Eine sensationell befreiende Botschaft

Liebe Gemeinde,

über Martin Luther hätten sie schon alles im Geschichtsunterricht gelernt, erzählten mir die Schüler der 9. Klasse am Eisleber Luthergymnasium. Ich fragte, was ihnen denn beim Stichwort Luther einfalle. "Naja, der hat den Leuten erklärt, dass sie sich nicht mehr von der Kirche abzocken lassen sollen", kam als erste Antwort. Ich stand vor der Aufgabe, meine Prüfungsstunde als Religionslehrerin vorzubereiten – und es sollte ausgerechnet der Schluss einer Unterrichtseinheit über Luther sein. Thema: "Luther und die Rechtfertigungslehre". Im Lehrplan war genau die Bibelstelle angegeben, die unseren heutigen Predigttext bildet.

[TEXT]

Ein harter Brocken, nicht nur für Neuntklässler. Paulus, von Luther wiederentdeckt und ins Deutsche übertragen. In ein Deutsch, das heute so kein Mensch mehr spricht. "So halten wir nun dafür", so spricht heute allenfalls ganz bewusst noch ein evangelischer Pfarrer, der seine Belesenheit und Luther-Verbundenheit zur Schau stellen will. "Denn wir sind der Überzeugung", heißt es in der Einheitsübersetzung, die in der römisch-katholischen Kirche verwendet wird. Sie gibt überhaupt diesen Text viel verständlicher wieder. "Denn wir sind der Überzeugung, dass der Mensch gerecht wird durch Glauben, unabhängig von Werken des Gesetzes."

Aber heute ist Reformationstag, wir sind in einer Luther-Kirche und wir sind als evangelische Prediger gehalten, die Luther-Übersetzung zu benutzen. Sie packt eine sensationell befreiende Botschaft in sehr trockene Worte. "Das Herzstück dieser Epistel und der ganzen Schrift" nannte Martin Luther den Textabschnitt Römer 3,21-28 und baute seine ganze Theologie darauf auf. "Rechtfertigungslehre" – der Begriff klingt eher nach juristischer als nach theologischer Fakultät, und das Wort "Gesetz" kommt überdimensional oft vor.

"Luther hat den Leuten erklärt, dass sie sich nicht mehr von der Kirche abzocken lassen müssen", irgendwie hatte der Schüler aus der 9. Klasse Recht. Aber die Botschaft des Paulus geht ja viel weiter. Sie hat existentiell mit Freiheit zu tun. Haben wir das überhaupt schon begriffen? Können wir das heute noch begreifen? Protestantismus steht ja nicht gerade für Lebensfreude. "Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten", auf diesen eher bedrückenden Teil des Römerbriefes wird allzu oft der Schwerpunkt gelegt in dem, was von unseren Kanzeln gepredigt wird, was Generationen von Kindern aus frommem Hause mit auf dem Lebensweg gegeben wurde – und mancher wurde dadurch genauso zum Seelenkrüppel wie es der junge Luther als Mönch war. Die Frage, die ihn am meisten quälte, war bekanntlich: "Wie kriege ich einen gnädigen Gott?". In religiösen Familen mag das noch Thema sein – aber in unserer weitgehend entchristlichten Gesellschaft scheint man ja auch ohne gnädigen Gott ganz gelassen auszukommen. Dass eine solche Frage Menschen in fürchterliche Ängste versetzen kann, dass sie sie dazu bringen kann, ihr weniges Geld für Ablassbriefe auszugeben, das können junge Leute von heute schwer verstehen. "Waren denn damals so viele in der Kirche?", meinte zweifelnd ein Mädchen im sechsten Schuljahr, als sie von den Erfolgen des Ablasspredigers Tetzel hörte. "Warum sind die nicht ausgetreten, wenn ihnen da so Angst gemacht wurde?"

Dass für die Leute im ausgehenden Mittelalter ein Ausschluss aus der Kirche der gesellschaftliche Ruin gewesen wäre, das können sich junge Leute hier und heute kaum vorstellen. Auch dann nicht, wenn sie den Religionsunterricht besuchen. Wem die Kirchensteuer zu hoch ist, der tritt aus. Und wem nicht passt, was der Papst sagt, der tritt ebenfalls aus, manchmal versehentlich sogar aus der evangelischen Kirche.
Was uns als christliche Minderheit heute umtreibt, ist eher der Gedanke:
"Wie mache ich es, dass Menschen sich dafür interessieren, dass wir einen gnädigen Gott haben, der für alle da ist?"

Wir leben im Kernland der Reformation, aber für ihre befreiende Botschaft müssen wir den Boden neu bearbeiten. Das erfordert Geduld, die wir selten haben – und es erfordert auch das feste Vertrauen darauf, dass nicht wir es sind, die das Evangelium zum Laufen bringen, sondern Gott selbst.

"Das Weizenkorn muss erst sterben, um dann aufgehen und Frucht bringen zu können", daran denken wir sehr selten in der Kirche. Wir erschöpfen uns in missionarischen Projekten, die helfen sollen, die Gemeindemitgliederzahlen hochzutreiben. Wir hetzen von Predigtstelle zu Predigtstelle und stehen dem Sinn dessen, was wir verkündigen, selbst im Weg. Wir predigen Frieden und strahlen Unruhe aus, wir verkündigen die Ewigkeit und haben kaum eine freie Stunde in unserem Terminkalender. Dabei kommt das Reich Gottes auch ohne uns, und als Jünger sollten wir einen langen Atem haben und uns nicht durch die Zeit hetzen lassen. Ruhe, Atempausen, das ist gerade das, was wir den aufgescheuchten Seelen unserer Mitmenschen anbieten sollten. Um so weit zu kommen, müssen wir uns erst einmal selbst zurecht bringen, wir können nur das Richtige tun, wenn uns selbst klar ist, dass der allmächtiger Gott zweifellos mehr zu tun beschlossen hat, als wir denken oder begreifen.

