Eine etwas andere Weihnachtsgeschichte

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

eine biblische Weihnachtsgeschichte der etwas anderen Art möchte ich Ihnen an diesem Abend erzählen. Da ist einmal nicht von der Krippe und dem Kind die Rede, da singen nicht die himmlische Heerscharen das Lied von der Sehnsucht nach Frieden, da eilen keine Hirten, das Kindlein zu schauen und Maria und Josef bleiben verborgen.

Und doch ist es für uns heute eine Weihnachtsgeschichte.

Es geschieht in einer Nacht wie dieser. Das hektische Treiben hat sich gelegt. Die Arbeit des Tages ist getan. Vielleicht war es damals nicht so viel wie das, was sie heute noch alles zu erledigen hatten, damit das Weihnachtsfest beginnen kann: Letzte Einkäufe in den Läden der Stadt, letzte Vorbereitungen für die Besuche und Besucher der nächsten Tage, letzte Hand musste an den Weihnachtsbaum gelegt werden. Nun aber ist das alles vorbei, sie sind zusammen mit vielen anderen über die Straßen der Stadt in die festlich geschmückte Kirche gekommen, froh gestimmt und erwartungsvoll, was sie dieses Jahr von der Weihnachtsbotschaft mit in ihre Häuser nehmen können.

In der Geschichte, die wir hören, hat sich auch jemand auf den Weg gemacht. Allerdings ist er im Gegensatz zu uns allein unterwegs und er bleibt im verborgenen, er möchte nicht gesehen werden, sondern mit seinen Fragen und seiner Sympathie für Jesus allein bleiben. Deswegen sucht er das Dunkel der Nacht. Aber es gibt Lebensfragen, da finden wir die Antworten nicht allein, schon gar nicht bei uns. Das sind die entscheidenden Fragen im Leben: wo kommen wir her, wo gehen wir hin? Macht das alles Sinn, was wir im Leben erfahren? Wird es irgendwann wahrhaften Frieden geben und das unschuldige Leiden so vieler aufhören? Gibt es Gerechtigkeit im Leben?

Wie oft haben wir uns das im letzten Jahr gefragt und wie oft haben wir gerade zu Weihnachten festgestellt und festgehalten, wie weit die Botschaft der Engel noch immer von unserer gesellschaftlichen und politischen Realität entfernt ist. Womöglich deshalb, weil wir immer noch die Antwort suchen, lenken an diesem Tag so viele Menschen ihre Schritte hin zu diesem Ort, hin zur Krippe und dem Kind, das wir in ihr finden.

Nikodemus, ein jüdischer Gelehrter, macht es ganz ähnlich: seine Schritte führen ihn in dieser Nacht zu Jesus hin. Mit ihm möchte er darüber reden, wie das mit Gottes neuer Welt, auf die er wie so viele seiner Zeit hofft, denn werden soll, wie wir Menschen neu anfangen, uns wirklich verändern können, wie das mit dem Leben und dem Tod sein wird, ob alt und jung das selbe hoffen und erwarten können. Zeitlose Fragen, wenn ich an die Begegnungen des letzten Jahres denke, wichtige, letzte Fragen, die Nikodemus umtreiben und die er ins Nachtgespräch einbringt – und unterschwellig ist die ganze Zeit zu spüren, dass alles an diesem Jesus hängt, dass hier die Antwort auf alle unsere Fragen verborgen liegen und darauf warten, von uns geborgen zu werden:

So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Denn Gott hat seinen Sohn nicht gesandt in die Welt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. (Johannes 3,16+17).

Das ist die Antwort, die Jesus gibt. Das ist die Antwort, die ich in diesem Fest Weihnachten finde. So sehr hat Gott die Welt geliebt. Das ist die eigentlich Sprengkraft der Weihnachtsbotschaft.

Diese Welt mit ihren Licht- und Schattenseiten, diese Welt, die der Evangelist Johannes ansonsten in düsteren Linien malt, diese Welt, in der ich sofort aufzählen kann, was in ihr alles nicht in Ordnung ist, diese Welt, in der ich oft Schlimmes mit ansehen oder erleiden muss, diese Welt, zu der ich nun mal mit meinem mal mehr und mal weniger gelingendem Leben dazu gehöre, diese Welt ist in Gottes Augen liebenswert, so liebenswert, dass er sich dieser Welt ganz und gar aussetzt und ausliefert. Wie soll ich das denn sonst anders verstehen, dass Gott Mensch in der Gestalt eines Kindes wird, als dass er sich uns ganz und gar ausliefert, nicht mit Macht und Prunk, sondern hilflos und hilfsbedürftig in diese Welt kommt, wie jedes neugeborene Menschenkind, das nicht ohne die Fürsorge seiner Eltern leben und wachsen kann?

