Ein Spalt in der Tür

Liebe Gemeinde!

Mose und der brennende Dornbusch: das ist eine Geschichte, die fast zeitlos von den ganz großen existenziellen Fragen erzählt. Ein Mensch, der von Gott gesehen wird, ein Mensch, der Gott sieht und erkennt und dem der Gottesname offengelegt wird. Ganz großes Kino. Diese Geschichte lässt mich schaudern, weil sie wie ein Spalt in einer Tür ist, die sich für uns Menschen eigentlich nicht öffnen lässt.

Natürlich erzählt diese Geschichte zuerst und vor allem, von Mose, der auserwählt wurde, das Volk Israels zu befreien. Und diese Geschichte erzählt wohl auch, warum der Ort des brennenden Dornbuschs ein besonderer war, ein heiliger Ort, wahrscheinlich ein besonderer Kultort. Mehr aber noch erzählt sie von der Begegnung eines Sterblichen mit dem unendlichen Gott und von der Möglichkeit, Gott zu erkennen.

Mose, der gerettete Hebräer wuchs bei einer Ägyptischen Prinzessin auf und musste nach Midian fliehe, weil er einen ägyptischen Aufseher erschlagen hatte. Wahrlich keine Ruhmestat! In Midian heiratete Mose und ging seinem Beruf als Schafhirte nach. 

Hier setzt unsere Geschichte ein. Offensichtlich ist es wichtig zu betonen, dass Mose die Schafe über die Grenze der Wüste hinaus treibt. Nur so ist es möglich, dass er die sonderbare Erscheinung des Dornbuschs sieht. Ein Busch, der zu brennen scheint und doch nicht verzehrt wird. Das macht Mose neugierig. Außerhalb der vertrauten Wege gibt es diese Offenbarung Gottes. Ich will da nicht zu viel hinein interpretieren, aber es scheint doch wichtig zu sein, dass eine Begegnung mit Gott da passiert, wo jemand über Grenzen hinausgeht, über das Vertraute und Gewohnte und im wahrsten Sinne weiter geht als bisher. Ich finde das jedenfalls erst einmal ermutigend. Unbekanntes und scheinbar Unmögliches auszuprobieren eröffnet den Raum für eine Begegnung. Natürlich passiert das nicht immer und automatisch da, wo ich über Grenzen gehe. Aber unwichtig ist es wohl auch nicht, sonst wäre es nicht über die Jahrtausende so erzählt worden. 

Mose ist bereit für eine Begegnung. Weil er alles hinter sich gelassen hat. Er ist offen und sensibel. Er hört den Ruf, der sich an ihn richtet. Als er die Stimme hört, die ihn mit Namen ruft, gibt es kein Wegducken, keine Schrecksekunde, sondern ein ganz klares: „Hier bin ich!“ Das zeigt Offenheit an und die Bereitschaft, sich ansprechen zu lassen.

Über sich hinausgehen und dann offen sein, sich ansprechen zu lassen, das sind wichtige Grundvoraussetzungen für eine gelungene Begegnung. Mose spürt, welch großer Moment das in seinem Leben ist: der unendliche Gott spricht ihn mit Namen an. Der Grund des Lebens öffnet sich ihm, tritt in Kontakt und wird hörbar.

Wie viel Störendes, wie viel Ballast, wie viel innere Barrieren müssen da erst einmal zu Seite geräumt werden, bis das möglich ist. Kein Wunder, dass solch eine Begegnung abseits geschieht. Jenseits der großen Wege, fernab einer Besiedlung, weit draußen, wo nichts stört und ablenkt. Der Fokus ist ganz auf diesen Busch gerichtet ist, der brennt und doch nicht verbrennt. Wie eine Sonne, die nicht untergeht.

Allein diese Szene reicht schon aus, um daraus einen Roman zu schreiben. Und doch ist das nur der Vorspann für die eigentliche Begegnung. Jetzt ist Mose bereit zu hören, aufzunehmen und die Worte bei sich ankommen zu lassen. Es ist ein Weg, bis ich Gottes Stimme höre. Ein Weg, der unterschiedlich lang ist, und es ist keineswegs klar, dass jede oder jeder diesen Weg geht. Denn auch das bleibt über dieser Geschichte stehen wie eine unausgesprochene Wolke: warum nun gerade Mose in den Vorzug kommt, Gott zu begegnen, löst sich nicht auf. Sein Lebenswandel wird es nicht gewesen sein, der ihn zu einem Auserwählten macht. Wer einen Menschen umgebracht hat, ist ja nicht zu aller erst verdächtig, ein Heiliger zu sein.

Gott aber stellt sich diesem Menschen vor als der Gott, der eine Geschichte hat mit den Vorfahren des Mose. Der Gott deines Vaters und der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Jetzt erst wird es dem Mose ganz klar, was da geschieht. Der Schreck fährt ihm in die Glieder. Er verhüllt sein Angesicht, um nicht zu vergehen. Was er jetzt zu hören bekommt, ist unerhört. Er, Mose, soll das Volk der Israeliten anführen und  aus der Gefangenschaft befreien.