"Wir sind der Überzeugung, dass der Mensch gerecht wird durch Glauben", das bedeutet auch, dass wir darauf vertrauen, dass Gott weiß, was er mit seiner Kirche vorhat. Wer alles, was er in der Kirche tut, nur unter dem Aspekt tut "wir müssen uns behaupten inmitten der Konkurrenz von Institutionen", der läuft Gefahr, den Götzen der Machbarkeit anzubeten. Er erschöpft sich und seine Mitarbeiter in blindem Aktivismus, vielleicht voller guter Absicht sogar. Und irgendwie bleibt da dann doch so ein Ruch von "Schaffet, dass ihr selig werdet". Nicht wir sind es, die die Welt retten. Gott hat sie bereits gerettet. Es war Martin Luther, der voller Gelassenheit zu Melanchthon sagte:

"Lass uns zum Biere gehen, Philippus, das Evangelium läuft". Nicht Gleichgültigkeit spricht aus diesen Worten, sondern ein großes Gottvertrauen.

Indem wir glauben, dass Jesus für uns gestorben ist, sind wir gleichzeitig erlöst, sagt Paulus. "Sola Gratia", allein aus Gnade und ein für allemal. Wir wollen es doch so gerne recht machen – uns, anderen, Gott. Deswegen fällt es uns so schwer, diese Botschaft an uns heranzulassen. Manchem macht sie sogar Angst. Wie nun – wenn ich nichts zu bringen brauche, weil Jesus Christus für mich schon alles vollbracht hat, was bleibt dann von mir übrig? Auf was kann ich mich bei meinen eigenen Fähigkeiten verlassen? Ich kann mich voll und ganz darauf verlassen, dass Gott mich kennt, dass er mich immer mit allem ausstattet, was ich gerade jetzt wirklich brauche. Und dass er weiß und sieht, wie ich wirklich bin, hinter Fassaden, die ich mir selbst aufgebaut habe und hinter Masken, die mir meine Umwelt aufgesetzt hat. Es kann passieren, dass ich mich selbst streckenweise verliere und nicht mehr weiß, wer ich wirklich bin. Es kann auch passieren, dass ich vergesse, wem ich letztendlich verdanke, was ich bin: nämlich dem, der mich so und nicht anders gemacht hat. Und dem, der durch Höllenqualen gegangen ist, damit mein Leben zurecht gerückt ist. Darum ist das Symbol des Kreuzes so wichtig, es weckt mich auf aus dem heillosen Kreisen um meine eigene Person.

Für mich, so habe ich meinen Religionsschülern erklärt, ist das Kreuz ein Symbol der Freiheit. Sie waren erstaunt. Sie sahen darin mehr ein Symbol für Tod als für Leben. Kein Wunder in einer Gesellschaft, die Kreuze weitgehend auf den Friedhof verbannt hat. Und wer geht dort schon hin, wenn er nicht muss? In unserer Gesellschaft zählen die Überlebenskünstler. Den Tod hat man ausgeklammert. Nicht etwa, weil man Angst hat vor dem Fegefeuer, wie zu Luthers Zeit, sondern aus Angst vor der Angst. Über Angst zu reden, ist ein Zeichen von Schwäche, es ist nicht "in" – und gleichzeitig nehmen die Angstneurosen zu. Wir haben keine Angst mehr davor, den Anforderungen Gottes nicht zu genügen, sondern vor anderen Menschen und vor uns selbst zu versagen. Angst davor, nicht jung, cool und gesund genug zu sein. Angst davor, nicht schnell, schön und reich genug zu sein. Angst davor, einsam zu sein, allein gelassen zu werden und dann zurückgeworfen zu sein auf uns selbst. Und was wollen mir mit uns selbst als einzigem Gegenüber schon anfangen, mit uns als so unvollkommenem und anfälligem Wesen? Wer sich auf diese Weise allein fühlt, dem ist zu Recht Angst. Wie gut ist es da, aufschauen zu können auf Jesus, der genau diese Angst kennt, weil er sie durchlitten hat. Für uns, damit wir nicht allein sind. Das können wir ruhig weitersagen, zum Beispiel all denen, die einen Kreuzanhänger als Modeschmuck tragen und denen nie erklärt wurde, was dieses Zeichen bedeutet.

Das Kreuz setzt ein Signal: Wir haben einen gnädigen Gott in einer gnadenlosen Gesellschaft. Wir sind Gott recht. Wir sind Gott recht so, wie wir sind und so, wie wir hier sind. Als Hausfrau, als Konfirmand, als Bankkaufmann, als Friseuse, als Prediger. Auch dann, wenn wir das manchmal gar nicht glauben können – und wenn wir uns gerade jetzt, so wie wir sind, unausstehlich finden. Aber auch, wenn wir glücklich sind. Wir sind Gott recht und müssen nichts, aber auch gar nichts dazu tun. Gott hat alles selbst getan, um uns recht zu machen in seinen Augen. Was könnten wir auch tun? Was könnten wir leisten oder Gott beweisen? Es wäre doch nie genug. Nur Gott hat genug getan, als er seinen Sohn sterben ließ für all das Leid, das wir anrichten; für unsere Überheblichkeit und für unsere Gleichgültigkeit. Gott liebt uns als die schwachen Menschen, die wir sind, als die unvollkommenen Menschen, die wir sind. Wir müssen nicht sein wie Christus. Wir können zu uns selber Ja sagen, weil Gott in diesem Jesus zu uns Ja sagte.

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