Eine neue Zielrichtung

‚Ich bin getauft‘ – das soll sich Martin Luther auf den Tisch geschrieben haben, um sich immer wieder daran zu erinnern, dass Gott sich ihm schon längst zugewandt hat, schon längst Ja zu ihm gesagt hat, ehe er etwas sagen konnte. Dieses Bewusstsein hat ihn gestärkt, gerade dann, wenn er sich angefochten fühlte in seinem Glauben.

Vielleicht wäre es für uns auch ganz gut, wenn ich mir ein solches Erinnerungsmal setzen würde für diese Botschaft an mich selber: Ich bin getauft. Eine derartige Erinnerung ist Thema des 6. Sonntags nach Trinitatis und damit heute auch unser Thema.

Nicht ganz einfach wird diese Erinnerung durch den vorgeschlagenen Predigttext aus dem Alten Testament. Dort ist natürlich nicht von der Taufe die Rede, wohl aber von Gott, der sich sein Volk erwählt hat, und der sich immer aufs Neue Menschen erwählt. Wir sind also nicht direkt gemeint, aber wir können uns vielleicht hineinfühlen und uns damit angesprochen fühlen: 

[TEXT]

Die Menschen werden an die Geschichte ihres Glaubens erinnert. Im Prinzip wissen sie das alles, kennen die große Geschichte von Abraham und Sara und wie aus den Beiden gegen alle Wahrscheinlichkeit ein großes Volk wurde. Sie kennen die Geschichte von Mose, der mit Gottes Hilfe das Volk Israel befreit hat und durch die Wüste in eine neue Zukunft geführt hat. 

Sie kennen auch die Geschichte des Versagens, des Murrens in der Wüste, sie wissen, wie die Menschen immer wieder mehr auf ihre eigene Kraft, ihre eigene Stärke vertraut haben, als auf Gott. Und sie wissen, wie Gott sie trotz allem nicht im Stich gelassen hat, seinem Volk treu geblieben ist, obwohl es selber nicht treu geblieben ist. Sie kennen die Geschichte zwischen Gott und seinem Volk, eine Geschichte voller Liebe, wie sie sonst nur Eltern für ihre Kinder aufbringen. Diese Liebe, die sieht, dass die Kinder nicht einfach in Ordnung sind und sie doch liebt. Liebe, die liebt – trotzdem, Liebe die so unverdient ist, aber gut tut. 

Und trotzdem brauchen sie diese Erinnerung, genauso wie Martin Luther sie auch gebraucht hat, diese Vergewisserung: Es stimmt: Gott hat Ja zu mir gesagt, ehe ich antworten konnte, er liebt mich, er hat mich beim Namen gerufen, zu ihm gehöre ich. 

An diese Erwählung erinnert der Prediger unseres Textes die Menschen, um ihnen zu sagen: Das hat Folgen. Es ist wie in einer zwischenmenschlichen Liebesbeziehung. Dass jemand zu mir sagt: Ich liebe dich, hat Folgen. Ich muss mich dazu verhalten. Ich kann es ignorieren oder mich darauf einlassen, aber Stellung nehmen muss ich, und durch diese Stellungnahme wird etwas verändern in meinem Leben, auch wenn ich nicht so genau weiß, was.

Denn: Liebe ist immer Interaktion: Menschen, die lieben, verändern sich. Manchmal in sehr unerwarteter Weise. Menschen, die spüren, dass Gott sie liebt, können sich genauso verändern. Menschen die sich daran erinnern, was Gott zu ihnen in der Taufe gesagt hat, können mutiger werden, selbstbewusster, aber auch liebevoller, zugewandter, achtsamer. Sie können aber auch versuchen, sich von Gott zu befreien. Diese Freiheit haben sie. Ob es ihnen guttut. Ich habe da meine Zweifel. 

Ich weiß: Ich kann mich verändern, weil ich geliebt werde. Manche Menschen haben dafür ein Gespür, wie sie sich verändert haben durch die Liebe ihrer Eltern, durch die Liebe der Partnerin oder des Partners. Das ist ja manchmal überraschend, wie Dinge ihren Wert verlieren oder neuen Wert gewinnen, weil man in einer guten und liebevollen Partnerschaft lebt. Ich kann ein neuer Mensch werden dadurch, dass ich geliebt werde. 

Gott hat in der Taufe Ja zu mir gesagt. Ich muss selber herausfinden, was das in meinem Alltag bedeutet, wie das meine Sichtweisen beeinflusst. Vielleicht lerne ich weniger Dinge unter dem Gesichtspunkt zu betrachten: Was habe ich davon? Vielleicht lerne ich mehr zu fragen: Was brauchen die Menschen, die Probleme haben, die am Rande stehen, die sich nicht geliebt fühlen?

Vielleicht lerne ich, manche meiner Probleme nicht so wichtig zu nehmen. Vielleicht lerne ich umso mehr, meine Mitmenschen ernst zu nehmen. Spannend könnte es auf jeden Fall werden, sich darauf einzulassen mit der eigenen Taufe zu leben, in dem Bewusstsein: Ich bin schon längst geliebt, ich bin bei Gott geborgen – egal wie ich mich manchmal verhalte. 

Im Mittelpunkt unseres alttestamentlichen Textes genauso wie im Mittelpunkt der Taufe steht das JA Gottes zu seinem Volk, das Ja zu den Menschen, die er berufen hat. Seine Liebe, die unabänderlich ist, die unverbrüchlich steht. Liebe ist und bleibt Interaktion. Sie löst etwas aus: Ablehnung oder Zuwendung und aus Zuwendung entsteht eine Veränderung in der Einstellung. Es wäre verdammt billig, zu glauben, ich könnte mich jemandem zuwenden ohne dass es mich etwas kostet. Es wäre schäbig zu glauben, ich könnte lieben, ohne etwas einzubringen von meiner Persönlichkeit, ohne mich zu verändern.  

Ja, ich will – das ist ein unglaublicher Satz, der mein Leben verändern kann, wenn ich beschließe den Rest meines Lebens mit einem anderen Menschen zu teilen. Dieser Satz wird mein Leben verändern, nicht von jetzt auf gleich, nicht wie ein Vulkanausbruch, eher schleichend wie der Klimawandel. Mein Lebensstil verändert sich, Pläne bekommen eine neue Zielrichtung, andere Dinge verlieren ihren Wert.

Ja, ich will, das kann ich auch zu meiner Taufe sagen, immer aufs Neue jeden Tag und mich darüber freuen, dass meine Eltern das für mich entschieden haben und dass Gott mitspielt.

Da kann sich einiges Überraschendes entwickeln, wenn ich das große Ja Gottes zu mir höre und mit meinem Ja täglich darauf antworte. Ich werde ein anderer Mensch, nicht mit dem berühmten Knall aber in meinen ganz alltäglichen Lebensvollzügen.

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