Einübung ins Leben

Predigt zu 2. Mos 14,8-14.19-23.28-30a; 15, 20-21

1. Corona-Elegie

»Da kann ich ein Lied von singen«. Wer so spricht, hat niemals eine fröhliche Melodie im Kopf. Es folgt stets das, was Kreuzwortspieler/innen als »Klagelied mit sechs Buchstaben« kennen, eine Elegie, ein Lied in wehmütiger Tonlage.

Also stellen wir uns zuerst mit den Klagenden in eine Reihe, zu denen, die jammern, weil Rettung so unbequem ist und Flucht Mühe macht.

Zu Beginn trage ich Ihnen eine Corona-Elegie vor.

Wir sind zwar irgendwie isoliert und doch erleben wir so viel in diesen Corona-Zeiten. Da denke ich an Wutausbrüche, sobald man einen anderen im Supermarkt bittet, Abstand zu halten oder die Maske doch aufzusetzen oder sie richtig zu tragen. Nicht selten kommt pöbelhaftes Geschrei zur Antwort. Erschrocken und beschämt bisweilen ist, wer selbst so explodiert ist.

Familien erleben, wie sehr Kinder unter der ständigen Isolierung leiden. »Ich will das das vorbei ist. Ich kann das nicht mehr.« Wenn ein fünfjähriges Mädchen weint und klagt, geht das tiefer unter die Haut. Bei einem Erwachsenen denken wir ja eher, er möge sich doch zusammen reißen.

Gut zwanzig Menschen kenne ich, die infiziert waren. Mittlerweile sind zwei Menschen davon an der Seuche gestorben. Die Beisetzungen fanden fernab von allen Weggefährten statt in bedrückender Einsamkeit für die nahen Angehörigen.

Eine ehemalige Kollegin erzählt von ihrem Lebenspartner, der nach überstandener Infektion dennoch schwer beeinträchtigt ist und wohl lange, wenn nicht immer, bleiben wird. Ein paar Häuser weiter ringen Nachbarn ums Leben.

Freundschaften sind zerbrochen, weil man über die Bewertung der Pandemie streitet, die im Extrem als Erfindung obskurer Kreise ausgegeben wird. Wir erleben Zynismus, der darüber klagt, dass man der ganz Alten wegen, die sowie bald sterben, die Wirtschaft anhält.

Wir erleben, wie widersprüchlich und falsch Informationen oft sind und wie viel Geschwätz von unseren Medien zum Thema verbreitet wird; vom Blödsinn in den asozialen Medien ganz zu schweigen.

Wir erleben – vielleicht sogar im eigenen Umfeld – wie bedrängend die berufliche und finanzielle Situation geworden ist, weil man seit Wochen seine Tätigkeit nicht mehr ausüben darf, da man nicht »systemrelevant« ist. Und wir erleben, wie sorglos Zigtausende in den Urlaub fliegen.

Wir erleben, wie hilflos und unfähig die meisten unserer politisch Verantwortlichen handeln. Wer es besser könnte, sollte sich bald melden und zur Wahl stellen.

Wir erleben auch die Mut- und Wortlosigkeit unserer Kirche, die vielerorts wie verschwunden wirkt. Ich habe dieser Tage Internetseiten von Gemeinden gesehen, die noch zum Weihnachtsgottesdienst einladen.

Wir erleben, wie unzählige Menschen begierig darauf sind, an der Pandemie zu verdienen. Das sind ja nicht nur auf den eigenen Vorteil bedachte, korrupte Politiker. Das ist nichts Neues. Die Überlastung des Impfkampagne mit ausufernder Bürokratie gründet einzig und allein in der Sorge vor Korruption. Nein, den Hausärzten traut niemand. »Leider nicht zu unrecht«, gestand mir diese Tage ein mit mir befreundeter Arzt. Von der Pharmaindustrie erwartet man es sowieso nicht anders.

Wir erleben, das tausende von Hilfs-Anträgen in betrügerischer Absicht gestellt worden sind. »Die kriminelle Energie, die in unseren heimischen Betrieben steckt, macht mich betroffen«, gestand ein Vertreter der Industrie- und Handelskammer.

Es reicht, oder? Soll die Elegie noch weiter gehen? Lassen wir das.

2. Passah: Rettung erinnern

Es mag den einen oder die andere von ihnen, liebe Gemeinde, verwundert haben, dass der Osterpredigt heute ein Zitat aus dem Ersten Testament zu Grunde liegt, nämlich die Rettung Israels im Durchzug durch das Schilfmeer, der „Exodus“, der „Auszug“.

Diese Rettungs-Geschichte steht im Zentrum des jüdischen Pessach/Passah-Festes, das in seinen Symbolen und Ritualen den rettenden Gott feiert. Alle Rituale und Gegenstände an diesem achttägigen Familien-Fest sind von Bedeutung. Man isst nur Matze, ein trockenes Fladenbrot, an diesem achttägigen Fest in Erinnerung an die Plötzlichkeit der Flucht, die keine Zeit ließ für Sauerteig, der deswegen restlos entfernt werden muss. Also wird das ganze Haus ganz gründlich geputzt. Diese jüdische Sitte lebt bei uns als »Frühjahrsputz« weiter.

Bittere Kräuter und Salzwasser am Sederabend (das ist der Vorabend zum Passah) erinnern an die Tränen und die Armut der Flucht. Und vier Becher Wein für jedes Familienmitglied bedeuten die Freude an Gottes Rettung. Und das jüngste Kind muss fragen, warum gefeiert wird.

