterblich sein.

Für Frieden, Gerechtigkeit, Gemeinschaft einstehen zu können – wie klein ist das Maß des Möglichen und das drückt uns, auch wenn wir das im Alltag oft kaum spüren. Wenn wir die teuren Lumpen unseres Erwachsenendaseins beiseite legen, was bleibt? Ein Kind, das Fürsorge braucht? Und wenn wir das zulassen, unsere Bedürftigkeit und unsere unstillbare Sehnsucht und unsere Abgründe, die Schwindel erregenden Tiefen in uns?

Ich weiß nicht genau, wie meine persönliche Bilanz aussieht – sie ändert sich je nach Tagesform. Aber ich weiß, dass sie an Weihnachten anders aussieht. Dass ich in diesem berührten, rührseligen Moment im Licht der Kerzen anders fühle als im klaren Morgenlicht. Ich fühle mich eher verbunden, ich kann eher spüren, dass ich einen Platz auf dem Erdenrund habe und dass es gut ist. In mir ist mehr als ich, mehr als ich selbst. In mir ist ein Grund, der mich ausmacht und mich überschreitet, ein unbekanntes Ganzes, zu dem ich gehöre, ein unfassbar Großes, das Eine, von dem ich stamme, dessen Kind ich bin.

Meine Sicht am Heiligen Abend kommt von unten her, vom Kind in der Krippe, aus dem Dunkeln, in das ein Lichtstrahl fällt. Mein Blick ist mehr von Sehnsucht und Zartheit erfüllt als im Alltagslicht. Ja, mehr Bedürftigkeit, die ich mir im Alltag- und Arbeitsleben nicht glaube leisten zu können, und gleichzeitig mehr Vertrauen, dass diese Bedürftigkeit gut ist, gehalten ist und gegründet ist, auch wenn sie nicht unbedingt erfüllt wird. Die Tür ist nicht mehr so fest verschlossen, die in unser Inneres führt, die im Inneren jedes Menschen zu Gott führt.

Wie oft haben Sie geweint in diesem Jahr? Tränen sind die Vorboten der Wahrheit. Unser Menschenbild ändert sich mit den Tränen. Wir sehen einem Menschen in die Augen und fühlen die Last auch seines Lebens, seine beredten oder stummen Qualen, seine Hoffnungen, alles, was die Gesichtszüge zerfurcht, belebt, strahlen lässt oder grau macht, das, was in den Augen leuchtet oder stumpf ist. Manchmal sehen wir mehr, erahnen das frühere Kind mit seinem Lachen und Weinen, das kommende Alter, den ganzen steinigen, unsicheren, glücklichen und schmerzvollen Lebensweg. Wir sehen an Weihnachten mit Gottes Augen.

Ja, ich weiß, auch heute Abend wird der Stress dazugehören und Aufregung und manche weinen auch nicht, sondern brüllen, und die Ohren rauschen oder das Herz pocht oder die Hände zittern und viele sind froh wenn das Ganze dann vorbei ist. Aber das das so ist, ist nicht falsch, sondern richtig. Weil wir spüren, dass etwas Besonderes um diesen Abend ist. Das macht das Leben nicht leichter, aber tiefer.

Deshalb sind wir wohl so viele hier, an diesem Abend, obwohl es zu Hause Geschenke gibt und man sich dort auch satt essen kann. Eine Sehnsucht, die an Weihnachten auch die befällt, denen wenig oder nichts fehlt. Was ist das für eine Kraft, die von Weihnachten ausgeht und uns zusammenbringt, uns, die wir unsere Daseinsberechtigung in unserer Gesellschaft durch Zeugnisse und Berufsausbildung, Arbeit und Einkommen, Leistung und Erfolg nachgewiesen haben. Die Antwort wissen wir längst selbst, eher mit dem Herzen als mit dem Verstand. Weil die Weihnachtsgeschichte eine gute Geschichte ist, die Sehnsucht weckt und Sehnsucht stillt. Weil offensichtlich wirklich Frieden auf Erden von ihr ausgeht. Oder was ist das sonst, was wir hier jetzt in unserer Kirche haben? Ein Platz, der den Namen Zuhause verdient. Wenn wir in diesen Tagen zusammenkommen und wieder zueinander finden nach einem Streit, nach Unverständnis, nach Abkehr. Wenn wir die Menschen, die wir lieben, in den Arm nehmen.

Das Kind in der Krippe bewirkt das, es ist eine gute Geschichte. Bei ihm ist der Ort, der uns fehlt. Ein Ort, wo keine, keiner von uns das Leben und die Daseinsberechtigung verdienen muss. Ein Platz, der den Namen Zuhause verdient, wo uns Gott sein Wohlgefallen zuspricht. An diesem Abend ist, so behaupte ich, der Kirchenraum unser Zuhause wie sonst nie oder sehr selten.

Ein bisschen heimelig im Zusammenrücken und mit dem Weihnachtsbaum.

Die Krippe als Bild für Geborgenheit und Gehaltensein und gleichzeitig ein Bild, wie das Kind schon im Mutterleib beteiligt ist an der verzweifelten Suche nach einem Zuhause oder wenigstens einer Herberge für die Nacht, hart an der Grenze und doch von Gott behütet. Hineingeworfen in ein Leben ohne Sicherheit. Jahre später wird er am Kreuz von Golgatha seine Arme ausbreiten, um alles Elend aus Schicksal und Schuld in Gottes Leben hinein zu nehmen. Weil wir sterblichen Menschen und der ewige Gott eine gemeinsame Zukunft haben. Auch dafür haben wir hier mitten in der Kirche das Zeichen, das Kreuz. Es ist Anfang und Vollendung, es ist der Grund in uns. Es ist ein Zuhause, ein Platz, wo uns Gottes Wohlgefallen zugesprochen wird. Das kommt nicht mit großen Worten und Gesten daher, das geht ganz zart:

Er ist auf Erden kommen arm

Dass er unser sich erbarm

Uns in den Himmeln mache reich

Und seinen lieben Engeln gleich

Und da sind wir – erstaunlicherweise – Zuhause.

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