Ein „Zettel“ der das Leben bereichert

Liebe Gemeinde!
Das Wichtigste steht auf dem Beipackzettel. Bei Medikamenten z.B. ist das so. Hier sind alle wesentlichen Informationen, Wirkung, Wechselwirkung und Inhaltsstoffe enthalten. Häufig lese ich diese Fülle an Informationen, auf diesem viel zu großen und viel zu klein bedruckten Stück Papier, überhaupt nicht. Allerdings wenn mir was unklar ist, dann mache ich mir schon die Mühe, den Zettel genau zu lesen.

Der Hebräerbrief enthält auch eine Art Beipackzettel. Über zwölf Kapitel hinweg entfaltet ein unbekannter Christ sein Verständnis des Wirkens Jesu. Er hat einen ganz eigenen Ansatz. Keine billige Nachahmung eines Evangeliums der vier bekannten Evangelisten. Keine Apokalypse wie bei Johannes. Keine Weiterentwicklung der Theologie für Menschen, jenseits des Christentum, wie bei Paulus.

Der Brief an die Hebräer, er wird wohl eine Predigt an die Christen in Rom gewesen sein. Er nimmt das Bild des Hohenpriesters aus der jüdischen Tradition auf. Es findet Anwendung auf Jesus von Nazareth.

Nach Jesu Leben und Sterben scheinen ihm keine weiteren Opfer notwendig. Keine leichte Kost, die der Autor seinen Lesern zumutet. Theologisch anspruchsvoll und eigenständig. Die Sprache kunstvoll und mit ungewöhnlichem Vokabular angereichert. Nein, der Hebräerbrief ist kein Billigprodukt aus dem theologischen Supermarkt. Ich muss mir seine heilsame Wirkung verschreiben lassen.

Und auch die, die den Hebräerbrief auszulegen haben, tun sich mit ihm schwer. Aus dem Grund, sie lesen den Beipackzettel nicht. Er ist zu finden im letzten, dem 13. Kapitel. Hier tritt der Briefschreiber aus seiner theologischen Distanz heraus. Jetzt wird er ganz praktisch. Er wendet die Mixtur seines theologischen Ansatzes auf die Gemeinde an. Lohnt es doch, ihm in der geistlichen Apotheke einen Platz einzuräumen?

Die ersten drei Verse des 13. Kapitels des Hebräerbriefes, dieser Beipackzettel, sind heute der Predigttext:
1 „Bleibt fest in der geschwisterlichen Liebe.
2 Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.
3 Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt.

Liebe Gemeinde!
Hier geht es nicht um theologische Raffinesse. Ein überzeugender Glaube muss sich im Leben bewähren. Meine ganze Haltung sollte den Geist Gottes widerspiegeln. Auf die Umsetzung der 1 „geschwisterlichen Liebe“ kommt es an. Der Beipackzettel beschreibt, wie der Glaube an Christus funktioniert. Auf drei Wirkstoffe kommt es dabei besonders an. Sie alle entfalten ihre Wirkung direkt am Menschen.

Überraschend, am Anfang steht auch: die 2a Gastfreundschaft“. Ein großer Irrtum ist zu glauben, das Reisen sei eine Erfindung der Moderne. Viele prägende Figuren aus der Anfangszeit der Kirche waren ständig unterwegs. Nicht nur Paulus. Unzählige, meist unbekannte Werbereisende in Sachen: „Verbreitung des Evangeliums“.

Ein dichtes Netz aus Hotels und Übernachtungsmöglichkeiten gab es damals noch nicht. Wer sich auf Reisen begab, kam bei anderen Anhängern der Jesus-Bewegung unter. Christliches „Couch-Surfen“ als Überlebensbedingung der Kirche.

Wer gastfrei ist, lädt nicht nur Freunde oder Verwandten ein. Wer gastfrei ist, öffnet sein Haus für fremde Menschen. Speziell für die, die sich als Sympathisanten dieses „Jesus Christus“ outeten.

