Eine Bergpredigt (zu Psalm 121)

Predigt zum Altjahresabend über Psalm 121; P.C. Sauerberg, Heiligenhafen, ev.
Psalm 121, 1ff.
(1) Ein Wallfahrtslied. Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher wird meine Hilfe kommen?
(2) Meine Hilfe kommt vom HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat.
(3) Er wird nicht zulassen, daß dein Fuß wanke. Dein Hüter schlummert nicht.
(4) Siehe, nicht schläft noch schlummert der Hüter Israels.
(5) Der HERR ist dein Hüter, der HERR ist dein Schatten über deiner rechten Hand.
(6) Am Tag wird die Sonne nicht stechen, der Mond nicht bei Nacht.
(7) Der HERR wird dich behüten vor allem Übel, er wird dein Leben behüten.
(8) Der HERR wird deinen Ausgang und deinen Eingang behüten von nun an bis in Ewigkeit.

Liebe Gemeinde am letzten Abend des Jahres 2010;
Nein, ich halte Ihnen keinen Jahresrückblick, ich möchte weder den Stern noch das Fernsehen hier imitieren.
Ich erzähle Ihnen was über Berge. Hier in Schleswig-Holstein, wo der höchste Berg der Bungsberg ist mit immerhin 168m über Null, da ist das doch ein passendes Thema am Sylvesterabend, nicht wahr.

Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher wird meine Hilfe kommen?
Meine Hilfe kommt vom HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat.

Den Psalm haben wir vorhin gehört.
Der Zionsberg in Jerusalem. Wallfahrer auf dem Weg dorthin. Kilometerweit bergauf über Stein und durch Gestrüpp. Dann liegt er da, der heilige Berg, auf ihm der Tempel thronend wie eine der Trutzburgen an Rhein oder Mosel. Man hebt erleichtert und verzückt die Augen. Das Ziel der Sehnsucht. Es ist geschafft, gleich ist es geschafft, gleich sind wir da. Nein…nicht nur auf einem Berg, in einem Tempel, nein bei unserem Gott, unserer Hilfe, unserer Kraft, unserem Heil und unserem ShangriLa. Jetzt wird alles gut.
Religion und Berge. Zionsberg, Sinaiberg, Verklärungsberg, das Gipfelkreuz in den Alpen, die Akropolis in Athen, die Pyramide als mit Schweiß und Tränen errichteter Gottesberg und Himmelsleiter, die Kirche in Heiligenhafen auf dem Kirchberg macht da keine Ausnahme. Gott ist oben. Ach, wie schön einfach war das doch, steige nur hinauf, und Du findest Gott. — Und trotz all unserer modernen Aufgeklärtheit und Entzauberung der Welt, ist davon im Gefühl der Seele etwas geblieben: Auch wir heben unsere Augen auf zu Berggipfeln und fühlen, gegen alle Vernunft fühlen wir es: Das Erhabene, das Heilige, die Kraft, das Tremendum und Fascinosum…sollte Gott vielleicht doch dort droben wohnen?

Ein Berg ist anders. Der Galgenberg, Golgotha, Schädelstätte, Elendshügel, Höhe 714 vor Verdun, Oberstadt von Rio, Müllberge vor Bombay und Kalkutta, Schuttberge 1946 mit Trümmerfrauen dazwischen. Ich hab das Elend meines Volkes gesehen, so heißt es im AT, ich bin herabgestiegen, sie zu erretten.
Gott kommt runter vom Thron und hohem Ross, heraus aus dem Palast und Tempeldunkel ins leben, ins pralle Leben, aber auch ins elende Leben.

Berge: Glaube versetzt Berge, so sagt man. Das sind noch mal andere Berge. 2010 ist hinter uns, welche Berge sind hinter uns? Heben wir mal die Augen auf schauen sie von hinten an. Aus der Rückschau. Jeder und jede seine eigenen. Drüber weg? Haben wir sie versetzt? Überwunden? Ertragen und bewältigt? Wenn dem so ist, das wäre doch gut. Dann lasst uns ruhig dankbar sein: Unser Hilfe kam vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. In der Rückschau macht man Glaubenserfahrung. In der Rückschau erscheint scheinbar Sinnloses als sinnvoll gemachte, als daraus gelernte Erfahrung.

Lässt sich nicht alles und nicht jeder Berg von hinten betrachten? Das wird auch so sein, dass wir Berge mit schieben und nehmen und vor uns her schieben ins Neue Jahr. Nur weil das Kalenderblatt wechselt, wechselt sich die Farbe des Lebens ja nicht gleich mit, nicht wahr.

Ich habe das Elend meines Volkes gesehen. Ich steige herab. Golgotha. Hebe Deinen Augen auf zu diesem Berg, zum Kreuz. Zum Berg des Elends. Er ist nicht weg. Gott ist Jesus. Gott ist da, wo der Mensch ist. Und sei ich Mensch auch noch so tief im Sumpf und sei der Berg des Problems auch noch so steil wie eine Wand, seine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Leben gibt’s nicht ohne Schwachheit. Und wer immer starkstarkstark ist bricht am Ende unter dem eigenen Starkseinmüssen zusammen.

Nein, in der Mitte irrt der 121. Psalm: Der Herr behütet nicht vor allem Übel, die Sonne sticht im Leben und der Schatten über der Hand ist nicht immer da, und die Hand rutscht aus und der Mund verbrennt sich, und manchmal ist das Leben unerträglich heiß und manchmal unerträglich kalt.
Aber das stimmt, ja so stimmt´s: der Herr behütet in allem Übel, die Macht, die hoffen und trotzdem glauben und dennoch lieben und immer wieder leben und hoffentlich verzeihen und um Verzeihung bitten lässt, sie ist nicht eingesperrt in Tempeln auf Bergen, sie ist in den Menschen lebendig, zuerst in Jesus, dann in mir und in Dir und in denen, die nicht hier sind wohl auch, ob sie es wahr haben wollen oder nicht.

Nun ist es doch nicht nur eine Rede über Berge geworden, sondern am Ende eine Predigt. Was Sie, liebe Gemeinde, wohl auch nicht allzu sehr überrascht hat.
So eine Art Bergpredigt zum Jahreswechsel. Damit wir mit Mut und Zuversicht von 2010 nach 2011 gehen, behütet und getröstet wunderbar, von guten Mächten wunderbar geborgen. Amen

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