Wenn das heute jeder und jede für sich mitnehmen kann, dass er und sie in Gottes Augen liebenswert ist, dann hätten wir schon viel von der wunderbaren Weihnachtsbotschaft begriffen. Wer liebt, der sieht mit anderen Augen, der entdeckt eine Schönheit, die anderen verborgen ist. So schaut Gott uns an und kann Seiten entdecken, die wir nicht wahrnehmen. Wir stehen vor ihm in einem anderen Licht dar. Damit sollen die Schattenseiten nicht einfach ausgeblendet oder retouchiert werden, aber Veränderung kommt nicht aus der Angst oder mit Druck, Veränderung bei uns braucht die Grunderfahrung angenommen, akzeptiert, liebenswert angeschaut zu werden und so gelingt sie dann auch. Gott hat sich das etwas kosten lassen, hat ein deutliches Zeichen seiner Liebe gegeben, damit Neues werden und wachsen kann. Deshalb unterscheidet sich Gottes Reformpaket fundamental von all den menschlichen Erneuerungsversuchen auch von denen die wir dieses Jahr so mitbeobachtet haben.

So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab.

Ich weiß nicht, ob Nikodemus Jesus wirklich bis in die Tiefe verstanden hat. Für uns heute klingt dieser Satz, der das Evangelium, die Frohbotschaft, so einfach zusammenfasst, ganz und gar weihnachtlich. Es klingt nach den vielen Geschenken, den Gaben, die für uns zu diesem Fest dazugehören. Ja, Gott schenkt sich, das ist wahr, aber es ist mehr damit gesagt. Es ist ein ganzes Leben damit gedeutet und unter eine Lebensüberschrift gestellt worden. Ich habe oft erlebt, dass es für einen Menschen so eine Art Überschrift gibt, einen Satz, der sich wie ein roter Faden durch das Leben zieht. Manchmal lautet der Satz: „der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“und dann könnte ich aus diesem Leben die Geschichten von Gottes Fürsorge erzählen.

Manchmal lautet er: „Dennoch bleibe ich stets an dir“ oder aber „nichts kann uns trennen von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist.“ Und da gehört die Kraft hin, die einem in schwierigen Lebenslagen aus dem Glauben zuwachsen kann. Für Jesus gilt der Satz: So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab. Es war ein Leben der grenzenlosen Hingabe an Menschen am Wegrande, dass deshalb am Kreuz endete, ja enden musste. Es ist letztlich auch eine Passionsgeschichte, die zu erzählen ist. Dieses Leben war und ist so menschlich, dass auch das Leiden, die Einsamkeit, der Verrat, die hilflosen Fragen und der Tod miterzählt werden müssen. Wir können uns wiederfinden, gleichsam bergen in diesem Leben mit seinem Auf und Ab – auch das ist Kern der Weihnachtsbotschaft.

Aber meine Weihnachtsgeschichte, das Gespräch zwischen Jesus und Nikodemus ist damit noch nicht zu Ende.

Einen Teil des Gespräches habe ich noch ausgelassen: So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Denn Gott hat seinen Sohn nicht gesandt in die Welt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.

„Alle, die an ihn glauben“ – „richten“ – „retten“. Das Gespräch bekommt eine merkwürdige Wendung Wer darf eigentlich Weihnachten feiern. Nur die, die an ihn, Jesus, glauben. Nur die, für die Weihnachten zur Leitkultur gehört? Aber welches Weihnachten denn ? Nur das der stillen und heiligen Nacht an der Krippe des Kindes oder auch das der angezündeten Lichter oder unter dem Dom des Sternenzeltes, um nur zwei Beispiele für Lieder zu nennen, die es vermeiden Christus beim Namen zu nennen.

Ich glaube , dass die Frage einfach falsch gestellt ist. Sie muss eigentlich lauten: was würde uns fehlen, wenn es Weihnachten, die Botschaft von Gottes liebevollem Blick auf diese Welt und mein Leben, nicht gäbe.

Alles würde uns fehlen. Unsere ganze Hoffnung, unsere Sehnsucht nach einem Stück heile Welt, die wir uns nicht nur einbilden, sondern erleben, liefe ins Leere. Unser Leben wäre ärmer und kälter. Diese Welt wäre schon gerichtet, sie wäre schon aufgegeben. Unser Feiern wäre hohl und leer und wie ein blinder Rausch. Aber immer und immer noch erklingt in diese Nacht hinein – Gott sei Dank – die alte, immer neue Botschaft der Weihnacht, auf dass es jeder höre und jeder annehme: So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.

Denn Gott hat seinen Sohn nicht gesandt in die Welt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde.

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