Ein Stück vom Himmel auf Erden

(Mit Dank an Eugen Drewermann)
Tatsächlich trifft Jesus die Jünger bei ihrem alltäglichen Tun. Petrus, Thomas und noch ein paar sind schon die ganze Nacht auf dem See. Bestimmt geben sie ihr Bestes, aber ihre Anstrengungen sind wenig aussichtsreich. Es ist nach Ostern, aber es fühlt sich immer noch an, wie eine lange, nicht enden wollende Nacht. Voller Bemühen, aber ohne Ertrag. Wie lange diese Zeit dauern wird, wer kann das sagen. Der Morgen dämmert bereits, aber die Netze der Jünger sind immer noch leer. Der Hunger nach Leben ist groß.

Tatsächlich trifft Jesus uns bei unserem alltäglichen Tun: In so einer Nacht, an einem See. Und die Namen der erwähnten Jünger, wir könnten diese gegen unsere austauschen. Auch Nacht und See sind nicht zufällig gewählt: Die Nacht bedeutet keine Aussicht auf Zukunft, um uns herum ist es dunkel, und unter uns nur Wasser, kein festes Land.

Dabei mangelt es uns nicht an Fleiß, nicht an Initiative und Mut. Aber wir spüren, wie schwer dieses Leben ist. Die Netze sind leer. Spätestens in der Dämmerung wird Bilanz gezogen.
Und vom festen Land aus ruft Jesus, was habt ihr mitgebracht? Das ist ein besonderer Moment. Denn immer wenn Gott eine Frage an uns Menschen stellt, geht es um die tiefe Wahrheit. Da helfen keine Ausflüchte. Und auf diese Frage, wie es uns geht, sind auch die eingeübten Flunkereien nicht von nutzen. Es bringt nichts, uns weiter etwas vorzumachen.

Kinder, nennt Jesus uns als nun vom Ufer des Sees aus und dieser Gruß ist unerhört wichtig. Diese Art der Anrede bedeutet, dass ich nicht mehr großtun muss, ich brauche nicht mehr den Macher zu spielen. All meine Mittelmäßigkeit, meine Erfolglosigkeit, mein ganzes Scheitern – darf ich mir eingestehen. Es ist mir erlaubt, ehrlich zu sein.

Aber diese besondere Art der Wahrheit braucht mehr. Wer ehrlich sein will mit sich, wer zu dieser Art Wahrheit imstande sein will, ohne Angst vor einer Blamage, braucht dafür einen besonderen Raum.
Gerade in der Nacht, wo die Gedanken kreisen und Probleme größer sind als sonst, braucht es den Anfang neuen Lebens, einen Sonnenaufgang vom Ufer her.

An diesem Ufer steht Jesus und ruft Anweisungen herüber ins Boot.
Werft die Netze rechts aus. Das ist die Seite des Verstandes. Des rationalen Denkens. Noch einmal vergewissern, was war. Überlegen, was zu tun ist.

Beraten, was jetzt dran ist. Das Christentum hat nie bloß vom entfernten Ufer geträumt. War nie auf Weltflucht angelegt. Wie für die Jünger im Boot galt es immer, sich voll und ganz auf diese Welt einzulassen. Mit allem, was ich habe. Mit Haut und Haar. Und das wird erträglicher mit dem Wissen um das rettende Ufer. Die Welt ist dann kein Abgrund mehr.
Und Jesus ruft, weil er will das Leben gelingt.

Tatsächlich trifft Jesus uns bei unserem alltäglichen Tun. Als er uns begegnet, am beginnenden Tag, schwenkt er keine Fahnen des Triumphes.
Stattdessen hat er schon ein Kohlenfeuer gemacht. Ich kann es knacken hören und rieche den Fisch, den er darauf brät. Und er blickt mich an, und fragt mich, Kind, hast du was zu essen? Lächelt dabei und bietet mir einen Platz am wärmenden Feuer an. Neben ihm.
Nach all dem Dunkel, den Mühen und Plagen schweigen wir erstmal, lernen uns neu kennen. Ungeschickte Versuche der Annäherung.
Es sind besondere Momente wie diese, in denen man etwas finden kann, was man vorher nicht erwartet hätte. Nach der dunklen Nacht, ein neuer Morgen mit Jesus am knackenden Feuer. Ein Stück vom Himmel auf Erden.
Frohe Ostern!
Amen.

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