Und richtig, in diesem Brot und Wein des Passahfestes wurzelt unsere christliche Feier des Heiligen Abendmahls oder der »Eucharistie«, was „Danksagung“ bedeutet. Jesus feierte das Mahl mit seinen Jüngern am Passahfest.

Und darum wird gefeiert: Wie hart die Zeiten auch sein mögen, und welchen Namen „Pharao“ gerade trägt, so lasst uns im Glauben festhalten, lasst uns im Glauben bleiben, dass Gott uns rettet. Religiöse Feste schauen stets in die Zukunft. Sonst hätten sie auch keinen Sinn: Fürchtet euch nicht, steht fest und seht zu, was für ein Heil der HERR an euch tun wird.  Der HERR wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein.

 3. Rettung glauben

 Mit traurigen, elegischen Gedanken wandern zwei der Jünger Jesu nach Emmaus. Dem Fremden, der ihren Weg mitgeht, klagen sie all das Elend, das mit Christus Jesus geschehen war. Und dann gehen ihnen die Augen auf und sie erkennen ihn im gemeinsamen Mahl, im Brotbrechen und in ihren Herzen formt sich das Bekenntnis: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden.

Gottes Heilsbogen, sein rettendes Handeln spannt sich über unsere Welt, spannt sich über den Kosmos hinweg. Das entwertet nicht das Pessachfest. Im Gegenteil: Es weitet dieses Fest der Rettung für uns Christen/innen ins Universelle.

Paulus wird es später so formulieren:

»Wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden. Ein jeder aber in der für ihn bestimmten Ordnung: als Erstling Christus; danach die Christus angehören, wenn er kommen wird;  danach das Ende, wenn er das Reich Gott, dem Vater, übergeben wird, nachdem er vernichtet hat alle Herrschaft und alle Macht und Gewalt.  Denn er muss herrschen, bis Gott »alle Feinde unter seine Füße gelegt hat« .  Der letzte Feind, der vernichtet wird, ist der Tod. (1. Kor 15, 22ff).«

In Christus scheint inmitten der Zeit das Ende auf, das Ziel alles Lebens, das Ziel der Schöpfung, das Ziel des Universums.

 Steile Sätze sind das und für manchen vielleicht zu steil, zu hoch, zu glatt formuliert. Da gibt es doch so unendlich viel Einwände, und diese Frage: Kann ich das glauben?

 Ich zitiere ein Lied, dass sie wahrscheinlich alle kennen unter dem Titel »Go down Moses« oder »Let my people go«.

Die Sklaven Amerikas sangen dieses Exodus-Hoffnungs-Lied voll Zuversicht, dass Gott ihnen Leben und Gerechtigkeit schenken werde. Auferstehung glauben heißt ja nicht, ein seltsames Mirakel für wahr halten. Auferstehung glauben heißt, sich einüben durch die Bibel, sich mitnehmen lassen in das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit. Der Weg ist lang.

 4. Sich einüben

Um lange Wege gehen zu können, bedarf es der Stärkung und Übung. So deute ich unser Osterfest. Dem Passah gleich ist es unsere Einübung in die Erinnerung unserer Zukunft.

Am Gründonnerstag erinnern wir die Einsetzung des Heiligen Abendmahls, worin Christus seine Kirche gründet aus Sündern und Gerechten und darin den rettenden Gott Israels der ganzen Welt und allen Zeiten verkündigt.

Am Karfreitag erinnern wir uns der harten Welt, die Gott eher sterben lässt als von eigener Macht zu lassen. Und wir glauben Gottes Liebe: »Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.«

Im Karsamstag ertragen wir Gottes Schweigen und seine Ferne in Solidarität mit all den Menschen, die an Gott verzweifelt sind.

In der Osternacht erwarten und feiern wir die Ankunft des Lebens im Auferstandenen und Ostersonntag verkünden wir dies aller Welt: Christ ist erstanden. Der Gekreuzigte lebt. Gott hat in ihm unsere Sünde auf sich genommen. Wahrhaftig, er ist auferstanden. Und der Ostermontag schließlich führt hinein in den Glauben, dass Christus bei uns bleibt.

 »Da kann ich ein Lied von singen«. Diese Redewendung geht auf alte Zeiten zurück, als „Lied“ noch die Bedeutung von Vortrag hatte. Ein Lied singen durfte der öffentlich, der viel zu sagen hatte, weil er viel wusste.

Und wir hoffen, dass unsere verstummte Kirche zum Wort Gottes zurückfindet.

Und wenngleich das Singen heute um der Sicherheit willen unterbleibt, so ist jede/r unter uns eingeladen, auf dem Nachhauseweg und darüber hinaus im Herzen und mit lautem Mund zu singen: Christ ist erstanden von der Marter alle. Des will ich froh sein.

In Christus lebt meine Hoffnung, die mich dieses schlimme Jahr trägt, hoffen und leben lässt.

Ich höre mir die Elegien der Coronazeit an. Aber glauben, glauben schenke ich den anderen Liedern, den Liedern des Lebens. Darum schlage ich einst wie Mirjam, die Prophetin, Aarons Schwester, auf die Pauke und singe Lieder vom Leben, denn dazu sind wir, die wir glauben, begabt.

Amen

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