Ein Fünkchen Hoffnung oder „ich weiß, dass mein Erlöser lebt!“

Am Montagabend habe ich sie wiedergesehen, die sogenannten Freiheitsboten. Auf ihrem Weg zum wöchentlichen Spaziergang. Ohne Abstand, ohne Masken, aber mit Megafon und vielen Kindern. Kurz vorher habe ich die Nachricht bekommen, dass zwei Erzieherinnen in unserer KiTa positiv auf das Corona-Virus getestet wurden. Seit Dienstag ist die ganze KiTa geschlossen. Quarantäne. Eltern und Kindern wieder zuhause. Verunsichert und voller Fragen.

Wenige Tage davor, abends in einem Discounter, erlebe ich mit, wie die Verkäuferin einen Mann, der beim Betreten des Ladens seine Maske nicht aufhat, freundlich bittet, dieses nachzuholen. Der Mann wird laut, beschimpft die zierliche Frau sogar und weigert sich einfach. Erst nachdem auch andere Beobachter der Szene der sichtlich überforderten Frau zur Hilfe kommen, löst sich die Situation auf.

Die Tochter einer langjährigen Bekannten liegt im Krankenhaus. Die Besuchsvorschriften sind streng. Um die Besuche nicht zu gefährden, verzichtet die komplette Familie seit Monaten auf fast alle sozialen Kontakte, aus Angst vor einer Ansteckung. In der Nachbarschaft feiern zehn Männer ohne Mundschutz und Abstand, aber mit viel Bier ein Grillfest.

Auf der Intensivstation lebt das pflegende Personal ständig in der Angst davor selber zu erkranken und somit auszufallen. Die Arbeitsbelastung ist so schon hoch genug, wer soll die Arbeit machen, wenn ich auch noch ausfalle? So denken viele dort. In Stuttgart demonstrieren zum wiederholten Male Tausende auf engstem Raum gegen die Corona-Maßnahmen.

Ein Freund betreibt ein Reisebüro. Seit Monaten kämpft er, wie die gesamte Branche und viele andere Einzelhändler*innen, um seine Existenz und um die seiner Mitarbeiterinnen. Es ist ein täglicher Kampf, ein stetes Auf und Ab, immer in dem Wissen, morgen könnte schon wieder alles anders sein. Die Freue über die teilweisen Lockerungen ist groß. Als dann Mitte der Woche die Nachricht kommt, dass Impfungen mit Astrazeneca ausgesetzt werden herrscht Ernüchterung. Wird es mal wieder so, wie es war? Und die Inzidenz steigt.

Am letzten Sonntag haben sich die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie zum ersten Mal gejährt und wir haben in diesem Jahr harte Worte gelernt: Inzidenzwert, R-Wert und Triage. Gemeinschaft, Wärme, Nähe und das Zusammenrücken, das gute Gefühl unter Menschen zu leben – das ist vielen von uns dieses Jahr fremd geworden. Alles auf Abstand. Immer auf Distanz.

In der Stadtkirche zu Bad Hersfeld und in vielen anderen Kirchen wurde an diesen besonderen Jahrestag gedacht und das Vorbereitungsteam hatte drei Menschen gebeten, ihre Erfahrungen in diesem Jahr in kurzen Voten zusammenzufassen.
So erzählte die junge Bestatterin davon, wie bedrückend es ist, in diesen Tagen Beistand zu leisten, wenn keine Nähe erlaubt ist.
Die Pflegedienstleitung berichtete, über die Vereinsamung vieler Patienten. Oft war das Anziehen der Thrombosestrümpfe für viele die einzige Berührung über den ganzen Tag.
Und die Klinikseelsorgerin gab Patienten in ihrem Bericht eine Stimme. Eine Frau berichtete ihr: „Auf der Intensivstation war es die Hölle. Auf der Covid-Normalstation fühlte ich mich wie im finsteren Tal. Erst in der Reha verwandelte sich das Leben langsam wieder in eine grüne Wiese.“ Es waren schwierige Begegnungen, sagt die Seelsorgerin. Es waren allesamt Begegnungen die an die Substanz gegangen sind.

Nach einem Jahr Pandemie bin ich müde. Wie so viele andere auch. Und jetzt steht Ostern vor der Tür und ich weiß nicht, ob dieses Mal alles so klappt wie früher. Ob wir wegfahren können zu den Großeltern, ob wir Besuch haben können oder wieder nur als Familie? Ich wünschte, alle unsere Bemühungen würden endlich fruchten, die Infektionszahlen sinken und wir könnten wieder in der Kirche und im Discounter ohne Maske sein.

Die Situation ist schwierig, für alle und es ist schwieriger geworden. Für alle. Und zu all den Hiobsbotschaften gesellt sich heute auch noch ein Text aus dem Buch Hiob, aus dem Alten Testament. Dort klagt die Hauptperson:
Weinte ich nicht über den, der eine schwere Zeit hat, grämte sich meine Seele nicht über den Armen? Ich wartete auf das Gute, und es kam das Böse; ich hoffte auf Licht, und es kam Finsternis. In mir kocht es und hört nicht auf. Ich gehe schwarz einher, doch nicht von der Sonne; ich stehe auf in der Gemeinde und schreie. Mein Harfenspiel ist zur Klage geworden und mein Flötenspiel zum Trauerlied.

Die Worte Hiobs klingen nach enttäuschter Hoffnung. Wie bei so vielen von uns heute auch: „Ich hoffte auf Licht, und es kam Finsternis.“ Es ist schlimmer geworden, schlimmer gekommen, als ich gehofft hatte.
Nun, man muss schon sehr genau hinschauen, um bei Hiob ein Zeichen der Zuversicht zu finden. Am Ende seiner Klage bleibt dennoch ein Funken Hoffnung: Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt!  sagt Hiob da.
Das heißt für mich: Gott begleitet uns. Er geht mit uns alle Wege. Durch Dunkel und Angst. Durch Einsamkeit. Gott geht durch unser Leben. Geht mit durch alle Wüsten. Weiß unsere Wünsche. Kennt unsere Angst. Kennt die Wut, das schwach sein und stark sein. Er hält zu uns und ist da. In allem, was ist. Diese Hoffnung bleibt. Trotz allem.
AMEN.

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