So entwickelte sich die Bezeichnung: „Fremdenzimmer“ Sie konnten auch zur „Engelsherberge“ werden: 2b „Einige haben ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“ Hier blitzt die Erinnerung an Abraham und Sarah auf.
(1. Mose 18). Sie empfingen Reisende und bewirteten sie. Diese Besucher, erweisen sich am Ende als direkte Boten Gottes. Allerdings, die Deutung dieses Satzes bleibt offen.

Es gibt zahlreiche Geschichten, in denen unbekannte Gäste zum Segen für ihre Gastgeber geworden sind. Sie stellten Ihre Gaben in den Dienst ihrer Gastgeber und deren Gemeinde und haben sie bereichert. Sie waren Türöffner Gottes. Denn wer im ersten Jahrhundert den Apostel Paulus beherbergt hatte, ahnte nicht das man von diesem Gast auch noch zweitausend Jahre später reden würde.

Solche besonderen Gäste kenne bestimmt auch einige von ihnen. Bevor sie eintreffen steht, bei aller Vorfreude, die Arbeit im Vordergrund. Das Zimmer muss gerichtet werden, auch Essenszutaten sind zu kaufen. Wenn die Gäste dann wieder abgefahren sind, wirkt das Haus leer. Allerdings ein seltsamer Glanz verweist darauf, dass hier wohl ein ganz besonderer Mensch beherbergt wurde. Vielleicht sind sie ihnen auch schon zu Engeln geworden.

Der Wirkstoff: „Gastfreundschaft“ sorgt dafür, dass Menschen Heimat finden, wo auch immer sie herkommen. Biblisch gesprochen, „So wird der Leib Christi aufgebaut!“

Nach den Gastgebern kommt die 3 „Solidarität mit den Gefangenen und Misshandelten“. Nicht Gefangene und Folteropfer ganz weit weg sind gemeint. Sondern Menschen, die wegen ihres Glaubens willkürliche Beschädigungen erleiden oder ihn mit dem Leben bezahlen.

Dem Schreiber geht es um 1 „geschwisterliche Liebe“. Hier ist der Zusammenhalt mit denen gemeint, die nicht im Gästezimmer ihrer Mitglaubenden, sondern auf dem bitterharten Boden der Realität im Gefängnis der Herrschenden gelandet sind.

Diese können uns nie gleichgültig sein. Was ihnen geschieht, geschieht uns allen. Dieser Blick ist heute wie damals gefordert, Kirche gerät wieder in den Blick der Machthaber. In Bedrängnis geraten Christen, weil sie sich nicht einfach vereinnahmen lassen. Unser Glaube an den Gott, an die Freiheit und die Gerechtigkeit legen die Strukturen des Unrechts offen.

Wir fühlen uns, auch durch den Hebräerbrief bestärkt, all denen verbunden die das Unrecht beim Namen nennen. Auch wenn sie das Medikament des Hebräerbriefes nicht kennen. Die Familie Gottes ist größer, als die Zahl derjenigen, die zur weltweiten Kirche gehören.

Wenn wir der Opfer von Unrecht und Gewalt gedenken heißt das, die Familie der Menschheit als Ganzes zu betrachten. Der Wirkstoff der Solidarität mit den Opfern hält die Zusammengehörigkeit aufrecht. Auch so wird der Leib Christi auf erbaut.

Auf dem Beipackzettel des Hebräerbriefes werden noch weitere Wirkstoffe genannt. Z.B. anderen Menschen Gutes angedeihen zu lassen und mit ihnen zu teilen.

Für heute lassen wir es bei den drei wichtigsten Wirkstoffen bewenden. Ich muss nicht immer gleich den ganzen Beipackzettel lesen, um das Medikament in seiner Wirkung zu verstehen. Am Ende geht es darum, dass das Medikament zum Einsatz kommt.

Es entfaltet seine Wirkung schon die ganze Geschichte des Gottesglaubens hindurch. Es lässt uns leben, glaubend und zweifelnd, skeptisch oder voll Glaubensheiterkeit. Aber allemal den Schwestern und Brüdern, den fernen und den nahen, zugewandt. Und getragen von der Gewissheit, dass Gott Gutes mit uns im Sinn hat.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

(Danke, Anregungen zu Teilen meiner Predigt habe ich erhalten von Traugott Schächtele.)

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