Ganz schnell wird aus dem „Hier bin ich!“ ein „Wer bin ich, dass ich das tue?“ Nein, Mose eignet sich nicht zum Helden. Er erscheint ganz menschlich und normal. Seine Skrupel sind leicht nachzuvollziehen. Wer würde schon gerne aus dem Alltag gerissen, um eine solche Aufgabe auferlegt zu bekommen. Die Reaktion erinnert an den späteren Propheten Jeremia, der sich auch nicht vorstellen kann, im Namen Gottes zu sprechen und zu handeln.

Aber Gott braucht Menschen. Er braucht zu seinem Handeln das Mittun von Menschen. Das zieht sich ja wie ein roter Faden durch alle biblischen Geschichten. Gott ist kein Zauberer im Himmel, der mit unsichtbarer Hand lenkt und leitet. Es geht immer ganz konkret um einzelne Menschen, die immer mal wieder herausgenommen werden aus der Masse. Gott kann nur in diese Welt kommen, wenn Menschen ihm ein Gesicht geben, eine Stimme, eine Gestalt. Das spitzt sich dann einmal für uns so zu, dass wir in Jesus von Nazareth den Menschen erkennen, der ganz Gott ist und in dem Gott sich ganz und gar ablesen lässt.

Doch schon vorher hat Gott Menschen mit Namen gerufen und ihnen zugetraut, für ihn da zu sein. Er setzt seine Hoffnung darauf, dass da welche sind, die sagen: „Hier bin ich!“ Ob wir das für uns sagen können?

Mose jedenfalls konnte sich so weit öffnen, dass er genau verstand, was Gott von ihm erwartete. Das ist ja auch schon eine große Sache! Wer könnte das so klar von sich sagen, was genau und im Einzelnen Gott von uns erwartet. Sicher, wir haben seine Gebote, haben die Worte, die Jesus uns gesagt hat. Aber das ins eigene Leben zu übersetzen, es für jeden Tag zu deuten und danach zu leben – das ist eine gewaltige Aufgabe.

Gewaltig war das auch für Mose, was Gott da von ihm erwartete. Nur zu klar, dass Mose Sicherheit will. Wer bin ich denn? Gott sichert seine Nähe zu. Er deutet auf den Gottesberg und sagt: dort werdet ihr mir dienen, wenn ihr aus Ägypten gezogen seid.

Und dann folgt ein kurzer Wortwechsel, der es in sich hat. „Mose sprach zu Gott: Siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt!, und sie mir sagen werden: Wie ist sein Name?, was soll ich ihnen sagen? Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde. Und sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: »Ich werde sein«, der hat mich zu euch gesandt.“

Gott offenbart seinen Namen, der zugleich alles sagt und alles offen lässt. Gott lässt sich in keiner Weise festlegen. Er bleibt völlig unverfügbar. Im Hebräischen liegt all das in dem sogenannten Tetragramm JHWH oder wie das oft dann auch mit Vokalen versehen wurde mit Jehova. Gott ist ein Gott der Begegnung. Einer, der sich in der Situation als Gott erweist. Den kannst du nicht beschreiben oder festlegen. Gott wird Gott sein, wenn du ihm begegnest. So wie bei Mose damals.

Es liegt viel daran, wie es gelingt, das eigene Leben zu lesen. Wie es gelingt, auf die jeweiligen Möglichkeiten und Gegebenheiten zu blicken.

Wohl kaum werden wir einen so spektakulären brennenden Dornbusch erleben. Aber vielleicht war der ja auch ganz unscheinbar. Das wissen wir ja nicht.  

Gott hält sich bereit für uns. Er erweist sich dann als Gott, wenn wir das für uns auch zulassen. Gott braucht sich nicht als ein für allemal gültig und existent zu beweisen. Er weist allenfalls auf sich hin. Sieh auf dein Leben und achte sorgsam darauf, wo er dir begegnet. Wo er sein wird, der er sein wird. Kein Denkmal zum Anfassen, kein Zauberer, der die Wünsche erfüllt, aber einer, der mitgeht. Wenn du sagst: ich kann das nicht, ich bin zu klein oder ich bin es nicht wert. „Ich will mit dir sein.“ Welch ein Wort.

Und auch das: Gott lässt sich nicht in die Karten schauen. Es bleibt etwas Rätselhaftes in dieser Begegnung. Auch wenn du seinen Namen kennst, kannst Du doch nicht über ihn verfügen. Er entzieht sich genau so, wie er dich dann auch ruft.

Gott geht mit in der Geschichte der Menschen. Er geht auch mit mir. Oft unbeachtet, nicht gesehen, unentdeckt. Trotzdem sind da diese Momente, die mich innehalten lassen. In denen sich auch für mich die Tür einen Spalt öffnet. Gott ist der, der er ist, der er war und der er sein wird. Und wir bleiben da Spurensucher. Aber genau das können wir nur sein, wenn wir bereit sind dazu. Wenn wir sagen können: hier bin ich! Trotz der Fragen, die ich habe, trotz des Schreckens in diesem Leben und all der ungelösten Rätsel: Ich will dich erleben als der, der du bist, Gott. Einer, der mitgeht und mir zeigt, dass ich nicht verloren bin.

Amen. 

 

print

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen